Profitables Gift  

Hintergrund. Konzerne wie Bayer machten mit der riskanten Chemikalie PCB über Jahrzehnte Milliardengewinne. Für die verursachten Schäden bei Mensch und Natur soll nun die Allgemeinheit bezahlen  

Philipp Mimkes 

In: junge Welt online vom 04.12.2013 

 

Tausende von Schulen und Universitäten sind mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) verseucht. Die Sanierungskosten gehen in die Milliarden Euro. Die Hersteller, vor allem die US-Firma Monsanto und der Leverkusener Bayer-Konzern, haben die Gefahren jahrzehntelang vertuscht. Nun wälzen sie die Sanierungskosten auf die Allgemeinheit ab. Erste Versuche, die Unternehmen für ihr toxisches Erbe haftbar zu machen, scheiterten. 

Drei Beispiele in der Bundesrepublik verdeutlichen, daß Zehntausende Schüler, Studenten und Lehrer täglich einer Giftmischung in der Luft von Innenräumen ausgesetzt sind. Betroffen sind in erster Linie öffentliche Gebäude, zumeist in den westlichen Bundesländern. Nur mit extremem Aufwand können die Kontaminierungen beseitigt werden. 

Universität Bochum: Die Gebäude der ingenieurswissenschaftlichen Fakultäten sind so stark mit PCB belastet, daß sie bis 2015 abgerissen und neu errichtet werden müssen. Die Höhe der Kosten ist bislang vertraulich, geschätzt wird ein dreistelliger Millionenbetrag. 

Herder-Gymnasium Gießen: Bei einer Routineuntersuchung im Sommer werden extreme PCB-Werte festgestellt. 50 Räume müssen geschlossen werden, 800 Schüler werden ausquartiert. 

Pascal-Gymnasium Münster: Trotz zweier Sanierungen in den 1990er Jahren werden weiterhin gefährliche PCB-Werte gemessen. Mitte November wird eine erneute Entgiftung beschlossen, Kostenpunkt: 3,8 Millionen Euro. 

Die Gesundheitsrisiken sind beträchtlich: PCB können das menschliche Hormonsystem, das Nervensystem und das Immunsystem schädigen, Schilddrüse, Leber und Nieren angreifen und zu Unfruchtbarkeit führen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Substanzklasse zudem kürzlich in die Liste krebserzeugender Stoffe der Kategorie 1 - die höchste Stufe, bei der eine krebserregende Wirkung für den Menschen als nachgewiesen gilt - eingestuft. 

PCB können sich besonders im Fettgewebe und in der Muttermilch anreichern. 

Bei Säuglingen kann die Aufnahme um den Faktor 50 über der von Erwachsenen liegen. Umweltmediziner bezeichnen jedes 20. Kind als hoch belastet. 

Toxikologen fanden Hinweise darauf, daß besonders die Belastung im Mutterleib zu Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) und unterdurchschnittlichen Intelligenzquotienten führen kann. 

Zwar ging die PCB-Konzentration in der Muttermilch in den vergangenen 20 Jahren um etwa 75 Prozent zurück, wie auch das Bayerische Landesamt für Umwelt 2008 schrieb. Dennoch wird es wohl noch mehr als 100 Jahre dauern, bis die Aufnahme von Dioxin und PCB durch die Muttermilch unter der von der WHO maximal tolerierten Tagesdosis (TDI-Wert) liegt. 

Nachweisbar krebserregend 

Polychlorierte Biphenyle wurden seit 1929 großtechnisch hergestellt. Wegen ihrer speziellen elektrischen Eigenschaften und ihrer Nichtbrennbarkeit wurden sie zunächst in Transformatoren und Kondensatoren eingesetzt. 

Darüber hinaus verwendete man PCB als Weichmacher in Fugendichtungsmassen, aber auch in Farben, Lacken, Klebstoffen und als Flammschutzmittel in Deckenplatten. 

Weltweit wurden bis 1989 rund 1,3 Millionen Tonnen PCB hergestellt. Rund die Hälfte stammt aus den Fabriken des US-Konzerns Monsanto. Die deutsche Bayer AG, die die Produktion 1930 aufgenommen hatte, liegt mit 160000 Tonnen, rund zwölf Prozent der Gesamtproduktion, auf dem zweiten Platz. Es folgen russische und französische Hersteller. Die wichtigsten Handelsnamen waren Aroclor (Monsanto), Clophen und Elanol (Bayer) sowie Pyralene von der französischen Firma Prodelec. Der Chlorgehalt variiert je nach Hersteller und Produkt zwischen 20 und 60 Prozent. 

