Kinder im Kapitalismus  

Gedanken zum Weltkindertag 2013  

In: unsere zeit vom 04.10 2013 

 

Der schockierende Satz aus dem Manifest der kommunistischen Partei „Die Bourgeoisie hat den Familienverhältnissen seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt" wird noch unterstrichen durch den Schlussbericht der Kinderarbeitskommission von 1866. Darin heißt es: „Unglücklicherweise leuchtet aus der Gesamtheit der Zeugenaussagen hervor, dass die Kinder beiderlei Geschlechts gegen niemanden so sehr des Schutzes bedürfen als gegen ihre Eltern." (ab hier alle Zitate aus: Karl Marx: Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie, 2. Auflage) Ganz spontan möchte man sagen, dass das für heutige Verhältnisse, zumindest in Deutschland, nicht mehr zutrifft. 

Ganz im Gegenteil, sehen wir drei pubertierende blonde gestylte Mädels mit ihren Handys hantieren, haben wir eher Kritik am Verwöhnfaktor als am Ausbeutungsfaktor. 

Es ist ja sicher Vorsicht geboten mit der Kritik an der Aktualität unserer Klassiker. 

Schnell geraten wir in den Verruf des Abweichlers. Aber wie ist es nun richtig, haben die Werktätigen eine Familie, haben sie Kinder oder wird die ganze Familie dem Ausbeutungsinteresse des Kapitals untergeordnet? Diese Frage soll in diesem Artikel beleuchtet werden. 

Wie waren nun die Verhältnisse für Kinder und Familie im Frühkapitalismus? Fragen wir doch einfach Karl Marx. „Der Wert der Arbeitskraft war bestimmt nicht nur durch die zur Erhaltung des individuellen erwachsenen Arbeiters, sondern durch die zur Erhaltung der Arbeiterfamilie nötige Arbeitszeit." „Sofern die Maschinerie Muskelkraft entbehrlich macht … Weiber- und Kinderarbeit war daher das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie!" „Die Folge war daher, dass „die Maschinerie alle Glieder der Arbeiterfamilie auf den Arbeitsmarkt wirft … Vier müssen nun nicht nur Arbeit, sondern Mehrarbeit für das Kapital liefern, damit eine Familie lebe." „Der Arbeiter verkaufte früher seine eigene Arbeitskraft … Er verkauft jetzt Weib und Kind. Er wird Sklavenhändler. 

Wie müssen wir uns die Auswüchse vorstellen, die zu dem markanten Satz der Kinderarbeitskommission führte? Dazu ein Beispiel aus dem Bericht: „ein Teil der Eltern entziehe die Kinder nun der gemaßregelten Industrie, um sie in solche zu verkaufen, wo noch ‚Freiheit der Arbeit‘ herrscht, d. h. wo Kinder unter 13 Jahren gezwungen werden, wie Erwachsene zu arbeiten, also auch teurer loszuschlagen sind." Es gibt eine Fülle von Beispielen über Misshandlungen von Kindern der abscheulichsten Art, die bei Marx nachzulesen sind. Nun sind Proletariereltern ja nicht per se Monster, die ihrer Familie Schlechtes wollen. 

Jedoch „durch den überwiegenden Zusatz von Kindern und Weibern … bricht die Maschinerie endlich den Widerstand, den der männliche Arbeiter in der Manufaktur der Zwangsherrschaft des Kapitals noch entgegensetzte." Wir möchten nicht behaupten dass diese Zustände heute nicht mehr herrschen, aber mit tiefer Dankbarkeit stellen wir fest, vorherrschend sind sie in entwickelten Industrienationen wie Deutschland nicht mehr. Das hat seine Gründe. Gut ausgebildete, hoch motivierte Kräfte mit ausgezeichneten „soft skills" sind die Erfordernisse dieser Zeit. Das Ausbildungssystem passt sich an. Wir sind bei den Kids der heutigen Zeit, die uns gelegentlich mit ihrer Konsumorientiertheit in den Wahnsinn treiben. Klug sind sie, kritisch und selbstbewusst sind sie auch, auf jeden Fall aber in der medialen Welt ihren Altvorderen überlegen. 

