Unsterblichkeit für Milliardäre 

Ökonomie: Singularität: Hinter den technologischen Wahnideen des Silicon Valley stehen wirtschaftliche Kalküle.  

Von Thomas Wagner 

In: junge Welt online vom 28.10.2014 

 

Können Menschen ewig leben? Werden dereinst Roboter den Menschen von der Erde verdrängen? Lassen sich Gefühle und Denkprozesse digitalisieren? In Deutschland galten Fragen wie diese lange Zeit als Refugium von Esoterikern, Science-Fiction-Fans oder durchgeknallten Zukunftsforschern. Das ist jedoch nicht überall so. Raúl Rojas ist ein renommierter Forscher auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz und der Robotik. Er besuchte 2011 in Brüssel eine Tagung, die sich den künftig zu erwartenden technologischen Entwicklungen widmete: »Sie bestand zu einem Drittel aus Wissenschaftlern, einem Drittel Internetmagnaten und einem Drittel Singularians. Die zweite Gruppe von Diskutanten trifft man immer häufiger: Wer früh eine Million im Internet verdient hat, darf über alles reden, womöglich sogar über Kernphysik, auch wenn das eigene Webportal nur Schuhe vertreibt. Die Singularians haben aber die Konferenz eindeutig dominiert: Dort, wo Fachleute widerstrebend etwas über die nächsten zehn Jahre zu sagen wagen, überschlagen sich die Singularians mit Ankündigungen: Bis 2060 zum Beispiel werden Computer viel intelligenter als Menschen sein, Nanotechnologie wird synthetische Biologie erlauben, wir werden menschliche Organe mit dem 3-D-Drucker anfertigen können, Nanobots werden unseren Körper ständig reparieren, und wir werden unser Bewusstsein auf Roboter ›uploaden‹ können. Der Tod wird gleich doppelt besiegt: Durch die Nanobot-Medizin werden wir nicht mehr altern; für den Fall der Fälle werden jedoch robotische Avatare bereitstehen unsere Gehirn-Software aufzunehmen, so dass wir in einem eisernen Körper weiterleben können« (Telepolis 13.12.2012). 

Die Anhänger solcher Ideen bilden eine weltweite Bewegung, die ständig neue Mitstreiter gewinnt. Besonders viel Anklang findet sie im kalifornischen Silicon Valley. In seiner am 12. Oktober gehaltenen Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sagte der Softwareentwickler und Autor Jaron Lanier: »Innerhalb der winzigen Elite der Milliardäre, die die Cloud-Computer betreiben, herrscht der laute, zuversichtliche Glaube, dass die Technologie sie eines Tages unsterblich machen wird. Google zum Beispiel finanziert eine große Organisation mit dem Ziel, ›den Tod zu überwinden‹. Eine weitere populäre Idee ist, unser Gehirn in die virtuelle Realität ›upzuloaden‹, damit wir für immer in einer Softwareform weiterleben könnten« (FAZ vom 13.10.2014). Wo aber liegen die Ursachen für die Popularität dieser Ideologie, die in dem Erfinder und Buchautor Ray Kurzweil ihren prominentesten Propagandisten hat? 

Unternehmerisches Leitbild 

Der Publizist Douglas Rushkoff interpretiert das Streben nach der Singularität als Ausdruck der »Sehnsucht nach einem Ende angesichts einer alles dominierenden, nicht enden wollenden Gegenwart«.¹ Das apokalyptische Denken ihre Anhänger knüpfe eher an religiöse denn an wissenschaftliche Traditionen an. Tatsächlich erinnert das Engagement, mit dem sie ihre Vision von der künftigen Maschinenherrschaft verkünden, an den Eifer von Predigern. In einem Land, in dem es von obskuren christlichen Sekten nur so wimmelt, mögen sich viele Leute von religiösen Formen der Ansprache angezogen fühlen. Auch dürfte der Glaube an den wissenschaftlichen Fortschritt manchen Superreichen in der Hoffnung bestärken, noch persönlich in den Genuss der Unsterblichkeit zu kommen. Diese Aspekte spielen sicher eine Rolle bei der spezifischen Mischung aus Technik- und Wunderglauben, wie sie der Singularitätsbewegung zugrunde liegt.Weitaus mehr ins Gewicht fällt jedoch ein bisher unterbelichteter Faktor. Die ungeheure Wachstumsdynamik von Hightech-Industrien und Internetwirtschaft bringt ökonomische Handlungskalküle hervor, die bei Start-up-Gründern, Technikern, Konzernlenkern und Risikokapitalgebern eine Tendenz zum Größenwahn befördern. 

