Trotzdem Spaß  

Am Samstag findet in Berlin unter dem Motto »behindert und verrückt feiern« die zweite Pride Parade statt  

Lena Grünberg und Michael Zander 

In: junge Welt online vom 10.07.2014 

 

Wer nicht in die herrschende Norm paßt, wird ausgegrenzt. Auf diese schlichte Formel läßt sich der gesellschaftliche Umgang mit körperlich, psychisch oder kognitiv Behinderten bringen. Obgleich die Bundesregierung beteuert, die in der UN-Behindertenrechtskonvention vorgesehene »Inklusion« umsetzen zu wollen, ist ein Blick auf die sozialen Realitäten ernüchternd. 

So haben die vom US-Soziologen Erving Goffman beschriebenen »totalen Institutionen« keineswegs ausgedient. Knapp 300000 Personen, Tendenz steigend, arbeiten bundesweit in sogenannten Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM). Ihnen bleibt der Status als »Arbeitnehmer« versagt. Bei einer Wochenarbeitszeit von mindestens 35 Stunden können sie durchschnittlich etwa 160 bis 180 Euro im Monat verdienen. Die WfbM sind ein Wirtschaftsfaktor, viele von ihnen fungieren als Zulieferer für die Industrie. Der Zugang zum regulären Arbeitsmarkt bleibt vielen verwehrt. 

Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung finden von jährlich 50000 behinderten Schulabgängern nur etwa 3500 einen betrieblichen Ausbildungsplatz. Nur jeder vierte Betrieb hat in den letzten Jahren Behinderte ausgebildet. 

Auch die Psychiatrie macht seit einigen Jahren wieder negative Schlagzeilen. Bekannt wurden vor allem Gustl Mollath und der hessische Linken-Politiker Dennis Stephan, weil ihre psychiatrischen Zwangsunterbringungen auf Gerichtsurteilen beruhten, die sich als haltlos herausgestellt hatten. Abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit nimmt die Zahl der unfreiwilligen Einweisungen zu: Während im Jahr 2000 rund 92000 Menschen zwangsweise in die Psychiatrie mußten, waren es 2011 bereits 135000, wobei im Westen mehr Menschen betroffen waren als im Osten (taz, 19.9.2012). 

Gegen derartige Zustände ruft ein Bündnis aus behindertenpolitischen und psychiatriekritischen Gruppen für Samstag zu einer Demonstration in Berlin auf. Zu den Organisatoren gehören der Arbeitskreis »mit_ohne Behinderung«, der AK Psychiatriekritik der Berliner Naturfreundejugend, das Gen-ethische Netzwerk und die Kritischen Feministinnen. »Behindert und verrückt feiern« lautet das Motto der bereits zum zweiten Mal stattfindenden »Pride Parade«. 

»Seit Jahrhunderten werden Behinderung, Krankheit und Verrücktheit schamvoll versteckt und normiert - obwohl das alles zum Leben dazugehört«, heißt es im Aufruf. Die Forderungen sind nicht im üblichen Politikjargon, sondern beinahe poetisch formuliert: »Barrieren ins Museum! Schubladen zu Sägemehl! Diagnosen zu Seifenblasen!« 

Inspiriert wurde die Veranstaltung offensichtlich durch »Disability Pride Parades« und »Mad Pride Weeks«, wie sie im angelsächsischen Raum seit etwa zehn Jahren stattfinden. Kundgebungen zum Christopher Street Day für die Rechte von Lesben, Schwulen und Transsexuellen werden ebenfalls als »Pride Parades« bezeichnet. Dazu paßt, daß zwei Aktivistinnen des Vorbereitungsbündnisses auf dem diesjährigen alternativen »Kreuzberger CSD« sprachen. »Pride« möchten die Veranstalter nicht mit »Stolz«, sondern mit »Selbstbewußtsein« übersetzen. Sinngemäß lautet ihre zentrale Botschaft: Wir sind gut, wie wir sind, aber die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen wir leben, sind es nicht. War allerdings im vergangenen Jahr noch, wenn auch etwas vage, die Rede von einem »kapitalistischen Zwang, funktionieren zu müssen«, so fehlt dieser Hinweis im aktuellen Aufruf. 

Eine Parade ist keine Latschdemo. Die Teilnehmenden sind eingeladen, ihren Protest mit Musik, Tanz und Kostümierungen zu verbinden. Alle Redner und Künstler sind in der ein oder anderen Weise persönlich vom Thema betroffen. 