PCB sind chemisch mit Dioxinen verwandt und zählen zu den als »dreckiges Dutzend« bekannten Gefahrstoffen. Wegen ihrer extremen Langlebigkeit und der hohen Mobilität finden sie sich nahezu überall in der Natur, in der Tiefsee ebenso wie in der Arktis. Traurige Berühmtheit erlangten kanadische Inuit, die unter einer PCB-Konzentration leiden, die der von Opfern großer Chemieunglücke vergleichbar ist - in einer Weltgegend, in der die Substanzen nie großtechnisch eingesetzt wurden. 

Das weltweit erste Verbot »offener« Anwendungen, etwa in Dichtungsmassen, Farben und Kunststoffen, war bereits 1972 von der schwedischen Regierung verhängt worden. Westdeutschland folgte 1978. Der Einsatz in vorgeblich »geschlossenen« Systemen wie Hydraulikölen und Transformatoren blieb in der BRD jedoch weiterhin gestattet. Schlimmer noch: Als die USA, bis dahin der größte Anbieter, 1977 die Herstellung und Verwendung von PCB vollständig verboten, sprang die Bayer AG in die Bresche und steigerte ihre jährliche Produktion von 6000 auf 7500 Tonnen. Erst 1983 stellte Bayer als letzte westliche Firma die Herstellung ein. 

Ein Verbot auch der »geschlossenen« Anwendungen folgte in Deutschland erst 1989. Seitdem geht die PCB-Belastung zwar zurück, doch nach Angaben des Umweltbundesamts nimmt die Bevölkerung noch immer bedenkliche Mengen über die Nahrung auf. Auch die Luftbelastung ist oftmals beträchtlich; die höchsten Werte in Deutschland werden in Nordrhein-Westfalen gemessen, wo die größten Produktionsstätten lagen. 

Erst durch die Stockholmer Konvention von 2001 wurde die Verwendung von PCB endgültig verboten. Ziel des Abkommens ist eine vollständige Eliminierung aus technischen Anwendungen sowie eine umweltgerechte Entsorgung bis 2028. 

Risiken verheimlicht 

Schon in den späten 1930er Jahren wußte die Firma Monsanto von den Gesundheitsrisiken. Arbeiter in einer New Yorker Fabrik, die mit PCB in Berührung gekommen waren, litten an Chlorakne und Leberschäden, zum Teil starben sie an den Folgen der Vergiftung. Der Umweltmediziner Cecil Drinker von der Harvard-Universität wurde mit der Untersuchung beauftragt. Auf einer Konferenz, an der auch Vertreter des Konzerns teilnahmen, wies Drinker 1937 erstmals auf die Gefahren hin. Der Vermarktung von PCB tat dies jedoch keinen Abbruch. 

30 Jahre später warnte der schwedische Chemiker Sören Jensen erstmals vor der Anreicherung von PCB in der Umwelt. Durch Zufall hatte Jensen in schwedischen Seeadlern hohe PCB-Konzentrationen entdeckt und daraufhin in weiteren Tierarten starke Belastungen nachgewiesen. Als Medien das Thema aufgriffen, reagierte Monsanto mit einer Gegenkampagne. Ein eigens gegründetes Komitee sollte, so wörtlich, »den Vertrieb von und die Einkünfte durch Aroclor sicherstellen, ohne das Image der Firma zu beschädigen«. Intern wurde zudem festgehalten, daß »das Problem die gesamten USA, Kanada und Teile Europas, besonders Großbritannien und Schweden betrifft (...) und andere Regionen Europas, Asiens und Lateinamerikas werden sicher bald folgen. Die Kontamination ist bereits in den entlegensten Regionen der Erde nachgewiesen«. 

1968 beseitigte der sogenannte Yusho-Vorfall in Japan die letzten Zweifel an den gravierenden gesundheitsschädigenden Wirkungen: 1800 Menschen nahmen infolge eines Lecks in einer Wärmetauscheranlage in der Raffinationsanlage eines Reisölherstellers PCB-verseuchte Lebensmittel auf. Sie wurden von der »Yusho«-Krankheit befallen, deren Symptome Hautgeschwüre, Verfärbung der Lippen und Nägel sowie geschwollene Gelenke waren. Eine ähnliche Katastrophe ereignete sich 1979 in Taiwan (»Yucheng«). Eine Langzeitstudie zeigte, daß die Kinder von während der Schwangerschaft kontaminierten Müttern eine erhöhte Sterblichkeitsrate und schwere Geistes- und Verhaltensstörungen aufwiesen. Außerdem war die Leberkrebsrate bei den Opfern fünfzehnmal so hoch wie bei einer Kontrollgruppe. Trotzdem ging die Vermarktung der Substanzklasse weiter. 