Es ist daher kein Zufall, dass sich die Ideen von Ray Kurzweil im Silicon Valley zu einer Art unternehmerischem Leitbild entwickelt haben, wie auch Christoph Keese meint. Der Executive Vice President der Axel Springer SE hielt sich 2013 im Auftrag seines Konzerns für ein halbes Jahr in Kalifornien auf, um die neuesten Entwicklungen in der Start-up-Szene zu studieren. Wer »Investitionen und Entscheidungen von Google und anderen Großkonzernen zu verstehen« versuche,² tue gut daran, sich mit dem dort weit verbreiteten Singularitätsdenken zu befassen. Es lohnt sich, diesen Gedanken weiter zu verfolgen. Dabei fällt zunächst eines auf: Die irre anmutenden Prognosen von Ray Kurzweil über die nach dem Jahr 2045 zu erwartende Computerherrschaft und das Uploaden des menschlichen Geistes in die Cloud haben ihre Wurzeln in einer rationalen unternehmerischen Praxis. Für den mit vielen Preisen ausgezeichneten Erfinder war die Vorhersage technologischer Entwicklungen nämlich der Grundstein für seinen Erfolg als Unternehmer. 

Entwicklungsprognosen 

Der Konstrukteur eines nach ihm benannten Synthesizers und eines Lesegeräts für Blinde war recht erfolgreich. Er warf seine Produkte zu einem Zeitpunkt auf den Markt, als dieser in technologischer Hinsicht reif dafür war. Er selbst schreibt dazu: »Als Erfinder in den 1970ern wurde mir klar, dass meine Erfindungen den technischen Möglichkeiten und Marktverhältnissen zum Zeitpunkt ihrer Einführung entsprechen mussten, und nicht zum Zeitpunkt der Planung. Darum untersuchte ich, wie sich verschiedene Felder – unter anderem Elektro-, Kommunikations-, Prozessor- und Speichertechnik – entwickelten und wie diese Entwicklungen den Markt aufmischten und letztendlich die Gesellschaft veränderten. Ich kam zu dem Ergebnis, dass die meisten Erfindungen nicht an technischen Problemen, sondern am Timing scheiterten. Erfinden ist ein bisschen wie Surfen: Man muss das Entstehen der Welle vorhersehen und genau im richtigen Moment aufspringen.«³ 

Von seiten der Hightech-Industrie und des Staates besteht so viel Nachfrage für Expertise über das laut Kurzweil exponentiell verlaufende Wachstum von Technologien, dass ihn Google 2012 zu seinem Chefingenieur machte und zudem die von ihm und dem Weltraumunternehmer Peter H. Diamandis im Jahr 2008 gegründete Singularity University finanziell unterstützt. In zehnwöchigen Sommerkursen, für die ausgewählte Teilnehmer aus Unternehmen, Politik und Wissenschaft 25.000 US-Dollar bezahlen müssen, werden diese dazu angehalten, Pläne zur Lösung der wichtigsten Menschheitsprobleme zu entwickeln (siehe jW-Thema vom 17.6.2014). »Jedes Jahr bekommen unsere Examensstudenten die Aufgabe, ein Unternehmen, ein Produkt oder eine Organisation so weiterzuentwickeln, dass sie dadurch binnen zehn Jahren das Leben von einer Milliarde Menschen positiv beeinflussen. Ich nenne sie ›Zehn-hoch-neun-plus(109+)‹-Unternehmen. Natürlich hat noch keiner unserer Studenten diese hohe Marke erreicht – schließlich gibt es uns erst seit drei Jahren –, aber wir haben schon großartige Fortschritte erzielt«, schreibt Diamandis in seinem Buch »Überfluss. Die Zukunft ist besser, als sie denken«.4 Am Kursende sollen die Teilnehmer Projekte entwickelt haben, mit denen sie die Aufmerksamkeit von Investoren erreichen. Risikokapitalgeber werden eingeladen, sich ihre Präsentationen anzuschauen.5 Die auf einem NASA-Gelände untergebrachte Weiterbildungseinrichtung hat »vordergründig zum Ziel, Führungskräfte aus Unternehmen, Regierungen und gemeinnützigen Organisationen in Technologie und Hochgeschwindigkeitsökonomie zu unterrichten«,6 so Christoph Keese. Darüber hinaus sei die Singularity University »Esoterik-Institut, Heimstatt für Grenzwissenschaften, Labor für das ewige Leben und Wegbereiterin für einen totalitären Staat«. 