Es sprechen unter anderem Vertreter des Bündnisses »Zwangsräumungen verhindern!«, des Vereins »Mina - Leben in Vielfalt« und der Inklusionären Queers Berlin. Bei der Abschlußkundgebung treten Alice Dee auf (siehe Interview) und die Band Blind & Lame, DanceAbility Wien; Deaf Kat Night und Yansn rappen in Gebärdensprache. 

 

_____________________________________________ 

 

»Wir sind nicht falsch«  

Wer ist eigentlich therapiebedürftig in dieser wahnsinnigen Welt? Ein Gespräch mit der Rapperin Alice Dee  

Lena Grünberg 

In: junge Welt online vom 10.07.2014 

 

Alice Dee wohnt in Berlin und macht HipHop seit 2008. Sie kooperiert mit den Beatproduzenten Beerthief und Papa Lemsky. Ihr erstes Album »Wunderland« gibt es zum kostenlosen Download unter: www.soundcloud.com/alicedeemc 

Ihre Texte beschäftigen sich unter anderem mit psychiatrischer Gewalt. Was ist Ihre Botschaft? 

Für mich spiegelt die Gewalt in der Psychiatrie die Gewalt in unserer Gesellschaft wider. Wer in unserer wahnsinnigen Welt nicht den Normen und Regeln folgt oder folgen kann, wird aussortiert, in eine Schublade gesteckt und speziell behandelt. Menschen werden zum Problem und zum Fehler gemacht, aber ich denke nicht, daß einzelne das Problem sind, sondern daß die Systeme, die wir geschaffen haben, problematisch sind. Deshalb finde ich, eigentlich therapiebedürftig sind diejenigen, die bei dem kranken Mist, der uns umgibt, normal und angepaßt bleiben. 

Wenn Sie von Gewalt in der Psychiatrie reden, was meinen Sie genau? 

Gewalt in der Psychiatrie heißt: Es gibt ein Machtgefälle zwischen Personal und Patienten; eine rigorose Medikamentengabe, wenn Patienten unangenehm werden. Und die Arroganz von Ärzten zu wissen, was andere Menschen brauchen. Regelungsmaßnahmen, z.B. wie lange jemand sitzen und warten muß, bevor er ein Gespräch mit einem Arzt hat. Zudem wird man behandelt, als sei man unmündig, als sei man nicht volljährig und müßte irgendwie erzogen werden. Und in größerem Rahmen gesehen sind die Bedingungen auch nicht rosig, da auch Krankenhäuser auf Profit ausgerichtet sind. Zeitaufwendige Beziehungsarbeit sprengt oft den Rahmen, den Ärzten und allen anderen sind die Hände gebunden. 

Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, mit diesem Thema in die Öffentlichkeit zu gehen? 

Ich glaube, viele Menschen sind von meiner Offenheit und Ehrlichkeit überrascht. Viele schätzen das. Sie freuen sich darüber, daß ich teile, was in meinem Kopf vorgeht. Letztens habe ich eine Rückmeldung erhalten, daß es gut sei zu reflektieren, gleichzeitig aber auch weiter zu gucken, sich selbst auch wieder in einem großen Ganzen zu sehen. Es gibt aber auch Leute, die meine Ehrlichkeit komisch finden und nichts damit anfangen können. 

Denken Sie, daß eine Parade - mit dem Konzept des Feierns und Musik - die richtige Form ist, um für die Kämpfe von Behinderten und Menschen mit psychiatrischen Diagnosen auf die Straße zu gehen? 

Ich finde das Konzept gut, weil wir die positiven Aspekte sehen sollten, daß es etwas Schönes ist, daß wir vielfältig sind. Das sollten wir feiern. 

Es ist eine Bereicherung, wenn wir uns über unsere Unterschiedlichkeiten austauschen. Immer nur zu reden, ist eine zu strenge Form. Ich mag den Begriff »aus der Reihe tanzen«. Ich habe dazu auch einen Track gemacht. Man leidet ja eh schon genug, daß man irgendwie eine Außenseiterin ist. Ich finde es auch wunderschön, daß sich die Organisatoren die Arbeit machen, meine Texte in Gebärdensprache zu übersetzen. Und all die wichtigen Details - z.B. zu gucken, daß es barrierefrei für alle Menschen ist. Mir ist dabei selbst erst bewußt geworden, in wie vielen Bereichen Menschen überhaupt keinen Zutritt haben. Das fängt bei etwas ganz Elementarem wie Sprache an. 

