Reallöhne noch immer niedriger als im Jahr 2000

17.02.2014

 

Der Bruttolohn je Beschäftigten ist im vergangenen Jahr um 2,2 Prozent gestiegen, netto, also nach Lohnsteuer und Sozialabgaben um 2,1 Prozent. Die Teuerung (1,5%) hat diesen Zuwachs zu zwei Drittel aufgefressen, so dass ein reales Lohnplus (mehr Kaufkraft) von gerade mal 0,6 Prozent blieb. (die gesamte volkswirtschaftliche Lohnsumme ist etwas höher ausgefallen: brutto + 3,1%, netto + 2,9%, real + 1,4%; der größere Zuwachs resultiert aus der Zunahme der Beschäftigten). Immerhin ist es der vierte Reallohnzuwachs in Folge, allerdings nach ebenso vielen und höheren Reallohn- und damit Kaufkraftverlusten in den Jahren 2005 bis 2009. Berechnet man die Entwicklung ab dem Jahr 2000, dann bleibt per Saldo immer noch ein Reallohnverlust von einem Prozent.

Mit anderen Worten: Im Durchschnitt hatte ein Beschäftigter um ein Prozent weniger Kaufkraft in der Tasche als 13 Jahre davor. Im Durchschnitt! Denn innerhalb der Löhne und insbesondere Gehälter ist eine erhebliche Spreizung festzustellen. Auch die Bezieher von Vorstandsvergütungen, Managerboni und andere Spitzenverdienste werden den Lohnempfängern zugerechnet. Deren Bezüge sind jedoch in den vergangenen Jahren sehr viel schneller gestiegen, als die der unteren und mittleren Einkommensgruppen. Die Bezieher der höchsten Einkommen (oberstes Zehntel oder Dezil) konnten ihre realen Einkommen von 2000 bis 2009 um etwa 13% steigern – das oberste 1 Prozent gar um fast 50% (47,7%) . Im Mittelfeld – fünftes bis siebtes Dezil stagnieren die Einkommen, in den untersten Einkommensschichten gingen die Realeinkommen um bis zu fünf Prozent zurück.

Grafik, isw-wirtschaftsinfo 47, S. 13

Zu dieser Entwicklung passt, dass immer mehr Beschäftigte im Niedriglohnsektor arbeiten müssen. Lässt man die ehemaligen Comecon-Länder weg, dann hat Deutschland in der EU mit einem Anteil 22,2 Prozent den größten Niedriglohnsektor, also den höchsten Anteil von Niedriglohnempfängern – der Durchschnitt im Euroraum beträgt 14,8%. Bei den Frauen beträgt der Anteil sogar 28,7%. (Der Niedriglohn-Schwellenwert beträgt in Deutschland 10,2 Euro die Stunde). „Der ist poltisch gewollt gewachsen", sagte Altkanzler Schröder gegenüber Kritikern des Niedriglohnsektors. 5,2 Millionen aller abhängig Beschäftigten – 15 Prozent aller Arbeitnehmer – erhielten im Jahr 2012 lediglich einen Bruttostundenlohn von weniger als 8,50 Euro die Stunde.

 

Negative Lohndrift

„Betrachtet man die tarifliche Einkommensentwicklung, dann zeigt sich für die vergangenen zwölf Jahre (2000 bis 2012) ein Anstieg der nominalen tariflichen Grundvergütungen in der Gesamtwirtschaft um rund 30%", schreiben die Autoren des WSI-Verteilungsberichts 2013 (WSI Report November 2013, S. 12 - 14). Preisbereinigt bedeutet das jedoch eine reale Tarifsteigerung von 6,8% über den angeführten Zeitraum und jahresdurchschnittlich weniger als 0,6%. Die tatsächlich gezahlten Arbeitnehmereinkommen (Effektiveinkommen) blieben jedoch noch deutlich dahinter zurück; sie stiegen nominal knapp um 20%, preisbereinigt lagen sie um knapp 2% unter dem Niveau des Jahres 2000.

