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Studie über Journalismus und Korruption vorgestellt. Prekäre Arbeitsverhältnisse erschweren die Unbestechlichkeit  

Jan Greve 

In: junge Welt online 18.07.2013 

 

Als vor anderthalb Jahren der damalige Bundespräsident Christian Wulff buchstäblich aus dem Amt geschrieben wurde, waren sich die meisten Kommentatoren und Medienvertreter einig: Das Annehmen von Geschenken oder von reichen »Freunden« bezahlter Urlaub sind für öffentlich wirkende Personen, insbesondere hochrangige Politiker, tabu. Auf ein vergleichbar kritisches Echo auf eine Südafrika-Reise von Journalisten, die vom Stahlkonzern Thyssen-Krupp finanziert wurde, konnte man aber vergebens warten. Dieses Ungleichgewicht nahm das »Netzwerk Recherche« zum Anlaß, sich eindringlich mit Vorteilsnahme und Korruption im journalistischen Bereich zu beschäftigen. 

Als Ergebnis wurde am Dienstag in Berlin eine Kurzstudie mit dem Titel »Gefallen an Gefälligkeiten« präsentiert. Daran mitgewirkt hatten zudem »Transparency International Deutschland«, das Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund und die Otto-Brenner-Stiftung, die Wissenschaftsstiftung der IG Metall. Ergebnis der Untersuchung war, daß die in Deutschland führenden Medienhäuser kaum Problembewußsein aufweisen, was das Thema Korruption betrifft. So antworteten nur zwei der insgesamt 30 angeschriebenen Chefredakteure der auflagenstärksten Tageszeitungen Deutschlands auf die ihnen gestellten Fragen. 

Günter Bartsch, Geschäftsführer des »Netzwerks Recherche«, zeigte sich von dem Resultat der Untersuchung wenig überrascht. Wer als Journalist unter Journalisten nach Korruption frage, stünde schnell als Nestbeschmutzer da. 

Dabei sei ein transparenter und ehrlicher Umgang der schreibenden Zunft mit der eigenen Rolle essentiell für eine Branche, in der Glaubwürdigkeit mit das höchste Gut sei, betonte Bartsch. Er selbst habe in seiner früheren Arbeit für eine Regionalzeitung erfahren müssen, wie schnell Redakteure in einer Art »vorauseilendem Gehorsam« selbst harmlose Formulierungen und Aussagen glätten, um beispielsweise Anzeigenkunden nicht zu verärgern. 

Der bei der Vorstellung der Studie anwesende Vizechef von »Transparency International Deutschland«, Jürgen Marten, bestätigte die Gefahr von Interessenskonflikten zwischen Anzeigenkunden einerseits und Journalisten andererseits. Problematisch sei hier die fehlende Transparenz, die Marten unter anderem bei der Mitteleinnahme und -verwendung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sowie bei den Nebeneinkünften von Journalisten vermisse. Ein wirksames Mittel gegen undurchsichtige Verbindungen seien Systeme von Regeln innerhalb von Redaktionen oder Medienunternehmen, sowie dem Überwachen derer Einhaltung, so Marten. Einige Male fiel dabei das derzeit häufig zu vernehmende Wort »Compliance«, unter dem seit geraumer Zeit einige privatwirtschaftliche Unternehmen selbst auferlegte Grundsätze und Prinzipien fassen. 

Bereits bestehende Regelwerke wie der Pressekodex seien zwar hilfreich, doch meist zu wenig verbindlich in ihrer Umsetzung. Neu geschaffene, eindeutiger formulierte Grundsätze hingegen könnten beispielsweise in Arbeitsverträge mit übernommen werden, schlug Bartsch vor. Dies hätte nicht nur den Effekt, daß Redakteure in ihrer Arbeit an einem konkreten Maßstab gemessen werden könnten, sondern würde auch den Redakteuren selbst helfen, sich gegen Forderungen von Anzeigekunden oder anderen mit Verweis auf einen bestehenden Kodex zu wehren. 

Daß es Handlungsbedarf gibt, belegte auch das vergangene Woche von »Transparency International« vorgestelle »Globale Korruptionsbarometer« für das Jahr 2013, das die Wahrnehmung von Korrumpierbarkeit einzelner Bereiche darstellt. Auf einer Skala von eins (nicht korrupt) bis fünf (sehr korrupt) erreichte der Komplex Medien 3,6 Punke und liegt damit in Deutschland erstmalig hinter dem Parlament und der Öffentlichen Verwaltung mit jeweils 3,4 Punkten. Woher dieser Wandel in der Wahrnehmung komme, wisse man nicht sicher, hieß es am Dienstag. Sicherlich hätten jedoch Entwicklungen wie dem weitverbreiteten Nutzen des Internets als einer Art zusätzlicher Kontrollinstanz dazu geführt, daß der kritische Blick geschärft worden sei, erklärte Bartsch. 

Mit Blick auf diesen Negativtrend in der Bewertung der Arbeit von Medien stellte Jürgen Marten die Frage, was es denn heutzutage eigentlich noch heiße, Journalist zu sein. Die auch in der Medienbranche zunehmende Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen erhöhe die Gefahr, daß freie Journalisten, die sich tagtäglich auf dem freien Markt bewähren müssen, ihrem Nimbus der Unbestechlichkeit und Überparteilichkeit nicht mehr gerecht werden. Gepaart mit einer chronischen Finanzierungsnot der Verlage sei es daher umso bedeutsamer, daß die einzelnen Journalisten ihrer Branche durch intransparentes Auftreten nicht zusätzlich schaden, so das Credo. 

Studie:  

www.netzwerkrecherche.de 

 

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Kaum Schutz vor Korruption in Redaktionen 

Studie hält interne Regelwerke der Medienbranche für weitgehend unwirksam 

Von Fabian Lambeck 

 

Über Korruption im Journalismus liest man selten etwas. Das liegt nicht nur daran, dass die Branche sich ungern selbst bloßstellt. Eine Kurzstudie zeigt nun, dass die entsprechenden Kontrollmechanismen in den Redaktionen nicht funktionieren 

In: Neues Deutschland online vom 17.07.2013  

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URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/827686.kaum-schutz-vor-korruption-in-redaktionen.html 

 

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