Der Chemiker Roland Weber, Experte für langlebige organische Schadstoffe (»Persistent Organic Pollutants« oder POPs), weist darauf hin, daß große Teile der PCB-Weltproduktion langfristig in der Umwelt und damit ebenfalls in der Nahrungskette landen. So befinden sich mehr als die Hälfte der in den 1960er und 1970er Jahren in Fugenmassen und Farbanstrichen verwendeten PCB bis heute in den betroffenen Gebäuden. Die Ausgasungen führen zu einer permanenten Belastung der Luft. Und auch aus vorgeblich »geschlossenen« Anwendungen gerieten 30 bis 50 Prozent der PCB auf Deponien oder gelangten direkt in die Umwelt. 

Wegen der Stabilität von PCB und aufgrund ihrer hohen Fettlöslichkeit kommt es zu einer Anreicherung in der Nahrungskette. So können PCB aus Deponien oder über das Abwasser in Flüsse und von dort ins Meer gelangen, wo sie von Algen aufgenommen werden. Die zweite Stufe in der Nahrungskette besteht aus Kleinkrebsen, Larven und Würmern. Von diesem tierischen Plankton ernähren sich wiederum viele Fischarten. Glieder am Ende von Nahrungsketten, zum Beispiel Raubtiere, Fische oder auch der Mensch, sind daher um mehrere Potenzen höher belastet als die Umwelt. 

Die größten Giftmengen nimmt die Bevölkerung über Milchprodukte auf, gefolgt von Fleisch und Fisch. Einige fettreiche Fischarten, zum Beispiel Aale, sind so stark belastet, daß in Deutschland vom Verzehr generell abgeraten werden muß. 

Toxisches Erbe 

Rund drei Millionen Tonnen PCB-kontaminiertes Öl und PCB-belastete Geräte befanden sich allein in den Ländern, die 2001 die Stockholmer Konvention unterzeichnet hatten. Die Kosten für Verpackung, Transport und Zerstörung betragen pro Tonne zwischen 2000 und 5000 US-Dollar, was insgesamt Ausgaben von bis zu 15 Milliarden Dollar bedeutet. 

Wahrscheinlich noch teurer sind die notwendigen baulichen Maßnahmen. So wurden in Deutschland rund 20000 Tonnen PCB in Fugendichtungen verbaut, vor allem zwischen 1969 und 1975 in öffentlichen Einrichtungen. Allein 10000 Schulen, also fast jede vierte, gelten als kontaminiert. Genaue Zahlen liegen nicht vor - denn noch immer besteht keine Inventarisierungs- und Beseitigungspflicht. 

Die Sanierungsdringlichkeit wird in Deutschland anhand der PCB-Konzentration in der Raumluft beurteilt. Deren Analyse ist nicht vorgeschrieben, wurde jedoch in zahlreichen öffentlichen Gebäuden bereits durchgeführt. Die deutsche PCB-Richtlinie von 1994 erklärt den Aufenthalt in Gebäuden für tolerabel, wenn die Luftkonzentration unter drei millionstel Gramm pro Kubikmeter (3 µg PCB/m3) liegt. Dieser Wert ist jedoch überholt: Er berechnet sich aus dem 1983 vom damaligen Bundesgesundheitsamt festgelegten TDI-Wert von einem millionstel Gramm PCB pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Aufgrund neuer toxikologischer Erkenntnisse hat die WHO jedoch 2003 einen fünfzigmal niedrigeren Richtwert festgelegt, ohne daß die deutsche PCB-Richtlinie damals oder im Laufe der vergangenen zehn Jahre entsprechend angepaßt wurde. 

In einem Forschungsbericht des Umweltbundesamtes aus dem Jahr 2005 heißt es, daß selbst die bestehenden, schwachen Grenzwerte häufig überschritten werden. In einigen Fällen waren Lehrer und Schüler einer Giftkonzentration ausgesetzt, bei der Fabrikarbeiter Schutzanzüge und Atemschutz tragen müßten. Manche Gebäude sind so hoch mit PCB belastet, daß sie nicht saniert werden können. Aufsehen erregte zum Beispiel der Abriß der Nürnberger Georg-Ledebour-Schule 2002, der allein fünf Millionen Euro kostete (hinzu kamen knapp 30 Millionen für den Neubau). 