Eine der Ursachen für diese negative Lohndrift ist nach Ansicht der Autoren die rückläufige Tarifbindung. Sie ist in den vergangenen 15 Jahren von 75% auf 58% der Beschäftigten (2012) zurückgegangen. Zudem wurden in erheblichem Umfang tarifliche Öffnungsklauseln genutzt. „Weitere Faktoren sind darüber hinaus die veränderten Belegschaftsstrukturen aufgrund des wachsenden Anteils von Teilzeit- und geringfügig Beschäftigten sowie durch befristete  Arbeitszeitverkürzung, die beispielsweise während der Krise 2008/09 von großer Bedeutung war" (S. 13). Dadurch sind die Tarifabschlüsse nicht in vollem Umfang bei den Beschäftigten angekommen.

Verteilungsspielraum nicht ausgeschöpft

Zu den Zielsetzungen der Gewerkschaften zählt eine produktivitätsorientierte Reallohnentwicklung. Das bedeutet, die Lohnerhöhungen sollten den Anstieg der Lebenshaltungskosten ausgleichen (Inflationsrate)  und mindestens in Höhe des Produktivitätszuwachses steigen = neutraler Verteilungsspielraum; an den Verteilungsrelationen ändert sich nichts. Die Erhöhung der Löhne hat aber in den vergangenen 13  Jahren lediglich knapp  den Anstieg des Verbraucherpreisindex ausgeglichen (- 1% pro Beschäftigten). Das bedeutet, dass die abhängig Beschäftigten von der Steigerung der Arbeitsproduktivität in diesem Zeitraum nicht einen Brosamen abbekommen haben. Die Arbeitsproduktivität ist jedoch von 2000 bis 2013 um 8,2% je Erwerbstätigen und sogar um 14,6% je Erwerbstätigenstunde gestiegen (in der Differenz widerspiegelt sich die Deregulierung und Zersplitterung des Arbeitsmarktes).

Die Produktivitätsgewinne haben damit in vollem Umfang die Bezieher von Gewinn- und Vermögenseinkünften an sich gerafft. Die Verteilungsrelationen am Volkseinkommen haben sich für  die  Arbeitnehmer erheblich verschlechtert. Wie das isw an Hand der Volkseinkommens-Statistik berechnete, entstanden dadurch für die Arbeitnehmer von 2000 bis 2013 Verteilungsverluste von insgesamt über 1100 Milliarden Euro (siehe isw-wirtschaftsinfo 47, S. 11). Allein im vergangenen Jahr bedeutete es ein weniger an  Arbeitnehmerentgelt (Bruttolöhne und Sozialbeiträge der Arbeitgeber) von 106 Milliarden Euro. Dieses Geld fehlt als Nachfrage in der Volkswirtschaft und als Geld in den Kassen der Privathaushalte und den Sozialkassen.

Equal Pay Day

Am 21. März 2014 ist Equal Pay Day: Bis zu diesem Tag müssen Frauen statistisch gesehen über den Jahreswechsel hinaus länger arbeiten, um auf das durchschnittliche Jahresgehalt eines  Mannes aus dem vergangenen Jahr zu kommen. Er fällt dieses Jahr auf den 21. März, was fast drei Monaten Mehrarbeit entspricht. Frauen erhalten im Durchschnitt fast 22 Prozent weniger Gehalt als Männer. Nur in Südkorea und Japan ist von den OECD-Ländern die Ungleichheit noch größer. Der Durchschnitt aller OECD-Staaten liegt bei 16 Prozent. Nach Angaben der OECD wird der Unterschied im Alter noch größer: In Deutschland erhalten Frauen im Schnitt nur halb so viel Rente wie Männer. Am Equal Pay Day soll auf diesen Mißstand hingewiesen werden.

Text: Fred Schmid, isw      Grafik: isw, Bernd Bücking

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Weniger in der Tasche  

Die Reallöhne sind in der Bundesrepublik wieder gesunken – erstmals seit 2009  

Mirko Knoche 

In: junge Welt online vom 22.02.2014 

 

Erstmals seit 2009 sind die Reallöhne in Deutschland wieder gesunken. Um 0,2 Prozent gingen sie 2013 gegenüber dem Vorjahr zurück. Zugeschrieben wird das geringeren Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld und Erfolgsprämien. Das geht aus einer Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts vom Donnerstag hervor. Die Inflation betrug voriges Jahr 1,5 Prozent - ein sehr niedriger Wert. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt einen Wert knapp unter zwei Prozent an, um Deflationsgefahren abzuwehren. 