Die Berichterstattung über die Parade kann auch für Leute, die gerade weggeschlossen sind, ein Grund sein zu erkennen: Wir sind nicht falsch oder fehlerhaft. Statt dessen kann man in diesem System, in dieser komisch konstruierten Wirklichkeit, auch andere Menschen finden, die anders sind und sich gegen Ausgrenzung wehren. So eine Parade ist ja auch nur ein Moment, und trotzdem kann einem dieser so etwas wie einen Lichtblick geben. 

Du erlebst so einen Moment gemeinsam, und es war aber klar, nach dem Event gehen alle wieder nach Hause, und wir sind alle wieder mit unseren kleinen Problemen und unserer schäbigen Existenz konfrontiert. 

Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben? 

Dhirrty Psycho Happy Hip Hop für alle Suchenden, Freaks und Soulkids. 

Poesie auf Baßwellen, die das Herz vibrieren und tanzen lassen. Eine wahnsinnige Odyssee zum Licht. 

 

_____________________________________________ 

 

»Unser Leben findet hier und jetzt statt« 

Aus dem Aufruf der Pride Parade 2014: 

In: junge Welt online vom 10.07.2014 

 

Freaks und Krüppel, Verrückte und Lahme, Eigensinnige und Blinde, Taube und Normalgestörte - kommt wieder raus auf die Straße, denn sie gehört uns! (...) Seit Jahrzehnten kämpfen wir für Barrierefreiheit, Teilhabe und Assistenz, fordern Gleichbehandlung und Respekt. Wenn heute Politikerinnen und Politiker sowie Funktionäre das Wort Inklusion benutzen, hört es sich an, als hätten sie es erfunden. Gnädig wollen sie uns Inklusion gewähren. 

Da Inklusion enorm viel Geld kosten würde, müßten wir noch etwas Geduld haben, bis die umfassend inklusive Gesellschaft Wirklichkeit wird. (...) Wir sagen Nein! Wir warten nicht ab! Unser Leben findet hier und jetzt statt. (...) Überall sind wir zu finden: an der Uni, im Büro, als Selbständige und Beamte, und auch in der Werkstatt oder im Hartz-IV-Bezug. 

Wir nutzen den öffentlichen Nahverkehr mit dem Rollstuhl. Oder besuchen mit Atemgerät und Liegerollstuhl ein Open-Air-Festival. Wir joggen durch den Park, auch mit einem Bein. Wir gehen ins Restaurant, auch wenn wir unsere Gucci-Blusen bekleckern. (...) Viele meinen, unser Alltag wäre leidvoll. 

Doch das ist letztlich ihr Problem, nicht unseres. Wir erleben uns lustvoll und zugewandt, verlieben uns, haben Beziehungen und bekommen Kinder. (...) 

In behindertenpolitischen Leitlinien und Maßnahmeplänen kommt uns überall die Inklusion entgegen, aber praktisch passiert nichts. Werkstattträger halten sich für inklusiv, bei denen behinderte Menschen einen Monatslohn von weniger als 200 Euro haben. (...) Nicht wir sind also fragwürdig, vielmehr der Zwang, funktionieren zu müssen, um zu (über)leben, Leistungen zu bringen, um anerkannt zu sein. Nur wenn wir uns unsere Rechte nehmen, können wir über uns verfügen. Deshalb: Trau dich zu fordern, was du brauchst! (...) 

Pride Parade in Berlin, Samstag, 12. Juli 2014, 15 Uhr, Hermannplatz 

www.pride-parade.de 

 

_____________________________________________ 

 

Diagnosen zu Seifenblasen  

Am Wochenende feierten und tanzten auf der Pride Parade in Berlin Menschen »behindert und verrückt« gegen Gleichmacherei und Verwertungslogik  

Claudia Wrobel 

In: junge Welt online vom 14.07.2014 

 

Konfetti, Glitzer, Seifenblasen und Luftschlangen - die Demonstration für die Rechte von behinderten und von Psychiatrie betroffenen Menschen am Samstag in Berlin war laut und bunt. Rund 2000 Demonstranten tanzten auf der »Pride Parade - behindert und verrückt feiern« gegen die Diskriminierung und den Ausschluß von Menschen an, die nicht der kapitalistischen Verwertungslogik entsprechen. Dabei wurde der Bogen von Betroffenen, die aufgrund körperlicher Einschränkungen Hilfsmittel benötigen, über Personen, die zwangspsychiatrisiert werden, bis hin zu Flüchtlingen und Mietern, die von Zwangsräumung betroffen sind, gespannt. 