Eine Pflicht, Gebäude auf PCB zu untersuchen, gibt es bislang nicht. Solche Messungen finden häufig erst dann statt, wenn sich Erkrankungen und Todesfälle häufen. Meist kommt es zu großen Zeitverzögerungen: Geschädigte warnen, Selbsthilfegruppen oder Elterninitiativen fordern Sanierungen und eine Absenkung der Grenzwerte, während Gutachter die Belastung herunterrechnen, Entwarnung geben und zum Putzen und Lüften auffordern. 

Allenfalls nach jahrelangen Diskussionen erfolgt dann eine Sanierung. 

Ein erster Schritt zur Vermeidung weiterer gesundheitlicher Schäden wären eine Aufstellung zu allen belasteten Gebäuden sowie Vorschriften zum Umgang mit PCB-haltiger Bausubstanz. Schweden, das ein derartiges Kataster aufgebaut hat, könnte hierfür als Vorbild dienen. Klar ist jedoch: Allein in Deutschland gehen die Entsorgungskosten in die Milliarden. Und so oder so gibt es keine risikolose Beseitigung. Die meist verwendete Technologie zur Zerstörung von PCB ist die in Sondermüllverbrennungsanlagen, wie sie auch die Firma Bayer betreibt. Die hochgiftigen Filterstäube führen jedoch zu einem neuen Entsorgungsproblem. Und bei unsachgemäßen Verbrennungen können sich aus PCB sogar noch gefährlichere Dioxine bilden. 

Des weiteren existieren in Deutschland mehrere Untertagedeponien, in denen Tausende Tonnen kontaminierter Transformatoren und Kondensatoren lagern. 

Wegen ihrer hohen Persistenz muß über Jahrhunderte sichergestellt werden, daß die Chemikalien nicht austreten. PCB-haltiger Bauschutt landet meist auf Deponien, wird aber auch im Straßenbau eingesetzt und gelangt dadurch zu großen Teilen in die Umwelt. Schätzungen zufolge ist rund die Hälfte der hergestellten PCB schon in Wasser, Boden oder Luft ausgetreten. 

Auch die Kosten durch die Kontamination von Lebensmitteln werden auf die Allgemeinheit abgewälzt. Allein der 1999 durch den Eintrag von 25 Litern PCB-Öl in 107 Tonnen Futterfetten verursachte Lebensmittelskandal in Belgien verursachte eine Milliarde Euro an direkten und drei Milliarden Euro an indirekten Kosten. Ebenso wurde die irische Schweinefleischkrise im Dezember 2008 durch den Einsatz von PCB-kontaminierten Ölen bei der Futtermitteltrocknung verursacht und kostete etwa 100 Millionen Euro. 

PCB reichern sich selbst in scheinbar unberührter Natur an und gelangen mittelfristig in den Körper von Tier und Mensch. In einer Studie, in der 140 Schafslebern aus sechs Bundesländern untersucht wurden, überschritten 131 den zulässigen EU-Höchstgehalt für Dioxine und dioxinähnliche PCB. 

Vermutet wird daher eine deutschlandweit hohe Grundbelastung. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt deshalb, den Verzehr von Schafsleber generell zu vermeiden. Die Eintragspfade von PCB in Rindfleisch und der Zusammenhang mit Kontaminationen in der Umwelt wurden Anfang 2013 eigens auf einem Fachgespräch in Bonn beim Umweltministerium thematisiert. 

Industriehaftung gefordert 

Auch eine Fachtagung des »Deutschen Naturschutzrings« beschäftigte sich am 20. August 2013 mit den Lehren aus dem PCB-Desaster. Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes, kritisierte insbesondere die Rolle der Hersteller: »Die Industrie hat Informationen, daß PCB beim Menschen und der Umwelt zu Schäden führen können, weitgehend unter Verschluß gehalten und ignoriert. Das rPCB-Vermächtnisl, dem wir heute gegenüberstehen, hätte uns vielleicht erspart bleiben können.« Flasbarth griff auch die einst von den Produzenten propagierte Differenzierung in offene und geschlossene Systeme an: »Es hilft nichts, sich bei der Regulierung auf offene Verwendungen zu beschränken. Die Industrie rechnete bei geschlossenen Verwendungen, zum Beispiel in Transformatoren, oft mit einer Nullexposition. Doch spätestens die Entsorgung derartiger technischer Geräte oder auch des kontaminierten Bauschutts stellt uns vor fast unlösbare Probleme.« 