Die Lohnsumme war letztes Jahr aber nur um 1,3 Prozent angestiegen. Die Arbeiter und Angestellten hatten 2013 also mehr Geld in der Tasche als 2012, konnten dafür jedoch weniger kaufen als im Vorjahr. Die Stundenlöhne sind um 1,7 Prozent nach oben geklettert - für sich genommen ein Reallohnplus von 0,2 Prozent. 

Ein Grund für das Minus bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld ist die zurückgehende Tarifbindung in der Bundesrepublik. Während die Sonderzahlungen in Tarifverträgen festgeschrieben sind, werden sie in gewerkschaftsfreien Betrieben je nach Auftragslage gezahlt - oder fehlen völlig. Noch Ende der neunziger Jahre unterlagen 75 Prozent aller Arbeitsverhältnisse einem Branchen- oder Haustarif. Im vorigen Jahr waren es nur noch 58 Prozent, wie der Chef des gewerkschaftsnahen WSI-Tarifarchivs, Reinhard Bispinck, bereits Ende September im Saarländischen Rundfunk sagte. Welche Entwicklung die tariflichen Sonderzahlungen im Jahr 2013 nahmen, war am Freitag beim Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) nicht zu erfahren. 

Entscheidend waren im vergangenen Jahr die erfolgsabhängigen Sonderzahlungen: Prämien, die sich nach dem Unternehmensergebnis richten, werden in der Regel im Folgejahr ausgezahlt. Weil die wirtschaftliche Lage im Jahr 2012 sehr angespannt war, seien die Erfolgsprämien 2013 geschrumpft, teilte ein Mitarbeiter des Statistikamts auf jW-Nachfrage mit. 

Die Sonderzahlungen bewegten sich proportional zur jährlichen Wirtschaftsleistung, so der Wissenschaftler. 

Nach vorne weist dagegen die Lohnerhöhung in der Chemieindustrie von Anfang Februar: Um 3,7 Prozent sollen die Löhne und Gehälter für insgesamt 14 Monate steigen. Auf 12 Monate heruntergerechnet sind das immerhin noch 3,2 Prozent Zuwachs. Zieht man die Inflationsrate von 1,5 Prozent ab, ergibt sich ein Reallohnplus von 1,7 Prozent. Doch dieser beachtliche Wert gilt eben nur für eine gewerkschaftlich hochorganisierte Branche. Auf den Niedriglohnsektor hat das zunächst keine Auswirkungen, denn ein massenhaftes Abwandern von Arbeitskräften in die Chemieindustrie ist nicht zu erwarten. 

Umso wichtiger ist nun die Auseinandersetzung um den gesetzlichen Mindestlohn. Je mehr Ausnahmen es - wie von der CDU/CSU gefordert - gibt, umso weniger steigt die Lohnsumme. Zudem übt ein Mindestlohn auch Druck auf höhere Lohngruppen aus. Ein Vorarbeiter, der heute mit 8,50 Euro pro Stunde mehr verdient als ein einfacher Arbeiter mit 7,50 Euro, wird sich in Zukunft mit der gleichen Lohnhöhe nicht zufriedengeben - und der Unternehmer wird sich diesem Argument kaum verschließen können. 

Nicht nur für die Lohnabhängigen ist der Reallohneinbruch ein Warnsignal. 

Die deutsche Konjunktur ist neben Exporten vor allem auf den Massenkonsum angewiesen. Während die Euro-Zone in der Stagnation verharrt, droht mittlerweile ein verlangsamtes Wachstum auf dem US-amerikanischen Absatzmarkt. Die wirtschaftliche Erholung ist dort längst nicht so weit fortgeschritten, wie Marktbeobachter noch zu Jahresende vermutet hatten. 

Gleichzeitig könnte die Nachfrage in der Volksrepublik China konjunkturell bedingt abnehmen, was die Ausweichmöglichkeiten für deutsche Warenproduzenten weiter einschränkt. Auch die Volkswirtschaften anderer sogenannter Schwellenländer haben einen gewissen Sättigungsgrad erreicht. 

Der Binnenmarkt nimmt für das deutsche Kapital also einen höheren Stellenwert ein - in dieser Situation bedeuten sinkende Reallöhne sinkende Absatzzahlen. 

 

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