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Medien. Der Springer-Konzern im Umbruch: Er trennt sich von traditionellen Medien und will nur noch ins Internet investieren  

Gert Hautsch 

In: junge Welt online vom 08.01.2014 

 

Der Springer-Konzern ist ausgestiegen - zumindest aus einigen Printmedien. 

Im Juli 2013 hat er seine letzten verbliebenen Regionalzeitungen (Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost, Bergedorfer Zeitung) sowie Anzeigenblätter und die meisten seiner Zeitschriften (Bild der Frau, Hörzu, TV Digital u. 

a.) verkauft, laut damaligen Medienberichten »mit wirtschaftlicher Wirkung zum 1. Januar 2014«. Der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner preist den Schritt mit großen Worten: Man wolle zum führenden europäischen Internetmedienunternehmen werden. 

Das Vorgehen gilt als symbolträchtig: Mit dem Hamburger Abendblatt oder der Hörzu war der Verlag groß geworden. Ihr Verkauf steht für eine strategische Wende, die sich zwar schon länger andeutete, die in ihrer Tragweite aber erst jetzt deutlich wird. Zeitungen und Zeitschriften sind schrumpfende Märkte, auf denen der Medienriese nicht mehr viel zu holen glaubt. 

Ist damit auch Springers Rolle als Speerspitze des reaktionären politischen Kampfjournalismus beendet? Leider nicht. Zunächst einmal bleibt uns Bild erhalten. Dieses Blatt mit 2,4 Millionen Auflage samt seiner Sonntagsausgabe (1,3 Millionen) fährt nach wie vor traumhafte Profite ein und wurde selbstverständlich nicht verkauft. Von den 256 Millionen Euro operativen Gewinns, den Springers deutsche Zeitungen 2012 erwirtschaftet haben, stammte der größte Teil von Bild. Auch der politische Einfluß, den der Konzern genießt, gründet sich wesentlich auf das Boulevardblatt. 

Erhalten bleiben uns auch bild.de, die Website mit 13 Millionen Einzelnutzern Mitte 2013, und welt.de mit acht Millionen. Sie stehen in der Rangliste der journalistischen Portale auf den Plätzen eins und fünf. Im mobilen Internet erreichte bild.de 3,7 Millionen und welt.de 2,2 Millionen Einzelnutzer. Hinzu kommen spezielle journalistische Portale für Frauen (gofeminin.de) sowie für Geldanleger und solche, die es gerne wären (finanzen.net). 

Was sich ebenfalls nicht ändert, ist der politische Anspruch des Konzerns. 

In den Fällen des ehemaligen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg und des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff haben die Springer-Medien - allen voran Bild - bewiesen, daß sie sich das Recht herausnehmen, mitzubestimmen, wer welches politische Amt besetzen oder nicht besetzen soll. In der Sarrazin-Debatte haben sie auf schamlose, fast schon kriminelle Weise gehetzt. Die Website bild.de verfolgt dabei den gleichen Kurs und setzt dieselben demagogischen Mittel ein wie das gedruckte Exemplar. Nach wie vor gelten im Konzern die »Unternehmensgrundsätze«, mit denen jede Redakteurin und jeder Redakteur auf ein klar formuliertes rechtes Weltbild verpflichtet wird (»Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika«, »Ablehnung jeglicher Art von politischem Totalitarismus«, »Verteidigung der freien sozialen Marktwirtschaft« usw.). Die politische und publizistische Macht des Unternehmens bleibt von den genannten Verkäufen unberührt. 

