»Schwarzers Forderung ist hinterwäldlerisch«  

Sexarbeiterinnen kritisieren Kampagne als »Ablenkungsmanöver«. Ein Gespräch mit Juanita Rosina Henning  

Gitta Düperthal 

In: junge Welt online vom 01.11.2013 

 

Juanita Rosina Henning ist Sprecherin des gemeinnützigen Frankfurter Vereins Doña Carmen, der sich für die Rechte der Prostituierten einsetzt 

Der Vorstoß von Alice Schwarzer, die Prostitution abzuschaffen, ruft Protest bei Interessenvertretungen von »Doña Carmen« über »Hydra« bis zum »Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen« hervor. Deren Moralappell diene einzig dazu, von tatsächlichen Gefahren, die dem Berufstand drohen, abzulenken. Welche sind denn das? 

Schwarzers Forderung nach einem Verbot der Prostitution ist hinterwäldlerisch. Es geht aber aktuell um eine Verschärfung der Prostitutionspolitik durch die Konzessionierung von Bordellen und anderen Orten, wo dem horizontalen Gewerbe nachgegangen wird. CDU/CSU, aber auch die SPD und die Grünen im Bundestag beabsichtigen jederzeitige, anlaßlose und verdachtsunabhängige Kontrollen einzuführen: Ihnen schwebt eine überwachungsstaatlich registrierte und geprüfte Sexarbeiterin vor. Verkauft wird das als »gewerberechtliche Anerkennung« von Prostitution. Bremen hat auf Landesebene einen entsprechenden Horror-Gesetzentwurf vorgelegt. 

Es geht Ihnen also darum, über eine drohende Verschärfung der Gesetzgebung durch die künftige neue Bundesregierung aufzuklären? 

So ist es. Den Sexarbeiterinnen geht es um das Recht auf freie und ungehinderte Ausübung ihres Berufs. Die angestrebten Gesetzesänderungen zielen auf eine Erlaubnispflicht. Ziel ist, die Prostitution einzudämmen. 

Hoheitsstaatliche Aufgaben werden dabei outgesourct: So sollen etwa die ansonsten so angefeindeten Bordellbetreiber im Rahmen »gewerberechtlicher Auflagen« damit betraut werden, sämtliche Sexarbeiterinnen zu registrieren und deren persönliche Daten an die zuständigen Behörden weiterzuleiten: Von da ist es nur ein kleiner Schritt, diese zu einer bundesweiten Sexarbeiterinnendatei zusammenzuführen. Es geht in erster Linie darum, diese Vorgänge transparent zu machen - und dann Proteste dagegen vorzubereiten. Doña Carmen beteiligt sich an der Vernetzung und klärt auf. 

Warum sollte dieses Thema nicht nur Prostituierte, sondern alle interessieren? 

Schwarzers Kampf gegen die Rechte von Sexarbeiterinnen schadet allen Frauen hierzulande. Eine schärfere Gangart gegen Prostitution war historisch schon immer ein Vorbote dafür, daß es tatsächlich gegen die freizügige Sexualität aller Frauen ging und gegen eine freie Gesellschaft. Manche mögen sich noch daran erinnern, daß in Zeiten größter Diskriminierung von Prostitution hierzulande Frauen mit »häufig wechselndem Geschlechtsverkehr« als »Nutten« galten und gesellschaftlich geschnitten wurden. Wollen wir dahin zurück? 

Doña Carmen veranstaltet vom 22. bis 24. November eine Tagung. Was wollen Sie bewegen? 

Die zum zweiten Mal von uns ausgerichteten »Frankfurter Prostitutions-Tage« finden mit prominenter Besetzung aus dem In- und Ausland statt. Wir freuen uns, daß zum Beispiel Morgane Merteuil, die Generalsekretärin der französischen Sexarbeiter-Gewerkschaft STRASS, aus Paris kommen wird. Wir bieten ein Forum, wo Sexarbeiterinnen mit Wissenschaftlern diskutieren, also unterschiedliche Welten zusammenkommen. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der aktuellen Politik der Konzessionierung, sowie unsere Forderung, daß selbständige Prostitution als freiberufliche Tätigkeit anerkannt werden muß. 

 

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Appelle: Gegen Prostitution 

In: junge Welt online vom 01.11.2013 

 

(...) Die Reform des Prostitutionsgesetzes 2002, die angeblich den geschätzt 700000 Frauen (Mittelwert) in der Prostitution nutzen sollte, trägt die Handschrift der Frauenhändler und ihrer LobbyistInnen. Seither ist Deutschland zu Europas Drehscheibe für Frauenhandel und zum Paradies der Sextouristen aus den Nachbarländern geworden. (...) 

Weltweit sind Frauenhandel und Prostitution, beides untrennbar miteinander verbunden, heute neben dem Waffen- und Drogenhandel das Geschäft mit den höchsten Profitraten (über 1000 Prozent). Profit nicht für die Frauen. 

