Für »feministische EU«  

Linke-Frauenplenum: Fachdebatte zum Thema Prostitution beschlossen  

Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 21.02.2014 

 

Rund 100 Frauen bzw. Frauen* (siehe unten) waren am vergangenen Freitag abend vor Beginn des Linke-Europaparteitages zusammengekommen, um sich unter anderem über den feministischen Gehalt des Wahlprogramms und andere Fragen zu verständigen. Das Wort Frauen, mit Sternchen versehen, soll dem Aufruf zum Frauenkampftag 2014 am 8. März zufolge darauf hinweisen, daß »Trans- und Inter-Menschen« mit gemeint sind. Kerstin Wolter vom Vorstand des Studierendenverbandes Die Linke.SDS stellte auf dem Plenum die Themen der bundesweiten Demonstration zum Internationalen Frauentag in Berlin und einen eindrucksvollen Videoclip zur Mobilisierung vor (auf Youtube unter dem Stichwort Frauenkampftag 2014 zu finden), der auch während des Parteitages auf großer Leinwand präsentiert wurde. 

Eine Sorge waren die Linke-Frauen schon zu Beginn ihres Treffens los: Ein Antrag, der das Einfügen einer Textpassage ins Wahlprogramm unter der Überschrift »Für eine feministische EU« vorsah, war vom Parteivorstand bereits in seinen Leitantrag übernommen worden. Darin wird u.a. auch eine verbindliche europäische Mindestlohnregelung in Höhe von 60 Prozent des jeweiligen nationalen Durchschnittsbruttolohns verlangt. Ferner werden eine EU-weite Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und eine Geschlechterquotierung aller Ämter und Mandate in der gesamten Europäischen Union verlangt; außerdem die EU-weite Anerkennung geschlechtsspezifischer Verfolgung als Asylgrund und die Auflösung der Grenzschutzagentur Frontex. 

Eine Formulierung in der Passage rief auf dem Plenum Widerspruch hervor, nämlich die, daß Sexarbeit als Erwerbsarbeit anerkannt werden sollte, einschließlich des Anspruchs auf Umschulung, Fortbildung, Arbeitslosengeld und gesundheitliche Versorgung. Damit war z.B. Manuela Schon vom Linke-Landesverband Hessen nicht einverstanden. Sie forderte den Ersatz dieser Aussage durch die, daß die Partei »Kriminalisierung und Stigmatisierung« von Prostituierten ablehne und ihren Anspruch auf die genannten Sozialleistungen fordere. Dies wurde vom Plenum wie auch von den Delegierten akzeptiert. Die Episode zeigte, daß es in der Partei heftige Auseinandersetzungen zwischen Befürworterinnen der - mit dem Prostitutionsgesetz in Ansätzen verwirklichten - Legalisierung von Sexarbeit und jenen gibt, die wie Alice Schwarzer eine »Kriminalisierung der Freier« verlangen - flankiert von einem umfangreichen Angebot für Prostituierte in Sachen beruflicher Neuorientierung und sozialer Absicherung, das allerdings auf einen Zwang zum Beenden dieser Tätigkeit hinausläuft. 

Die Linke-Frauen haben den Bundesvorstand auf dem Parteitag beauftragt, noch in diesem Jahr eine »sachgerechte Diskussion« zum Thema Prostitution zu organisieren und zu finanzieren. Dabei soll laut Antragstellerinnen das Für und Wider der verschiedenen »Modelle zum gesellschaftlichen Umgang mit Prostitution« ausgewogen diskutiert werden. Auf einem Workshop der Bundesfrauenkonferenz am 2. November 2013 seien ausschließlich Befürworterinnen der Legalisierung auf dem Podium zu Wort gekommen, monieren die Antragstellerinnen. 

 

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»V-Day« für Gerechtigkeit. Millionen erheben sich 

In: junge Welt online vom 21.02.2014 

 

Zum zweiten Mal haben sich am 14. Februar weltweit Millionen Frauen an Tanz-Flashmobs unter dem Motto »One Billion Rising for Justice« beteiligt. 

Sie wollten damit ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen setzen und forderten Gleichberechtigung und ein Ende der Diskriminierung aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit. 

Die Idee zu dieser Aktion hatte die US-amerikanische Künstlerin Eve Ensler. 

Die 60jährige, die als Kind selbst von ihrem Vater mißbraucht wurde, ist Gründerin der Frauenrechtsorganisation »V-Day«. Dies bezieht sich einerseits auf den Valentinstag am 14. Februar, andererseits steht es für »Victory over Violence« (Sieg über die Gewalt). 

Frauendemonstrationen fanden am vergangenen Freitag unter anderem in Istanbul (Foto), Kabul, Manila, Neu-Delhi, Mexico City, Hongkong, Rom, Brüssel, Paris, London und zahlreichen Städten in den USA statt. Auch in der Bundesrepublik gab es an vielen Orten Veranstaltungen im Rahmen der Aktion, unter anderem in Berlin und Hamburg.(jW) 

www.onebillionrising.org 

 

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Gegen die »Demut des Weibes«  

Eva Geber dokumentiert die feministische Seite der österreichischen Arbeiter-Zeitung 1900–1933  

Christiana Puschak 

In: junge Welt online vom 21.02.2014 

 

Unter dem Motto der Historikerin Gerda Lerner - »Jede Frau ändert sich, wenn sie erkennt, daß sie eine Geschichte hat« - bereitet Eva Geber jetzt in dem Buch »Der Typus der kämpfenden Frau« ein vernachlässigtes Stück Geschichte auf. Es ist die Geschichte der Frauen, die in der Arbeiter-Zeitung, dem sozialdemokratischen Traditionsblatt Österreichs, über Mitstreiterinnen der Frauenbewegung Artikel verfaßten. Geber, ehemalige Redakteurin von AUF. Eine Frauenzeitschrift, hat Beiträge gesammelt, die zwischen 1900 und 1933 in dem Blatt erschienen sind. 