Motto: Weg vom Print 

Davon abgesehen aber ändert sich bei Springer einiges. Was nicht heißen muß, daß die jüngsten Entscheidungen Ausdruck einer schon länger verfolgten Strategie sind. Wenn man die Wendungen, die Döpfner seit seinem Amtsantritt als Vorstandsvorsitzender im Januar 2002 vollzogen hat, betrachtet, dann drängt sich eher der Eindruck von Sprunghaftigkeit auf. Innerhalb von zehn Jahren hat er sich aus diversen Geschäftsfeldern verabschiedet: 2003 aus den Buchverlagen Ullstein, Heyne, List u.a. - Springer war die Nummer zwei auf dem Markt. 2009 wurden vier Zeitschriften veräußert, eine eingestellt und zahlreiche Beteiligungen an Regionalzeitungen abgestoßen. 2010 trennte man sich vom Cora-Verlag (Groschenromane) sowie zwei Finanzmagazinen. 2012 veräußerte der Konzern seine Beteiligung am Sender TV Berlin. 2013 wurden die letzten drei Regionalzeitungen und die Beteiligung am TV-Sender Hamburg 1 verkauft. Daneben sind in jüngster Zeit etliche ausländische Zeitschriften (z.B. in Frankreich und Rußland) abgestoßen oder eingestellt worden. Im laufenden Jahr wird Springer wohl auch aus dem Radiomarkt aussteigen. Hier bestehen an sechs Sendern direkte und an elf indirekte Beteiligungen, außerdem hält er 10,6 Prozent an der Radioholding Regiocast. 

Sie stehen zum Verkauf. 

Was bleibt vom Imperium? Dessen deutsche Zeitungen und Zeitschriften haben 2012 mit 1,1 Milliarden Euro rund 47 Prozent zum Konzernumsatz beigetragen. Knapp die Hälfte von ihnen ist nun verkauft worden. 35 Prozent des Umsatzes stammten 2012 von den sogenannten digitalen Medien. Ihre Bedeutung wächst: In den ersten neun Monaten 2013 haben sie schon fast 40 Prozent des Umsatzes und 46 Prozent des operativen Profits erzielt. Im laufenden Jahr wird sich das noch weiter in Richtung Internet verschieben. 

Kein anderes großes deutsches Medienunternehmen hat sich in so kurzer Zeit und in derartigem Umfang vom Onlinegeschäft abhängig gemacht. Zwar haben z.B. auch Hubert Burda Media (Focus, Bunte, TV Spielfilm) und die Verlagsgruppe von Holtzbrinck (Rowohlt, S. Fischer, Macmillan-Gruppe) viel Geld in Onlineportale investiert. Holtzbrinck hat zu diesem Zweck sogar den Zeitungsmarkt verlassen; bei Burda kommt schon die Hälfte des Umsatzes aus dem Netz. Beide investieren aber auch in ihre Stammärkte (Zeitschriften, Bücher, Fachmedien). Bei Springer hingegen ist fast alles abgestoßen worden oder steht zum Verkauf, was nicht bei den Onlinemarken unterzubringen ist. 

Vor wenigen Jahren hatte Döpfner noch ganz andere Prioritäten gesetzt, nur um sie dann erstaunlich schnell wieder zu vergessen. So wollte er 2005 die Fernsehkette ProSiebenSat.1 Media (Sat.1, Pro Sieben, Kabel 1) übernehmen. 

Vier Milliarden Euro war er bereit dafür zu zahlen. Das Vorhaben stieß auf den Widerstand des Bundeskartellamts und der Kontrollkommission zur Konzentration im Medienbereich (KEK). Die Bundesregierung und die bayerische Landesregierung hingegen unterstützten den Deal und schienen bereit, das Votum der Behörden vom Tisch zu wischen. Aber Döpfner wartete den Showdown nicht ab, sondern gab Anfang 2006 überraschend auf. 

Zwei Jahre nach dem ProSiebenSat.1-Fiasko wollte er groß ins Briefgeschäft einsteigen. Die zynische Idee: Mit Hungerlöhnen (unter Hartz-IV-Niveau) und unter Ausnutzung der Zeitungsträger-Infrastruktur müßten sich der Deutschen Post Marktanteile abnehmen lassen. Zu diesem Zweck kaufte der Konzern die Mehrheit am Postdienstleister PIN AG. Was man nicht für möglich gehalten hatte: Die Bundesregierung (CDU/CSU/SPD) beschloß für die Branche einen Mindestlohn. Damit war Döpfners Geschäftsmodell gescheitert. Die PIN AG wurde binnen weniger Wochen in die Insolvenz getrieben, etwa 3000 Menschen verloren ihren Arbeitsplatz, und die Axel Springer AG mußte einen Verlust von 572 Millionen Euro verbuchen. 