Netzwerkeffekte 

Der kleinste gemeinsame Nenner dieser eigenwilligen Mixtur ist die Devise »Größer ist besser«. Sie zeichnet sich nach Ansicht der US-Ökonomen Carl Shapiro und Hal R. Varian durch eine mittels des Internets beförderte moderne Netzwerkökonomie aus. In ihrem bereits 1999 erschienenen Buch »Online zum Erfolg« (im Original: »Information rules«) beschreiben sie die Tendenz in der Netzwerkbranche zur Herausbildung temporärer Monopole. Bei vielen Informationstechnologien profitierten die Nutzer davon, ein weit verbreitetes Format zu verwenden. Wenn der Gebrauchswert einer Ware für den Käufer davon abhängt, wie viele andere sie nutzen, sprechen die Autoren von einem Netzwerkeffekt. Beispiele sind Telefone, E-Mail, Internetzugang, Suchmaschinen oder sogenannte soziale Netzwerke. Sie schreiben: »Technologien, die starken Netzwerkeffekten unterliegen, tendieren zu langen Laufzeiten, gefolgt von explosivem Wachstum. Dieses Muster beruht auf positiven Rückkopplungseffekten: Da der feste Kundenstamm wächst, sind auch weitere Anwender immer stärker daran interessiert. Möglicherweise erreicht das Produkt eine kritische Masse und übernimmt den Markt.«7 

Und eben diese Marktführerschaft einzelner Technologiekonzerne ist nach Ansicht von Peter Thiel, dem durch eine frühe Investition in das Unternehmen Facebook sehr reich gewordenen Mitgründer des Internetbezahldienstes Paypal, die einzige Chance für die bloße Fortexistenz der Menschheit, die sich technologisch weiterentwickeln müsse, um zu überleben. Das behauptet er in seiner 2014 in Deutschland für das Wirtschaftsbuch des Jahres nominierten Schrift »Zero to one. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet«. Entweder die menschliche Zivilisation stagniere auf dem heutigen Niveau, wodurch ihre Auslöschung aufgrund erwartbarer Verteilungskämpfe um knapper werdende Ressourcen wahrscheinlich werde oder Hightech-Monopolisten setzten mit Hilfe ihrer ökonomischen Mittel technologische Entwicklungen in Gang, »die unsere Vorstellungskraft übersteigen«.8 Thiel knüpft mit seinen Überlegungen ausdrücklich an die von Nick Bostrom, einem Philosophieprofessor aus Oxford, und Ray Kurzweil ausgemalten Szenarien einer künftigen Singularität an. Wie diese genau aussehen wird, sei »weniger entscheidend als die krasse Wahl zwischen den beiden wahrscheinlichsten Szenarien, vor der wir heute stehen: Nichts oder etwas.«9 Welche Auswirkungen die Singularität haben würde, lässt Thiel in dem 2000 gegründeten und von ihm finanzierten Machine Intelligence Research Institute (MIRI) erforschen. 

Kalkulierter Größenwahn 

Die von Start-up-Gründern, Internetmilliardären und Risikokapitalgebern gepflegte »besondere Form von Größenwahnsinn«10 wird durch die dort vorherrschende Investorenstrategie befördert. Laut Christoph Keese haben im Silicon Valley fast nur noch solche Geschäftsideen eine Finanzierungschance, für die eine Bewertung in Milliardenhöhe in Aussicht steht. Sonst lohne sich das Geschäft für den Risikokapitalgeber nicht. Ganz besonderer Ehrgeiz der sich bewerbenden Gründer gehöre daher zu den wichtigsten Kriterien, die Investoren anlegten, wenn sie sich die Idee für ein Start-up anschauten. In der Branchensprache heiße das »Shooting for the Moon«. Diese Investitionspraxis habe weitreichende Folgen für die Themen, an denen Start-ups arbeiten. Gründer, die beispielsweise eine bessere Software für Banken schreiben wollten, hätten kaum eine Chance, und sei sie in technischer Hinsicht noch so revolutionär. Denn eine Bewertung in Milliardenhöhe würden sie kaum erreichen. Mit mehr Aufmerksamkeit könne dagegen ein Gründer rechnen, der die Idee unterbreitet, die Banken komplett abzuschaffen und durch eine Internetplattform zu ersetzen. 

