Stamokap-Imperialismus  

Grundlegendes zu einer zu Unrecht vergessenen Theorie  

Lucas Zeise 

In: junge Welt online vom 15.09.2014 

 

Es war höchste Zeit, daß dieses Büchlein geschrieben wurde. Die gute und schon in die Jahre gekommene Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus droht in Vergessenheit zu geraten. Während früher viel über rStamokapl (eine in der SPD in den 1970er Jahren gebräuchliche Abkürzung für diejenigen, die sich auf die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus stützten) geschwätzt wurde, gilt die Theorie heute als unmodisches Ding der Vergangenheit und keiner Erwähnung wert. Dabei ist ziemlich offensichtlich, daß die seit 2007 in allen Kernländern des Kapitalismus stattfindende tiefe ökonomische Krise mit Hilfe dieser Theorie am besten begriffen, also auf den Begriff gebracht werden kann. 

Sehr kurz zusammengefaßt besagt die Theorie, daß im Kapitalismus heutiger Prägung der Staat nicht nur zum Erhalt der Klassenherrschaft und der ökonomischen allgemeinen Reproduktionsbedingungen benötigt wird, sondern daß er auf allen ökonomischen Ebenen eingreift, um a) das System am Laufen zu halten und b) die Gewinne der von ihm »betreuten« Monopole hoch und jedenfalls über der Durchschnittsprofitrate zu halten. Die Theorie setzt also die Dominanz sogenannter Monopole in diesem Kapitalismus voraus. Wenn man sich die Realität in den reifen (vermutlich schon überreifen) kapitalistischen Ländern ansieht, scheint der in diesem Sinne staatsmonopolistische Kapitalismus für jeden einsichtig. Wer begriffen hat, daß Kapitalismus herrscht, wird noch schneller begreifen, daß er nur dank massiver Staatseingriffe so halbwegs funktioniert. Auch Nicht-Marxisten begreifen das. Ich behaupte, daß eine Art Stamokap-Theorie im Alltagsbewußtsein vieler Menschen fast so präsent ist wie Darwins Evolutionstheorie. Es ist eigentlich erstaunlich, daß der Stamokap keine populäre Theorie dieser Gesellschaft ist. Diesen letzten Satz nehme ich zurück. Auch mir ist klar, daß sehr viel Energie in Bildung und Publizistik darauf verwendet wird, das Begreifen des Stamokap zu verhindern. 

Dagegen wiederum gehen die Autoren Gretchen Binus, Beate Landefeld und Andreas Wehr mit ihrem kurzen Erklärstück von gerade mal 120 Seiten an. In zwei ersten Teilen schildern sie die Herausbildung des staatsmonopolistischen Kapitalismus (SMK) sowie die Entwicklung der Theorie darüber. Es folgt dann der zentrale Teil, »die Aktualität der SMK-Analyse«. 

Den Abschluß bildet ein Kapitel über die »Strategiediskussion auf dem Hintergrund der SMK-Theorie«. 

Die Gewichtung dieser vier Teile erscheint mir problematisch. Mir jedenfalls wäre es lieber gewesen, die Autoren hätten die Relevanz der SMK-Theorie für heutige Verhältnisse ausführlicher herausgearbeitet. Denn die Strategiediskussion am Schluß hängt ein wenig in der Luft. Schließlich haben wir es mit der SMK-Analyse zunächst noch mit einer Rahmentheorie zu tun. Strategisch fruchtbar wird diese Theorie erst im konkreten, internationalen und zeitlichen Zusammenhang. Auf Basis der Grobtheorie des Stamokap läßt sich keine Strategie entwickeln, ebensowenig wie man aus der Analyse des Kapitalismus als System schon auf eine Strategie zu seiner Überwindung schließen kann. Das soll nicht heißen, daß der Leser das Strategiekapitel nicht mit Gewinn lesen kann, etwa die sehr gute, geraffte Zusammenfassung der Entwicklung in Frankreich zwischen 1972 und 1982 und die Diskussion über die Strategie der rReformalternativel in DKP und SED. 

Was daran fehlerhaft war, hatte mit der Gültigkeit der SMK-Analyse nichts zu tun, sondern mit der ungenügenden Einschätzung der Kräfteverhältnisse. 

Die Autoren schreiben richtig, die DKP habe das Konzept der Reformalternative mehrheitlich abgelehnt, weil in ihr die Aggressivität des Stamokap-Imperialismus sträflich unterschätzt wurde. 

Im Mittelteil, der der Aktualität der Theorie gewidmet ist, befindet sich ein Unterkapitel, das die dafür notwendige Konkretisierung auch leistet. Es behandelt die Frage, »wer ist die gegenwärtige Monopolbourgeoisie«? Darin wird - vor allem durch die Untersuchung der Eigentumsverhältnisse der größten deutschen Konzerne - schlüssig nachgewiesen, daß es durchaus noch sinnvoll ist, von einer deutschen, oder allgemein von einer national gegliederten Monopolbourgeoisie zu sprechen. Im folgenden Kapitel wird folgerichtig die noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammende Theorie vom »Ultraimperialismus« zurückgewiesen, die heute als Herrschaft der »transnationalen« Konzerne und ihrer weitgehenden Interessenidentität vom Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut ISW verfochten wird. 

Ich hätte mir gewünscht, daß die Autoren andere aktuelle Fragen zur Charakteristik des heutigen Stamokap ähnlich ausführlich behandelt hätten. 

So wird zwar der Bedeutungszuwachs des Finanzmarktes erwähnt, nicht aber die Geld- und internationale Währungsunordnung abgehandelt. So wird die Herrschaft des Finanzkapitals zwar schon im ersten Kapitel, Hilferding und Lenin folgend, konstatiert, zur Aktualität findet sich dann eine Charakterisierung, die auf die Neuerungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts gemünzt sein könnte: »Die Börsen sind mit der Ausrichtung des Wertpapierhandels auf lukrative Kapitalanlagen zur Drehscheibe dieser Finanzmarktentwicklung geworden.« Zwar vermerken die Autoren im zweiten Kapitel, daß die SMK-Theorie angeregt worden sei von »der kaum erwarteten raschen Entwicklung des Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg, die den früheren Vorhersagen seines raschen Niedergangs nicht entsprachen« (S. 34), aber die Fähigkeit des Stamokap, Krisen zu überwinden, zu vermeiden oder zu verzögern, und Aussagen der Theorie darüber bleiben unerörtert. Gibt es eine Krisentheorie in der SMK-Analyse? Das erfahren wir leider auch nicht. 

Es ist leicht, aber auch unfair, bei einem so kurzen Band eine Liste dessen aufzustellen, was alles darin fehlt. Der Kern der Sache ist getroffen. Der Leser erhält klare Antworten darüber, wie diese Gesellschaft im Grundsatz funktioniert. Auf die für die Entwicklung einer Strategie entscheidenden Details müssen wir, darauf aufbauend, aber gesondert noch zu sprechen kommen. 

Gretchen Binus/Beate Landefeld/Andreas Wehr: Staatsmonopolistischer Kapitalismus. Papyrossa Verlag, Köln 2014, 127 Seiten, 9,90 Euro 

Berliner Buchpremiere mit Andreas Wehr, Samstag, 20.9., 13 Uhr, jW-Ladengalerie (Torstr. 6, 10119 Berlin), Eintritt frei 

 

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