Das Internet als Offenbarung 

Erst nach diesen beiden Pleiten war plötzlich das Internet die große Offenbarung. Im Jahr 2007 hatte Springer zehn Internetfirmen im Besitz oder war daran beteiligt, 2013 schon 46, davon 23 mit Sitz in Deutschland. 

Etliche Beobachter des Geschehens sehen in Döpfners Geschäftspolitik weniger eine durchdachte Strategie als den Versuch einer Flucht nach vorne, nur weg von den schrumpfenden Printmärkten. Von neuen Ideen zu den gedruckten Medien ist aus der Konzernzentrale nichts bekanntgeworden. Die letzten Innovationen (Welt kompakt und TV Digital) stammen aus dem Jahr 2004. 

Immerhin: Für das nun alles entscheidende Internetgeschäft hat Döpfner ein strategisches Konzept entwickelt. Es geht über das hinaus, was bislang von anderen aus der Branche zu hören war. Er ist auch bereit, sehr viel Geld in die Hand zu nehmen: Allein die drei Firmen Zanox (Onlinewerbung), Aufeminin (Frauennetzwerk) und Seloger (Immobilien) haben rund 1,1 Milliarden Euro gekostet. Einen echten Flop (so wie Holtzbrinck mit StudiVZ) hat Döpfner bisher nicht erlebt - im Gegenteil: Die einzelnen Segmente im Geschäftsbereich »Digitale Medien« erzielen Umsatzrenditen zwischen 25 und 43 Prozent. Aber die Internetmärkte sind vermintes Gelände. Ein erfolgreiches Unternehmen kann rasch »out« sein und in eine Abwärtsspirale geraten. Döpfner will dem dadurch begegnen, daß er keine allzu großen Risiken eingeht und indem er alle wichtigen Sektoren der Onlinewirtschaft besetzt: medienferne Plattformen, Portale mit redaktionellen Angeboten und Werbung. 

Für klassische Reklame im Internet (Werbebanner, Popup-Fenster usw.) wurden 2012 in Deutschland knapp 1,1 Milliarden Euro ausgegeben. Bei den deutschen Onlinevermarktern stand Axel Springer Media Impact Mitte 2013 auf Platz zwei (hinter T-Online), im mobilen Internet auf Platz drei (hinter Bertelsmann und T-Online). Bei den sogenannten Partnernetzwerken (Affiliate-Marketing) hält Springer an der Zanox-Gruppe, einem der führenden europäischen Anbieter, die Mehrheit. 

Allerdings gibt es einen Bereich, in dem deutsche Werbevermarkter keinen Stich machen: die Suchwortvermarktung. Sie wird zu 97 Prozent vom US-Konzern Google beherrscht und hat 2012 fast 2,3 Milliarden Euro eingebracht - mehr als doppelt so viel wie die klassische Reklame. Unter den führenden deutschen Onlinevermarktern wird seit einiger Zeit darüber diskutiert, was man dieser Übermacht entgegensetzen könnte. Springer geht einen anderen Weg und hat im November 2013 ein Bündnis mit Google geschlossen: Ein Teil der Internetreklame wird künftig nicht mehr im eigenen Haus, sondern über Googles Werbefirma Doubleclick AdExchange abgewickelt. Springer verspricht sich von dem Deal verbesserte Werbeerlöse, womöglich auch bevorzugte Kontakte zum Weltmarktführer. Daß damit Googles Vormachtstellung zementiert wird nimmt man in Kauf. 

Das zweite - und künftig vermutlich größte - Onlinegeschäftsfeld werden Marktplätze (Kaufda), Preisvergleichsportale (Idealo), Kleinanzeigenplattformen (Immonet, Seloger), Jobbörsen (Stepstone, Totaljobs) und ähnliche Angebote sein. Auf diesem medienfernen Sektor ist Springer bislang als »Late mover« aufgetreten, d.h., der Konzern kauft Firmen erst dann, wenn sie sich schon auf dem Markt etabliert haben. Daß dann die Preise entsprechend höher liegen, nimmt man in Kauf; dafür ist das Risiko geringer. Damit das nicht am Geld scheitert, hat sich das Unternehmen mit dem Finanzinvestor General Atlantic zusammengetan und ihm 30 Prozent an der Holding AS Digital Classifieds verkauft. Die Masse der Internetbetriebe, die Springer in den vergangenen Jahren ganz oder teilweise erworben hat (mindestens 30 seit 2010), ist hier angesiedelt. 