Den Abschluß der Parade bildete ein Kulturprogramm mit Musik und Lesungen. 

Sehr lange tanzten und feierten die Demonstranten und setzten das Motto der Parade um: »Barrieren ins Museum, Schubladen zu Sägemehl, Diagnosen zu Seifenblasen.« 

Zu Anfang spachen unter anderem Redner vom »Arbeitskreis mit_ohne Behinderung« über die Schwierigkeiten der sogenannten Inklusion. Sie stellten der Praxis der Einbindung von Menschen mit Behinderung ihre Vorstellung eines guten Lebens für alle gegenüber. So widersprachen sie der These, daß es in einer inklusiven Gesellschaft »nicht mehr Behinderte und Nichtbehinderte, sondern nur noch Menschen« geben solle. Dies sei nicht das Ziel, da auch dies dazu führe, daß behinderte Menschen unsichtbar würden. 

Vielmehr wollen sie endlich erreichen, daß Rollstuhlfahrer nicht mehr erklären müssen, warum Rampen für sie notwendig sind: »Wir möchten weiterhin gesehen werden: Als Behinderte mit besonderen Erfahrungen und Wissen. So wie wir sind.« Alle Redebeiträge wurden in Gebärdensprache übersetzt. 

Der Arbeitskreis Psychiatriekritik machte auf geplante Änderungen im Psychisch-Kranken-Gesetz aufmerksam. Demnach sei es in Zukunft möglich, daß der sozialpsychiatrische Dienst auch ohne die Einwilligung der Bewohner eine Wohnung betrete. Dies führe dazu, daß »immer leichter Menschen gegen ihren Willen in die Psychiatrie gebracht und dort festgehalten werden können«. Statt dieses repressiven Systems fordert der Arbeitskreis eine Einbindung der Betroffenen in Lehre, Ausbildung und Ausgestaltung der Psychiatrie und ihrer Einrichtungen. »Betroffenenkontrolle heißt nicht, daß wir ein Stück von eurem Kuchen abbekommen, sondern selbst einen eigenen Kuchen backen wollen«, stellte die Rednerin dar. 

Monika Jäkel, Frauenbeauftragte der Elbe-Werkstätten Hamburg, schilderte den Alltag einer Beschäftigten, die sich in einer Werkstatt für behinderte Menschen gegen Sexismus und für die Belange von Frauen einsetzt. In den 1980er Jahren seien sexuelle Übergriffe gegen ihre Kolleginnen häufig gewesen: »Es war früher schon fast normal, daß Frauen von Kollegen auf den Po gehauen wurden. Oder daß Frauen gegen ihren Willen angefaßt wurden. Oder einfach auf den Mund geküßt wurden.« Sie sei ratlos gewesen, wie man dagegen angehen könne, denn das Personal der Werkstätten habe solche Vorfälle häufig geklärt, ohne die betroffenen Menschen mit Behinderung einzubeziehen. Dies sei nun anders, und ihre Meinung als Frauenbeauftragte sei bei der Leitung der Werkstatt gefragt. 

Eine Sprecherin des Gen-ethischen Netzwerks stellte die Veränderungen in der pränatalen Diagnostik dar. So sei es mittlerweile nahezu selbstverständlich, daß Embryonen mit Auffälligkeiten aussortiert würden. 

Dies sei um so einfacher, als mittlerweile ein Bluttest bei der Schwangeren ausreiche, um viele dieser Auffälligkeiten zu entdecken, und dieser Test zumindest vorläufig im Rahmen einer Studie von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werde. Dies sei das Gegenteil von Inklusion, da man Anträge auf Hilfsmittel bei der Krankenversicherung lange begründen müsse, die Möglichkeiten zur Aussortierung aber einfach zur Verfügung gestellt bekomme. Dies spiegele das kapitalistische System wieder, aber: »Wir wollen keine Qualitätschecks, wir wollen keine Gesellschaft, die aus Humankapital besteht.« 

 

_____________________________________________