Selbst die Minderheit deutschstämmiger Prostituierter, oft schon als Kinder Opfer sexueller Gewalt, landet zu über 90 Prozent in der Altersarmut. Ganz zu schweigen von den Ausländerinnen aus der Armuts- und Zwangsprostitution. 

(...) Das System Prostitution brutalisiert das Begehren und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen - auch die der sogenannt »freiwilligen« Prostituierten. (...) 

www.emma.de 

 

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Für Anerkennung 

In: junge Welt online vom 01.11.2013 

 

Prostitution ist keine Sklaverei. Prostitution ist eine berufliche Tätigkeit, bei der sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt angeboten werden. Ein solches Geschäft beruht auf Freiwilligkeit. Gibt es keine Einwilligung zu sexuellen Handlungen, so handelt es sich nicht um Prostitution. Denn Sex gegen den Willen der Beteiligten ist Vergewaltigung. 

Das ist auch dann ein Straftatbestand, wenn dabei Geld den Besitzer wechselt. Prostitution ist nicht gleich Menschenhandel. Nicht nur deutsche Frauen, sondern auch Migrant_innen sind überwiegend freiwillig und selbstbestimmt in der Sexarbeit tätig. Prostituierte, egal welcher Herkunft, pauschal zu Opfern zu erklären, ist ein Akt der Diskriminierung. 

(...) Durch die rechtliche Anerkennung hat sich die Situation für Sexarbeiter_innen in Deutschland verbessert. Sie können ihren Lohn einklagen und haben die Möglichkeit, sich zu versichern. Außerdem ist die Schaffung angenehmer Arbeitsbedingungen und Räumlichkeiten nicht mehr als »Förderung der Prostitution« strafbar. (...) 

www.sexwork-deutschland.de 

 

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Die Macht der Ökonomie  

Moderne Familienpolitik entscheidend für Verhandlungsposition von Frauen. Wissenschaftlerinnen fordern deshalb Abschaffung von Ehegattensplitting und Co  

Jana Frielinghaus 

In: junge Welt online vom 01.11.2013 

 

Die Erkenntnis ist nicht neu: Schon vor 20 Jahren war empirisch nachweisbar, daß die bundesdeutsche Familienpolitik Frauen auf lange Sicht benachteiligt und in ökonomische Abhängigkeit treibt. Insbesondere die unter dem Namen »Ehegattensplitting« bekannten Vorteile für verheiratete Paare werden für sie allzu oft zur Armutsfalle, vor allem im Alter, wie nicht zuletzt die aktuellen Daten des Statistischen Bundesamtes (siehe jW vom 23.10.) zeigen. Zudem hat sich durch die Reform des Unterhaltsrechts 2008 der Druck auf diejenigen geschiedenen Frauen erhöht, die wegen Kindererziehungszeiten oder Pflege Angehöriger längere Zeit kein eigenes Einkommen hatten. Denn nach Ende der Ehe, in der diese kostenfrei über den Partner kranken- und rentenversichert war, muß sie so schnell und so umfänglich wie möglich selbst für ihren Unterhalt aufkommen. Ist die Jobsuche nicht erfolgreich, landet sie spätestens nach drei Jahren im Hartz-IV-Bezug. 

Am Montag stellten die Ökonominnen Christina Boll (Hamburgisches Weltwirtschaftinstitut, HWWI) und Miriam Beblo (Universität Hamburg) in Berlin eine von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegebene Expertise zum Stand der Forschung über »Verhandlungsprozesse« in Partnerschaften vor. Sie machten dabei deutlich, daß eben auch in der trauten Zweisamkeit oft »pure Ökonomie« die Debatten beherrscht. Und daß dabei die Interessenlage oft sehr unterschiedlich ist, insbesondere, wenn es um das Kinderkriegen geht. Ist der Nachwuchs da, geht es um Geschwister oder nicht und darum, wer beruflich zurücksteckt und wer wieviel Freizeit und/oder Zeit für gesellschaftliches oder politisches Engagement bekommt? Dies wie auch die Verwendung der Einkünfte hängt nicht nur, aber doch maßgeblich von der finanziellen Stärke der Partner ab. 

Die Quintessenz der Zusammenfassung aktueller Erkenntnisse zu Themen dieser Art - von denen Boll und Beblo etliche durch eigene Untersuchungen gewonnen haben - ist eine recht explizite Handlungsempfehlung an die Politik: Weil familienpolitische Maßnahmen wie die oben genannten eher die Position der unentgeltliche Familienarbeit Leistenden in solchen Verhandlungen schwächen, sollten sie zugunsten einer individuellen und »familienstandsunabhängigen« Besteuerung, die sich an der Zahl der in einem Haushalt Zusammenlebenden orientiert, fallengelassen werden. Miriam Beblo forderte, die Politik solle »keine Anreize für eine Spezialisierung auf marktferne Tätigkeiten setzen« - gemeint ist die unbezahlte Familienarbeit. 