Der Trend zu medienfernen Firmen ist nicht nur bei Springer zu beobachten. 

Hubert Burda Media gilt als drittgrößter Onlinehändler in Deutschland (hinter Ebay und Amazon) und betreibt prominente Sozialnetzwerke (Elitepartner, Xing). Fast alle Großverlage (Gruner und Jahr, Madsack, Holtzbrinck) sind eifrig dabei, sich an Onlinefirmen aller Art zu beteiligen oder auch selbst Unternehmen zu starten. Hierzu unterhalten sie sogenannte Inkubatoren - Brutkästen für Startups. Es ist gut möglich, daß künftig das Mediengeschäft (erst recht das mit gedruckten Erzeugnissen) für die einstigen Verlage nur noch eine Nebenrolle spielen wird. 

Döpfners neuer Onlinejournalismus 

Diesen Vorwurf will Vorstandschef Döpfner allerdings nicht auf sich sitzen lassen. Die Axel Springer SE (Societas Europaea; EU-Rechtsform für AG) werde nicht zu einem x-beliebigen Internetkonzern umgewandelt, sondern zu einem Medienunternehmen der Zukunft. Deshalb stellt er die dritte Säule seines Internetgeschäfts in den Vordergrund: die journalistischen Portale. 

Hier sollen die eigentlichen Innovationen stattfinden - oder, wie es in einer Mail der Geschäftsführung an die Belegschaft vom September 2013 heißt: »Wir sind multimedial! Die Trennung nach unterschiedlichen Medienkanälen wird (...) keine Rolle mehr spielen.« Die neuen Redaktionen stehen »für alle Plattformen der Marke von Digital bis Print«. 

Als das Management den Ausstieg bei Regionalblättern bekanntgab, blieb die Frage offen, was mit den beiden verbliebenen Zeitungen Bild und Welt geschehen würde. Die Verlegerin Friede Springer beeilte sich, mit einer Garantieerklärung die Wogen zu glätten: »Solange ich als Mehrheitsaktionärin hier etwas zu sagen und mitzubestimmen habe, werden die Welt- und die Bild-Gruppe nicht angetastet.« Die Worte sollte man genau lesen. Es wird nicht der Bestand der Zeitungen garantiert, sondern der der »Gruppen«. Daß das keine Haarspalterei ist, zeigt die jüngste Entwicklung. 

Im Frühjahr 2012 war die Computer-Bild-Gruppe in eine tariflose Tochterfirma umgewandelt worden. Es gab Widerstand: Von den 86 Betroffenen weigerten sich 57 mitzugehen. Sie wurden trotz Warnstreiks und öffentlichkeitswirksamer Proteste entlassen. Damals hatten sich viele Beobachter gewundert, weshalb sich Döpfner mehrfach persönlich in den Konflikt einmischte und keinen Millimeter nachgab. Heute ist klar: Das war ein Testlauf für die Zukunft. Als im Oktober 2013 eine neue Bild GmbH & Co. 

KG geschaffen wurde und die Beschäftigten dorthin wechseln mußten, war diese Tochterfirma selbstverständlich auch tariflos. Neue Beschäftigte werden »zu marktüblichen Konditionen« eingestellt; nur für »Altmitarbeiter« gilt noch der Tarifvertrag. Widerstand gab es diesmal nicht mehr. Als im Sommer 2013 die Redaktionen von B.Z. und Bild Berlin/Brandenburg »zusammengeführt« wurden, kostete das nicht nur 50 Stellen, es wurde wiederum die Tarifbindung beendet. Für die nahe Zukunft soll die gesamte Konzernbelegschaft in eigenständige Kommanditgesellschaften verschoben werden; die Axel Springer SE wird dann nur noch eine Holding sein. Das wurde von der Geschäftsführung im Dezember 2013 so gut wie bestätigt. 