Im Erscheinungsbild können wir keine Gemeinsamkeit mit den Fabrikkindern von damals finden, die beschrieben werden als „in der Regel ganz verwilderte abnorme Geschöpfe … (in) Unwissenheit, Rohheit, körperlichen und geistigen Verkommenheit". 

Aber dennoch: Die Jugendarbeitslosigkeit in den sogenannten Schuldnerländern der EU liegt in der Gruppe der unter 25-Jährigen bei 42,1 Prozent, in Spanien bei 56,5 und in Griechenland bei 59,2 Prozent. (www.spiegel.de 2.7.2013) Im hochgelobten Land des Exportweltmeisters Deutschland erhalten bundesweit Mitte dieses Jahres 8,8 Prozent aller Menschen von 15 bis 24 Jahren Hartz-IV-Leistungen (www.focus.de 27.12.2012). Ein Sofortvermittlungsgebot soll sie dazu zwingen auch den allerletzten Job anzunehmen – und wenn er noch so perspektivlos ist. 

Über die prekäre Beschäftigungslage eines Viertels der Bevölkerung, Lehrstellenknappheit, Kinderarmut etc. ist im aufmerksamen Verfolgen von Lebenswegen in der Nachbarschaft, im eigenen Haushalt und allerorts in den Medien viel zu finden. Dem kundigen Leser muss hier nicht viel erklärt werden. 

Was hat das alles aber mit der erbärmlichen körperlichen und seelischen Situation der Arbeiterkinder im England des Frühkapitalismus zu tun? Dort verkamen sie, weil sie wohlfeile Arbeitskräfte waren, hier verkommen sie, weil das System sie nicht mehr verwerten kann. 

Gestolpert bin ich über einen Zeitungsartikel (PAZ 12. 6. 2013), der auf dem Arzneimittelreport der Krankenversicherung Barmer GEK beruht. Darin wird gerügt, dass Ärzte in Deutschland immer häufiger zum Rezeptblock greifen, um psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zu behandeln. 

Ein Anstieg um 41 Prozent für die unter 19-Jährigen wird von 2005 bis 2012 beobachtet. Dieser Trend wird weltweit in den Industrienationen beobachtet. 

Hauptfaktor in diesem Zusammenhang dürfte die Ritalin-Verschreibung für zu zappelige ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätssyndrom) Kinder sein. 

Als Lehrerin kann ich bestätigen, dass der Schulerfolg, gemessen am erreichten Abschluss, für Kinder mit Konzentrationsstörungen suboptimal verlaufen kann. Deutlich vor Augen habe ich die Mutter von Kevin, einem zugegebenermaßen anstrengenden Realschüler, die mit Tränen in den Augen kapitulierte. 

Lange habe sie sich gewehrt, ihrem Kind Medikamente zu geben, vor allem keine süchtig machenden Aufputschmittel. Aber jetzt habe sogar ihr Sohn sie gebeten, diese Tabletten zu bekommen, wenn sie ihm doch helfen würden. Wobei helfen? Sie sollen ihm helfen, einen Schulabschluss zu erreichen, den er ohne sie nicht schaffen könnte. Diese Gesellschaft hat keinen Bedarf an Menschen mit einfachen Berufsausbildungen; jedenfalls nicht zu einem durchschnittlichen Einkommen. 

Was bleibt den Eltern anderes übrig, als ihre Kinder „fit zu dopen". Von Bösartigkeit kann da genau so wenig gesprochen werden, wie bei den Eltern der Fabrikkinder. 

Bösartig dagegen ist das System des Kapitalismus, in dem „der Arbeiter für den Produktionsprozess, nicht der Produktionsprozess für den Arbeiter da ist". 

Michaela Sohn 

 

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