Das limitierte Ganze  

Wer hat Angst vor Konservativen?  

Kristjan Knall 

In: junge Welt online vom 17.08.2013 

 

»Der Untergang des Abendlandes: viele Konservative fürchten ihn so, daß sie ihn nur zu gern einmal haben würden, damit sie wissen, ob er nicht doch konjunkturbelebend ist.« 

Hermann Ridder 

Wer vor der Beschleunigung des Lebens fliehen will, muß geduldig sein. Denn viel anderes bleibt nicht. Konsumfetisch, Finanzkasino, Umweltzerstörung und Streß sind Beiprodukte des Wohlstands, den die westliche Welt, und zunehmend auch Asien, sich auf Kosten der anderen gönnt. Wer will schon auf die Annehmlichkeiten und Illusionen der Konsumwelt verzichten? Auch wenn sich zunehmend Entrüstete engagieren, um die Organisation der Menschheit zu verbessern, geht es nur langsam voran. Die Desillusionierung folgt dem Enthusiasmus auf Schritt und Tritt. Je radikaler der Revolutionär, umso schneller ist er enttäuscht. Warum auch nicht, schließlich erfordern größere Projekte mehr Arbeit. Das Letzte, was Radikale haben, ist Geduld. 

Konservative hingegen können sich vor Geduld kaum retten. Schrittweise, behutsame Veränderung spielt adenen in die Hände, die sich komfortabel im Jetzt eingerichtet haben und ihre Privilegien nicht verlieren wollen. Oder denen, die zu wenig Erfahrung haben, um sich eine bessere Zukunft vorstellen zu können. Vorstellungskraft ist immer auch die Summe der gemachten Erfahrungen, und wer nicht in die Welt strebt, kann leicht seine unmittelbare Umgebung für den Nabel des Kosmos halten. Wenn das Fremde tendenziell monströs ist, wird man die eigene Umgebung immer als besser einstufen. 

System verfeinern 

Konservatives Denken ist immer Deduktion, das Runterdenken im System der gefestigten Theorie. Auf diese Weise läßt sich kein neuer Gedanke fassen, nur ein System verfeinern. Der Motor und das zentrale Mysterium des Denkens ist der neue Gedanke, der Übersprung von Gewußtem zu Ungewußtem. 

Diskussion, das ist die Fortsetzung des Denkens mit anderen Mitteln, ist der Katalysator der Erkenntnis. Konservativ sein bedeutet, den Dialog abbrechen. Nach tradierter konservativer Betrachtungsweise hätte die Demokratie niemals eingeführt werden dürfen: Der einfache Bürger als bösartiges Wesen hätte nur dumme Entscheidungen getroffen. Konservativismus ist Elitedenken. Wie Gott den Menschen lenkt und ihn vor Schlimmerem bewahrt, sollen auch Monarchen, Präsidenten und Parteivorsitzende das Fußvolk vor sich selbst schützen. Mentale Planwirtschaft wie diese produziert nichts als Apathie. Während die Eliten Probleme auf hohem Niveau erörtern, stirbt die Bevölkerung vor Hunger. Glücklicherweise ist es heute besser. Aber noch immer wird in Berlin ein Schloß gebaut, während die S-Bahn nicht fährt, 15 Prozent der Menschen arbeitslos sind und das Geld für Kitas »fehlt«. 

Verknappung ist ein weiteres Mittel der konservativen Argumentation. 

Solange nur im Rahmen der bestehenden Ordnungen gedacht wird, fehlt Geld für Neues. Natürlich bleibt nichts für Kinderbetreuung, wenn es als unumstößlich angesehen wird, eine Armee zu finanzieren oder Atomenergie zu subventionieren. Konservative versuchen, ihre limitierte Weltsicht als das gesamte Panorama zu verkaufen und sind damit oft erfolgreich. Die Finanzkrise ist eines des besten Beispiele: Natürlich müssen Banken gerettet werden, wenn nicht zur Debatte steht, sie Regeln zu unterwerfen. 