Vielmehr solle sie die »individuelle Einkommenserzielung« und die Gleichstellung bei der Entlohnung stärken. Entscheidend sei der Ausbau der Betreuungsinfrastruktur. Der Staat solle die Übernahme von Verantwortung für Kinder unabhängig von der Form des Zusammenlebens honorieren. 

Positiv auf die Verhandlungsposition von Frauen innerhalb von Partnerschaften wirke sich nachweislich auch das Niveau der Leistungen aus, mit dem Alleinerziehende rechnen können. Generell meinen die Autorinnen, daß ein Mehr an »outside options«, also Möglichkeiten der Erzielung von Einkünften außerhalb der Partnerschaft, sei es durch Berufstätigkeit oder durch Sozialtransfers, die Position der Frauen in Beziehungen stärkt. 

Daß solche Empfehlungen in den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU und SPD eine Rolle spielen werden, ist allerdings unwahrscheinlich. Kennerinnen der Sozialdemokratie meinten am Rande der Veranstaltung, bestenfalls werde das von der abgewählten schwarz-gelben Bundesregierung beschlossene Betreuungsgeld für Familien, die ihre ein- bis zweijährigen Kinder nicht in eine öffentliche Kita bringen, gekippt. Auch in ihrer siebenjährigen Regierungszeit mit den Grünen waren Änderungen am Ehegattensplitting - mit dem bis heute auch wohlhabende Kinderlose subventioniert werden - für die SPD nie ein Thema, geschweige denn in der großen Koalition 2005 bis 2009. 

Etwas gutgläubig mutet die in der Einladung zur Präsentation der Studie von den Stiftungsreferentinnen aufgestellte These an, viele familienpolitische Leistungen der Bundesrepublik basierten auf der Grundannahme, Paare würden über die Verwendung von Einkommen und die Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit »einvernehmlich« und »gleichberechtigt« entscheiden. 

Interessenkonflikte und »Machtasymmetrien« würden dabei ausgeblendet. Dabei könnte es doch auch sein, daß dergleichen politisch gewollt ist, um Frauen je nach Bedarf ruck, zuck wieder in die »stille Reserve« zurückdrängen zu können. Unabhängig von der Interpretation politischen Handelns ist die kompakte Übersicht von Boll und Beblo eine sehr praktische Argumentationshilfe für verschiedenste Zusammenhänge. 

Christina Boll, Miriam Beblo: Das Paar - eine Interessenseinheit? Empirische Evidenz zu partnerschaftlichen Aushandlungsprozessen, herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin, 2013, 52 Seiten. 

Die Expertise steht zum Download zur Verfügung:  

library.fes.de/pdf-files/dialog/10298.pdf 

 

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Linke-Frauen tagen in Berlin 

In: junge Welt online vom 01.11.2013 

 

Berlin. Unter dem Motto »Sexismus bekämpfen - Vielfalt stärken!« steht die fünfte Bundesfrauenkonferenz der Linkspartei, die am Samstag von 10.30 bis 18 Uhr in Berlin stattfindet. Ein inhaltlicher Schwerpunkt wird der Kampf gegen Sexismus, die Auseinandersetzung mit Prostitution und weiblichen Rollen- und Körperbildern sein. Eine wichtige Rolle soll aus gegebenem Anlaß die erneute Kampagne von Alice Schwarzer für die »Abschaffung der Prostitution« spielen. 

Am Sonntag wiederum lädt Die Linke im Europaparlament ein, die Lebens- und Arbeitswirklichkeiten von Frauen in Europa zu diskutieren. Unter dem Motto »Frauen in der EU - Geschlechtergerechtigkeit in der Krisenpolitik« wird die Debatte von 9.30 bis 15 Uhr mit Gästen aus verschiedenen europäischen Ländern geführt. 

Beide Tagungen finden in der Lenau-Schule in Berlin-Kreuzberg (Nostizstraße 60) statt. Interessierte können sich unter  

bundesfrauenkonferenz@die-linke.de 

 anmelden. (jW) 

www.die-linke.de/politik/frauen 

 

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Frauen ohne Rechte und Männer ohne Flip-Flops 

UN startet Kampagne gegen Sexismus 

Von Vera Macht 

 

Eine Werbe-Kampagne der UN, die derzeit in Sozialen Netzwerken verbreitet wird, soll heutige Frauenfeindlichkeit aufzeigen. Auf Fotos sind die Köpfe von Frauen abgebildet, deren Münder mit Google-Stichworten wie »Frauen sollten« oder »Frauen können nicht« überschrieben sind. Dahinter: Vorschläge von google, die sich an häufigen Suchnachfragen orientieren. Die Vorschläge reichen von »Frauen sollten still sein« bist zu »Frauen sind Sklaven«. Die Botschaft der Kampagne: Diese Welt ist noch immer ziemlich sexistisch. 

In: Neues Deutschland online vom 22.10.2013 

Weiter unter: 

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/836669.frauen-ohne-rechte-und-maenner-ohne-flip-flops.html 

 

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