Die Auslagerung bislang tarifgebundener Tätigkeiten in tariflose Tochterfirmen ist nun allerdings keine neue Idee und auch keine Erfindung des Hauses Springer. Was hingegen neu ist, sind die multimedialen Großredaktionen um die Marken Bild und Welt. Diese Produkte werden künftig in Riesenbüros erstellt, in denen Schreiber, Layouter, Fotografen, Video- und Social-Media-Experten, Datenspezialisten und andere zusammenarbeiten. 

Bei der Welt sitzen seit Mitte Dezember 100 Leute beieinander: sogenannte Entscheider an runden Tischen mit acht Bildschirmen, der Rest je nach Ressortzugehörigkeit darum herum. Einen eigenen festen Arbeitsplatz hat dort niemand mehr. Zwar sollen die Redakteure auch einen persönlichen Schreibtisch in den oberen Stockwerken haben, wohin sie sich bei Bedarf zurückziehen können. Wie lange das noch gilt, ist eine andere Frage. 

Die Arbeitsweise folgt dem Motto »online to print«. Alle Beiträge werden für die jeweilige Website verfaßt und dort in regelmäßigen Abständen neu eingestellt. Hierfür werden Infografiken erstellt, Fotos und Videos besorgt, Links gesucht. Auch das ist nicht neu, wird nun aber verstärkt, organisatorisch verfestigt und ausgeweitet. Neu ist höchstens, daß sich die multimediale Redaktion nebenher auch noch um andere Dinge kümmern darf, etwa den Vertrieb von elektronischen Büchern über die neue Plattform bild-ebooks.de oder die Bestückung des im Oktober 2013 gestarteten Touristikportals travelbook.de. Ob und in welchem Umfang unter solchen Bedingungen noch Kapazitäten für ausführliche Textbeiträge und sorgfältige Recherche bleiben, ist schwer zu beurteilen. 

Und die gedruckte Zeitung? Sie wird von einem ausgelagerten Ressort (bei der Welt sind das zwölf Redakteure) aus dem vorhandenen und schon online veröffentlichten Material zusammengestellt. Sie ist nur noch ein Nebenprodukt. Die Sonntagszeitung wird (einstweilen) noch getrennt produziert. Der Rest der Redaktion hat mit alldem nichts mehr zu schaffen, die Struktur würde auch ohne Zeitung funktionieren. Friede Springers »Garantie« für die Welt-Gruppe bietet deshalb keine Sicherheit für den Bestand der gedruckten Ausgabe. 

Mit der Marke Die Welt hat Döpfner allerdings besonders Großes vor. Mitte Dezember 2013 ist der Fernsehsender N24 gekauft worden. Einer der bisherigen Eigentümer, der frühere Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, wurde gleichzeitig als Herausgeber der Welt eingestellt. Diese Übernahme muß nicht bedeuten, daß Springer nun wieder ins Fernsehgeschäft einsteigen will. Vielmehr wird N 24 Bestandteil der Welt-Gruppe werden. So möchte man »im deutschsprachigen Raum das führende multimediale Nachrichtenunternehmen für Qualitätsjournalismus« etablieren. Es soll gleichzeitig der »zentrale Bewegtbildlieferant« für sämtliche Erzeugnisse des Konzerns sein - also z.B. auch für Portale wie bild.de oder gofeminin.de. 

Wenn man das Wortgeklingel beiseite läßt, dann ist Vorstandschef Döpfners Konzept der Versuch, Strukturen aufzubauen, die über die gedruckten Zeitungen hinausweisen. Perspektivisch können diese durch multimediale Gemeinschaftsproduktionen ersetzt werden und auslaufen. Damit würde allerdings ein Mechanismus wirksam, der »sich selbst erfüllende Prophezeiung« heißt: Eine Zeitung, die nur noch das bringt, was vorher schon anderswo zu lesen war, und die nur noch aus Onlinematerial zusammengeschustert wird, macht sich irgendwann entbehrlich. 

Die journalistisch orientierten Internetportale haben bislang ein Problem mit der Rentabilität. Mit Werbung allein sind sie nicht zu finanzieren. Sie können nur dann wirtschaftlich tragfähig werden, wenn es gelingt, zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen. Das Zauberwort heißt deshalb bezahlte Inhalte oder auf Neudeutsch »Paid Content«. Das war bislang aber bei den Nutzern nicht durchsetzbar. 

