Geldgeber der Verbrecher 

Bericht »Dirty Profits« zeigt, wer Konzerne finanziert, die für Megagewinne über Leichen gehen. Kampagne fordert verbindliche Regeln.  

Von Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 10.12.2014 

 

Wer neue Minen und Tagebaue erschließen, Fabriken bauen, Urwälder roden und dafür Einheimische »umsiedeln« will, braucht viel Geld. Er bekommt es von Banken, Versicherern, Fonds – die in vielen Fällen auch Anteilseigner sind. Wer besonders zwielichtige Konzerne finanziert, das dokumentiert stichprobenartig der Report »Dirty Profits«, der am Dienstag in Berlin von der Nichtregierungsorganisation »Facing Finance« vorgestellt wurde. Über 30 Autoren aus zehn Ländern haben ihn erarbeitet, beteiligt sind umwelt- und entwicklungspolitische Organisationen sowie Initiativen gegen Finanzmarktspekulation. 

Betrachtet wurden 25 international agierende Unternehmen, die durch »massive Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Ausbeutung und Umweltzerstörung« auffällig geworden sind, und ihre wichtigsten Finanzdienstleister, erläuterte Thomas Küchenmeister, Vorsitzender von Facing Finance. Zusammen erwirtschafteten sie 2013 einen Nettogewinn von fast 450 Milliarden Euro. Unter den Konzernen, deren Geldgeber und Teilhaber unter die Lupe genommen wurden, sind etliche Global Player in Sachen Kohlendioxidemission wie Chevron (USA), Gasprom (Russland), Coal India, Shell (Niederlande), Vattenfall (Schweden) und RWE (BRD). Wegen ausbeuterischer Arbeitsbedingungen und Verletzung der Grundrechte der Beschäftigten wurden der US-Handelskonzern Wal-Mart und das Textilunternehmen Gap, ebenfalls mit Hauptsitz in den Vereinigten Staaten, aufgenommen. Küchenmeister machte zudem darauf aufmerksam, dass Wal-Mart in den USA auch der größte Waffenverkäufer ist. Ebenfalls exemplarisch porträtiert: die Rüstungskonzerne Lockheed Martin und Rheinmetall, der Schweizer Rohstoffhändler Glencore und der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline. 

Den mit Abstand größten Aktien- und Anleihenbestand an den im Bericht untersuchten Unternehmen hält mit insgesamt fast zwölf Milliarden Euro der britische Finanzdienstleister und Versicherer Legal & General. Größter Kreditgeber ist mit 7,5 Milliarden Euro die Barclays-Bank, ebenfalls Großbritannien. Sie ist zugleich der bedeutendste Emittent von Aktien und Anleihen für die vorgestellten Konzerne (8,2 Milliarden Euro). Beim Gesamtumfang der Finanzbeziehungen zu den Unternehmen im Report steht die Deutsche Bank mit 16 Milliarden Euro auf Platz zwei nach Barclays. Auch der deutsche Versicherer Allianz findet sich mit 7,4 Milliarden Euro unter den Top Ten der Finanziers von »dreckigen Profiten« (Platz 9). Die Allianz hält den größten Bestand an Beteiligungen an den für den Bericht ausgewählten Waffenherstellern. 

Regine Richter von der Umweltorganisation »urgewald« forderte bei der Vorstellung von »Dirty Profits«, insbesondere den Öl- und Kohlekonzernen »endlich den Geldhahn« zuzudrehen. Thema im Bericht sind auch die brutalen Verletzungen der Rechte der weltweit rund 60 Millionen Beschäftigten in der Textilindustrie. Was die Situation in Bangladesh betrifft, sieht Silvie Lang von der »Clean Clothes Campaign« Schweiz nach dem Fabrikeinsturz von Rana Plaza im April 2013 Fortschritte. So gebe es inzwischen ein Gebäudesicherheitsabkommen, dem 180 Firmen beigetreten seien. Dadurch hätten sich die Sicherheitsstandards für rund zwei Millionen Menschen, mehrheitlich Frauen, die in der Branche ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, maßgeblich verbessert, sagte Lang. Gap und Wal-Mart jedoch gehören zu den Unternehmen, die sich weigern, dem Vertrag beizutreten. Viele Konzerne lehnen es außerdem ab, sich an der Entschädigung der Opfer von Fabrikunglücken angemessen zu beteiligen. 

Dass internationale Multis buchstäblich über Leichen gehen, zeigt sich immer wieder in der Pharmabranche. Allein in Indien seien zwischen 2005 und 2012 mehr als 2.600 Menschen infolge von Medikamententests gestorben, sagte Küchenmeister. 

Am Beispiel des Konzerns SodaStream thematisiert der Report darüber hinaus auch die illegale und völkerrechtswidrige Geschäftstätigkeit internationaler und israelischer Unternehmen in den von Israel besetzten und kontrollierten Gebieten in Palästina. Rona Moran von der israelischen Organisation »Who profits« berichtete, wie SodaStream und andere Firmen davon profitieren, dass Palästinenser nur die Wahl haben, in den Betrieben der Besatzer zu arbeiten »oder zu hungern«. Gewerkschaftliche Organisierung werde rabiat verhindert, Arbeiter, die dies versuchten, würden gefeuert. Die Firmen verhinderten zugleich aktiv, »dass sich eine unabhängige, palästinensische Wirtschaft in den besetzten Gebieten entwickelt«. 

Der Bericht dokumentiert auch einige Selbstverpflichtungen von Konzernen und Finanzdienstleistern. Diese unverbindlichen Erklärungen aber reichten »bei weitem nicht aus«, um Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung zu verhindern, sagte Thomas Küchenmeister. Facing Finance fordert deshalb mehr rechtlich verbindliche Verpflichtungen wie zum Beispiel Verbote von Investitionen in die Produktion von Streumunition oder Atomwaffen – und eine rasche Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. 

kurzlink.de/dirtyprofits 

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