Das Perfide 

Das Perfide an der konservativen Argumentation ist, daß sie nicht auf der sachlichen, sondern auf der emotionalen Ebene wirkt. Viele kapitulieren vor der Informationsflut, weil sie nicht wissen, wie sie sinnvoll einzudämmen ist. Doch wenn selbst in der Finanzkrise von den Nichtmillionären konservativ-neoliberal gewählt wird, obwohl diese politische Richtung allen anderen schadet wie keine andere, dann ist das nicht nur ein Bildungsdefizit. Es ist vor allem die intuitive Sehnsucht nach Werten wie Sicherheit, Beständigkeit, Tugend. Das verkörpern konservative Gesinnungen noch immer, auch wenn jeder sehen könnte, daß in der politischen Realität das Gegenteil dieser Werte praktiziert wird. Sicherheit gibt es so viel wie selten zuvor, es ist die Paranoia, die durch den Sicherheitswahn weitergefüttert wird. Und Tugend äußert sich in Intoleranz: Alkohol-, Minarett- und Partylärmverbote. Die Ungerechtigkeiten des Wirtschaftssystems werden ignoriert. Gegen Emotionen ist nichts zu sagen, nur lassen sich mit ihnen schwer Aufgaben lösen. 

Die emotionalen Konservativen können als das Fußvolk der Bewegung gesehen werden, die die Entscheidungen der Initiatoren mittragen. Die Agenda setzt aber stets der andere Teil: die auf ihren Werterhalt bedachte Elite. Sie ist konservativ, weil es ihr besser geht als anderen. Die Dissonanz mit dem Tugendanspruch übergehen sie mit Selbstverleugnung, wie alte Monarchen, oder geradeheraus mit Zynismus, wie moderne Diktatoren. Diese konservative Funktionselite »reformiert« die Gesellschaft auf ihren Vorteil hin. So begrüßten sie die Mechanisierung, solange sie keine Umverteilung zur Folge hatte, sondern eine Zerstörung sozialer Beziehungen durch den aufkommenden Leistungsdruck. Diese spielte ihnen sogar in die Hände, da es Menschenmaterial billiger in ihre Fabriken trieb. Es ist die gleiche Systematik, die heute die Sozialhilfe niedrig hält und einen Mindestlohn verhindert. Konservative sahen es nicht als unmöglich an, ihren Reichtum einzuschränken, damit andere nicht hungern und sich totarbeiten mussten. 

Sie wollten es nur nicht. 

Bitte um Geduld 

Obwohl der Finanzkapitalismus suggeriert, daß sich Wert aus dem Nichts schaffen läßt, ist dem nicht so. Es gibt immer eine gesellschaftliche Vorarbeit. Diese zu ignorieren und seinem eigenen Egoismus zu folgen, ist konservativ. Der erstaunliche Kontrast zu den Werten, die gerade das Traditionelle bewahren sollen, stört dabei nicht. Konservative können also durchaus reformieren, aber nur, um Privilegien zu erhalten. Die konservativen Regierungen bitten um Geduld, während sich die Funktionseliten weiter schamlos bereichern. Das Vertrauensethos, das in konservativen Kreisen herrscht, ist das Gegenteil des Kontrollprinzips. 

Vertrauen haben soll man in die Hierarchie und in die redlichen Werte. 

Wie soll der Mensch das Vertrauen rechtfertigen, wenn er angeblich so tierisch, gefährlich und verantwortungslos ist? Die konservative Ideologie ist voll von logischen Fehlern. Keine neue Weltanschauung könnte so offensichtlich widersprüchlich neu in den Diskurs poltern und bestehen. Der Vorteil des Konservativismus ist aber, daß er schon vorher da war. Deshalb fällt er als Ideologie nicht auf, sondern wird gerne als Zustand der Welt verkauft. Es ist die einfachste und nächstliegende Einstellung, die jeder auch noch so Unbewanderte zu einem Thema haben kann: alles so machen wie vorher. Keine Veränderung. Kein neuer Gedanke nötig, kein Risiko, keine Anstrengung. Der absolute Konservative ist ein Stein. 

Gekürzte Fassung eines Kapitels aus Kristjan Knalls neuem Buch »Stoppt die Klugscheißer«, das in einer Woche, am 26.8., im Berliner Eulenspiegel Verlag erscheint (160 S., 9,90 Euro). 

Buchpremiere ist am Dienstag, den 3.9. um 20 Uhr im DTK Wasserturm, Kopischstraße 7, Berlin 

 

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