Vorgestellt wird u.a. Adelheid Popp, die Lily Braun als »vorbildlichen Typus der kämpfenden Frau« beschreibt. Therese Schlesinger würdigt Rosa Luxemburgs frühen »genialen Einblick in die Triebkräfte der Weltpolitik«, Marianne Pollak bewundert an George Sand die Intensität ihres Lebens. Emma Adler erzählt beeindruckt, doch nicht kritiklos von der schillernden Gestalt Olympe de Gouges. Auch die heute vergessenen Pionierinnen und Heldinnen der Frauen- und Arbeiterbewegung finden Aufnahme in die Sammlung: die wortgewaltige Anna Altmann, die unverzagte Streiterin Maria Krasa oder die Streikanführerin Amalie Seidel-Ryba. 

»Das Wissen um die Vorkämpferinnen begeistert und inspiriert«, schreibt Eva Geber und fügt hinzu: »Wenn wir Frauen von solchem Wagemut und Charisma zitieren, demonstrieren wir, wie historisch unsere Forderungen sind und wie überfällig ihre Erfüllung.« Die Herausgeberin und langjährige Aktivistin der österreichischen Frauenbewegung hat zu jedem Zeitungsartikel biographische Skizzen sowohl über die beschriebenen Frauen als auch über die Autorinnen der Porträts verfaßt. Zusätzlich informiert sie über deren soziales und politisches Umfeld, kommentiert und erläutert den historisch-gesellschaftlichen Hintergrund. Entstanden ist ein eindrucksvolles Panorama des politischen Kampfes von Frauen, ohne daß die Unterschiede zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Frauenbewegung nivelliert würden. Gewürdigt werden Engagement, Leben und Wirken der rebellierenden Frauen, dieser Bewegung innerhalb einer Bewegung, wie Ruth Klüger es nannte. Von Brüchen und Aufbrüchen, vom Sich-Aufraffen und Aufbegehren, vom »Recht, Rechte zu haben«, wird erzählt. 

Als ein gewichtiges Zeitdokument sozialistischen Frauenkampfes erweist sich der Artikel »Zwanzig Jahre Arbeiterinnenbewegung« von Adelheid Popp. Sie zeigt, wie Frauen gegen männlichen Widerstand und Vorurteile in der Arbeiterbewegung die Arbeiterinnen-Zeitung, die »eigens für die Frauen berechnet« war, durchsetzten, denn »nichts ist kulturfeindlicher als die Demut des Weibes«. In mehreren Beiträgen wird geschildert, wie schwer sich Persönliches mit Politischem, private Schicksalsschläge mit öffentlichem Engagement, Solidaritätsgefühl mit Opferbereitschaft verbinden ließen. 

Erschütternd der Bericht über Anna Frey, Tochter der Psychoanalytikerin und Politikerin Therese Schlesinger, die »mit ganzer Seele bei jeder Parteiarbeit, mit ihrem ganzen Denken bei jedem Parteiproblem« war, aber glaubte, den hohen Anforderungen, die sie an sich selbst stellte, nicht genügen zu können. Daß auch Beiträge wie jener über die Freundschaft zwischen Rosa Luxemburg und Luise Kautsky Eingang in die Textauswahl gefunden haben, rundet das Bild ab. 

Zwar ist das Buch an einigen Stellen in einem zu pathetischen Stil geschrieben, und manch schwammige Begrifflichkeit wie z.B. 

»gefühlsbetonter, romantischer Feminismus« trübt den Lesegenuß, aber insgesamt ist die Lektüre ausgesprochen spannend und lohnenswert. 

Eva Geber (Hg.): Der Typus der kämpfenden Frau. Frauen schreiben über Frauen in der Arbeiter-Zeitung von 1900-1933, 201 S., Mandelbaum Verlag, Wien 2013, 19,90 Euro 

 

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Laurie Penny gegen Prostitutionsverbot 

In: junge Welt online vom 21.02.2014 

 

Berlin. Die britische Feministin und Autorin Laurie Penny findet, daß Verbote und »Freierdiskriminierung« Sexarbeiterinnen noch nie genützt haben. Im Interview mit der tageszeitung (Donnerstagausgabe) betonte sie, die meisten negativen Erfahrungen machten Prostituierte, »weil Sexarbeit illegalisiert ist oder in einer Grauzone stattfindet«. Sie beklagt eine gesellschaftliche Doppelmoral, mit der Prostituierte und Frauen, »die mit mehreren Männern schlafen«, abgewertet werden. »Emotionale Arbeit der Frauen ist in unserer Gesellschaft nur dann gut, wenn sie unbezahlt ist: Männer und Kinder lieben und all diese Liebesdienste an ihnen verrichten.« 

Penny (27) unterhält den Blog »Penny Red« und ist Kolumnistin des Magazins New Statesman. In ihrem Buch »Fleischmarkt« (Edition Nautilus, 2012) schreibt sie über die marktgerechte Selbstzurichtung junger Frauen. 

(jW) 

 

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