Deshalb hat der Konzern im vergangenen Jahr eine Offensive zur Durchsetzung der Bezahlpflicht gestartet. Seit dem 1. Januar 2013 gilt sie für welt.de, seit Mitte des vergangenen Jahres auch für bild.de. Das Angebot der beiden Portale wird unterteilt in kostenfreie Artikel und drei Abonnements zu einem Preis jeweils zwischen 4,99 und 14,99 Euro monatlich. Mitte Dezember gab es eine erste Bilanz: Man habe 152493 Abonnenten für Bild plus gewonnen - die meisten für die billigste Variante. Döpfner zeigte sich zufrieden. Ob das wirklich ein Erfolg ist, steht dahin, denn Springer hat auch viel Geld investiert. So wurden für 20 Millionen Euro die Verwertungsrechte für Videoausschnitte der Fußballbundesliga auf bild.de gekauft. Dieses Geld muß wieder hereinkommen. Über die Akzeptanz des Bezahlmodells bei welt.de hat Springer keine näheren Angaben gemacht. 

Das Unternehmen fährt unter seinem Vorstandschef einen riskanten Kurs. Er konzentriert sich fast vollständig auf die Onlinemärkte, deren Perspektiven trotz aller Vorsicht unsicher bleiben. Mit Tarifbruch und Personalabbau können zwar die Kosten gesenkt werden. Ob es aber gelingt, die journalistischen Portale als gemeinschaftliche Marken für Print und Online zu etablieren und profitabel zu machen, ist abzuwarten. Als einzige verläßliche Profitquelle bleiben Bild und Bild am Sonntag. An der oft unheilvollen politischen Rolle der Springerschen Meinungsmedien wird sich einstweilen nichts ändern. 

Gert Hautsch aus Frankfurt am Main ist freier Autor mit dem Schwerpunkt Medien. Unter anderem verfaßt er für die Gewerkschaft ver.di vierteljährlich analytische Berichte zur deutschen Medienwirtschaft (verlage-druck-papier.verdi.de/service/publikationen). 

 

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Läuten der Totenglocken  

Pressekonzerne suchen nach Lösungen in Zeitungskrise – Springer und Madsack stehen für unterschiedliche Konzepte. Beide bedeuten nichts Gutes für die Zukunft der Blätter  

Gert Hautsch 

In: junge Welt online vom 09.01.2014 

 

In den vergangenen beiden Jahren sind den Zeitungen die Totenglocken so heftig wie noch nie geläutet worden. Die Financial Times Deutschland und fünf weitere Blätter wurden eingestellt, die Frankfurter Rundschau war insolvent, das Wort von der »Zeitungsdämmerung« machte die Runde. Da paßte es dann ins Bild, daß zwei einst führende Großverlage für Regionalzeitungen ausgestiegen sind: Holtzbrinck und Springer - als hieße das Motto: »Rette sich, wer kann!« 

Gleichzeitig gab es Personalabbau und Zentralisierung in bisher ungeahntem Ausmaß. Womöglich wird 2014 das Jahr, in dem auf dem deutschen Zeitungsmarkt die Weichen neu gestellt werden, und zwar in eine bedrohliche Richtung. Die Zeitungen haben ernsthafte wirtschaftliche Probleme, zwei negative Trends verstärken sich gegenseitig: Die Zahl der Leser, besonders der jüngeren, sinkt - und zugleich gehen die Werbeerlöse zurück. Zwischen 2000 und 2012 ist die verkaufte Auflage um ein Viertel von 28,5 auf 21,4 Millionen gesunken, 2013 dürften die Werte um 3,6 Prozent niedriger als 2012 gelegen haben. Die Werbeerlöse gingen im selben Zeitraum um mehr als die Hälfte - von 6,6 auf 3,2 Milliarden Euro - zurück, für 2013 wird ein Minus von 4,3 Prozent erwartet. 