Uwe Lahl, Chemieprofessor an der Technischen Universität Darmstadt, stellte in der Konferenz fest: »Selbst ein Land wie Deutschland - mit strenger Gesetzgebung, ausgefeilter Abfallwirtschaft, guter Analytik und funktionierendem Vollzug - kann problematische Chemikalien wie etwa PCB auch nach 30 Jahren nicht angemessen handhaben. Wie sollen das dann Entwicklungsländer schaffen?« Zur Vermeidung künftiger Umweltdesaster forderte Lahl eine Umkehrung der Beweislast: »Chemikalien, die im Verdacht stehen, gesundheitsschädlich zu wirken, müssen verboten werden. Es sei denn, die Industrie kann diesen Verdacht nachweislich entkräften.« 

Der Präsident des »Deutschen Naturschutzrings«, Hartmut Vogtmann, forderte eine kompromißlose Anwendung des Verursacherprinzips. Die Industrie, die maßgeblich für die hohe Belastung mit PCB verantwortlich sei und die von dem jahrzehntelangen Verkauf profitierte, müsse für die Folgen aufkommen. 

Steigende Gesundheitskosten und Ausgaben für die Beseitigung von Altlasten dürften nicht den Steuerzahlern aufgebürdet werden. 

Diese Position deckt sich mit dem Ziel der langjährigen Kampagne der »Coordination gegen Bayer-Gefahren« (CBG). Jan Pehrke vom CBG-Vorstand: »Produkte von Bayer sind für einen Großteil der PCB-Belastung in Deutschland verantwortlich. Das Unternehmen hat mit den Stoffen Milliarden umgesetzt und muß nun für seine toxische Hinterlassenschaft haftbar gemacht werden!« Vertreter der CBG hatten erstmals 1983 in der Hauptversammlung der Bayer AG eine Sanierung von PCB-Altlasten auf Kosten des Konzerns gefordert. Bei Bodenuntersuchungen in Deutschland wird meist das von Bayer produzierte »Clophen A50« bzw. »A60« gefunden. 

Verseuchter Hafen 

Ein Beispiel für die bislang gescheiterten Versuche, die Hersteller für die von ihnen produzierten Gifte haftbar zu machen, ist die Reinigung des Hafenbeckens von Oslo. Große Teile der norwegischen Küste sind mit PCB verseucht, vor allem durch Rückstände von Schiffsfarben. In Teilen Norwegens mußte daher der Verzehr von Meeresfrüchten verboten werden. 

Chemische Nachweisverfahren zeigen, daß rund die Hälfte der in norwegischen Gewässern gefundenen Gefahrstoffe aus der Produktion von Bayer stammt. 

Eine Sanierung des 100 Kilometer langen Oslofjords würde Milliarden kosten. 

In einem ersten Schritt wurde von 2006 bis 2011 der Hafen der Hauptstadt gereinigt. Über Jahre hinweg versuchte die Kommune, von Bayer und zwei weiteren Produzenten eine Beteiligung an den Kosten durchzusetzen. Von den Ausgaben in Höhe von rund 26 Millionen Euro sollten die Produzenten sieben Millionen tragen, Bayer entsprechend des Marktanteils rund 3,5 Millionen. 

Tom Erik Økland vom Umweltverband »Norges Naturvernforbund« reiste hierfür eigens im April 2002 zur Bayer-Hauptversammlung nach Köln und wandte sich dort direkt an den Vorstand: »Die Kontaminierung weiter Teile der norwegischen Küste und die Vergiftung Hunderter Werftarbeiter hätten verhindert werden können, wenn Bayer rechtzeitig vor den Risiken von PCB gewarnt hätte.« Der damalige Vorstandsvorsitzende Werner Wenning bestritt jedoch jegliche Verantwortung und lehnte eine Kostenbeteiligung ab. 

Mehr als die Zahlung an sich fürchtete der Konzern einen Präzedenzfall. 

Dieser sollte unbedingt verhindert werden, weswegen das Unternehmen eine große Schar von Anwälten und Lobbyisten nach Norwegen entsandte. Selbst vor Einschüchterungen einzelner Akteure schreckte Bayer nicht zurück. 

Schließlich knickte der von der Hafenbehörde engagierte Anwalt ein, die Stadt verzichtete auf ein Klageverfahren. Obwohl Bayer eindeutig als PCB-Lieferant für die belasteten Schiffsfarben feststand, scheiterte somit der Versuch, die Verursacher haftbar zu machen. Einmal mehr wurden die Gewinne über sechs Jahrzehnte hinweg privatisiert, die Folgeschäden aber trägt die Allgemeinheit. 

Philipp Mimkes ist im Vorstand der Coordination gegen Bayer-Gefahren e.V. ( 

www.CBGnetwork.org 

). Er schrieb zuletzt auf diesen Seiten am 31.7.2013 über den 150. 

Jahrestag der Gründung der Bayer AG. 

 

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