Das dahinterliegende Kalkül der Risikokapitalgeber erläutert Keese wie folgt. Wenn der Fonds eines Venture-Kapitalisten eine Milliarde in zehn Start-ups investiere, gingen davon allein 900 Millionen durch die statistisch erwartbaren Flops verloren. Mit den verbliebenen 100 Millionen müssten dann in zehn Jahren zwei Milliarden verdient werden, um die angestrebte Verdoppelung des ursprünglich eingesetzten Kapitals zu ermöglichen. »Da ein einzelner Fonds aber niemals die ganze Firma besitzt, sondern vielleicht 20 Prozent, müssen diese 20 Prozent zwei Milliarden abwerfen. Also muss die Bewertung von 100 Prozent der Firma 10 Milliarden betragen.«¹¹ 

In kurzer Zeit mit Hilfe des Netzwerkeffekts zu Konzerngiganten herangewachsene Internetunternehmen wie Google, Facebook und einige wenige andere sind erfolgreiche Beispiele für den Erfolg dieser Investorenstrategie. Es ist kein Zufall, dass in ihrem Umfeld die Nichts-ist-unmöglich-Philosophie der Singularitätsbewegung auf fruchtbaren Boden fällt. 

Dass die von ihr verbreiteten Visionen einer technologisch ermöglichten Unsterblichkeit und einer nahenden Computerherrschaft hierzulande noch auf vergleichsweise wenig Resonanz in Unternehmer- und Investorenkreisen stoßen, hat wahrscheinlich eine Menge mit dem Rückstand der hiesigen Internetökonomie hinter dem Silicon Valley zu tun. »Die Start-up-Kultur ist nicht sehr weit entwickelt«, sagte Hal R. Varian in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 25. August 2014. Mittlerweile ist er Chefökonom von Google und bemüht sich nach Kräften, diese Start-up-Kultur nach Europa zu exportieren: »Wir haben einen Venture-Capital-Fund in Höhe von 100 Millionen Dollar aufgesetzt, mit dem wir in europäische Unternehmen investieren wollen. Wir gucken uns an, was in Berlin geschieht oder in anderen europäischen Städten. Dabei kann es um alle möglichen großartigen Ideen oder Technologien gehen«, so Varian. 

 

Anmerkungen 

1 Douglas Rushkoff: Present Schock. Wenn alles jetzt passiert. Orange Press, Freiburg 2014, S. 17 

2 Christoph Keese: Silicon Valley. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt. Knaus, München 2014, S. 261 

3 Ray Kurzweil: Menschheit 2.0. Die Singularität naht. Lola Books, Berlin 2014, S. 3 

4 Peter H. Diamandis/Steven Kotler: Überfluss. Die Zukunft ist besser, als sie denken. Plassen, Kulmbach 2012, S. 103 

5 Ein Teilnehmer der Klasse von 2012, berichtet The Telegraph online (24.8.2014), hat auf diese Weise eine halbe Million Dollar für die Entwicklung einer Drohne erhalten, die in der Lage ist, Hilfsgüter in schwer zugängliche Regionen von Entwicklungsländern zu bringen. Studierende der Klasse von 2010 gründeten das Unternehmen Made in Space und entwickelten einen 3-D-Drucker, mit dessen Hilfe Astronauten der internationalen Raumstation ISS ihre eigenen Werkzeuge und Ersatzteile herstellen können. Sie erhielten dafür 125.000 Dollar von der Weltraumbehörde NASA. 

6 Christoph Keese, Silicon Valley, a.a.O., S. 260 f. 

7 Carl Shapiro/Hal R. Varian: Online zum Erfolg. Strategie für das Internet-Business. Wirtschaftsverlag Langen Müller, München 1999, S. 27 

8 Peter Thiel: Zero to one. Wie Innovation unsere Gesellschaft rettet. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2014, S. 190 

9 Peter Thiel: Zero to one, a.a.O., S. 190 

10 Christoph Keese: Silicon Valley, a.a.O., S. 141 

11 Ebd.  

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