Versuche, sich dem Trend entgegenzustemmen, gab es genug: Mehr Farbe, kleinere Formate, Kompakt- und Billigausgaben sollten neue Leser ansprechen, mit Personalabbau und Preiserhöhungen wurde den Werbeverlusten entgegengewirkt. Eine dauerhafte Verbesserung trat indessen nicht ein. 

Weshalb jetzt womöglich nach radikalen Mitteln gesucht wird. 

Zum Altbekannten gehören Personalabbau und Tarifflucht. Die Funke-Gruppe hat hier neue Maßstäbe gesetzt, als sie im Februar 2013 bei der Westfälischen Rundschau in Dortmund die komplette Redaktion entlassen hat. 

Seither wird das Blatt mit Material aus der Konzernzentrale und von konkurrierenden Verlagen der Region gefüllt. Springer ist bei der Tarifflucht auf den Geschmack gekommen: Der Konzern wird in eine Holding umgewandelt, die Belegschaft darf in tariflose Tochterfirmen wechseln. 

Neueinstellungen erfolgen nur noch »zu marktüblichen Konditionen«. Aber - wie gesagt - das kennt man alles schon. Wie sich der Zeitungsmarkt in den kommenden Jahren neu strukturieren könnte, das machen gerade zwei Konzerne vor: Axel Springer und die Hannoveraner Verlagsgruppe Madsack (an der die SPD über ihre Medienholding DDVG 23,1 Prozent der Anteile besitzt). 

Seit November 2013 gibt es bei Springer eine Großredaktion für die Welt-Gruppe. Die überregionale Welt ist die einzige verbliebene Abonnementzeitung des Konzerns. Rund hundert Menschen arbeiten nebeneinander: Autoren, Layouter, Fotografen, Video- und Social-Media-Experten, Datenspezialisten und andere. Sogar der kürzlich gekaufte Fernsehsender N 24 wird hier integriert. Die Arbeitsweise heißt »online to print«: Sämtliche Beiträge werden für die Website welt.de produziert und dort regelmäßig eingestellt. Wo möglich, werden Text-, Bild- und Videobeiträge für andere Onlineportale des Konzerns (oder auch für Fremdkunden) geliefert. Die Welt-Gruppe soll »im deutschsprachigen Raum das führende multimediale Nachrichtenunternehmen für Qualitätsjournalismus« werden. Für die Tageszeitung ist ein separates zwölfköpfiges Team zuständig. Es stellt aus dem vorhandenen und schon online veröffentlichten Material ein Printprodukt namens Die Welt zusammen. Die Zeitung wird zum Nebenprodukt, die Struktur würde auch ohne sie funktionieren (siehe ausführliche Analyse in jW vom 8. Januar). 

Während Springer so Redaktionsstrukturen schafft, die über die Zeitung hinausweisen (in der Bild KG läuft es ähnlich), entwickelt die VG Madsack ein Alternativkonzept auf der Basis der gedruckten Zeitung. Es heißt »Redaktionsnetzwerk Deutschland« und wird sämtliche Titel des Konzerns beliefern. Alle 18 Zeitungen von Schleswig-Holstein bis Thüringen und von Sachsen bis Niedersachsen werden ihre überregionalen Seiten von der Zentrale in Hannover beziehen. Ein Großteil der rund 150 Redakteursstellen wird gestrichen. 

Das Modell hat Vorbildcharakter. Zur Zeit gibt es in Deutschland vier regionale und neun überregionale Zeitungskonzerne. Sie bringen etwa 80 formal selbständige Zeitungen heraus. Daneben existieren 47 unabhängige Verlage (darunter die 8. Mai GmbH, die die junge Welt herausgibt), von denen ein Teil seine Mantelseiten auch schon nicht mehr selbst erstellt, sondern einkauft. Wenn das Madsack-Modell um sich greift (und weshalb eigentlich nicht?), dann könnten bald im ganzen Land Zustände herrschen, wie man sie aus den neuen Bundesländern kennt. Dort gibt es zwölf Tageszeitungen mit eigener Redaktion, von denen nur eine (der Vogtland-Anzeiger in Plauen) selbständig ist. Die anderen gehören zu westdeutschen Pressekonzernen. Diese Entwicklungsvariante ist kaum weniger beängstigend als Springers »Nebenbei-Zeitungen«. 

 

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