Chemie satt  

Hintergrund. Weltweite Gefahr für die Ernährung: Pharmariesen wie Bayer und BASF beherrschen mit Düngemitteln, Pestiziden und 70 Prozent allen Saatguts die Landwirtschaft und unseren Speiseplan  

Philipp Mimkes 

In: junge Welt online vom 08.07.2013 

 

Der Bundestag hat am 28. Juni, in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause, ein Verbot von Patenten auf Pflanzen und Tiere beschlossen. 

Europäische Regelungen sind hiervon nicht betroffen, weshalb das Gesetz eher symbolischen Charakter hat. Eine Untersuchung der vom Europäischen Patentamt (EPA) erteilten Pflanzenpatente belegt derweil, daß die deutschen Firmen BASF und Bayer im Windschatten des US-Multis Monsanto zu den führenden Gentechnikanbietern aufgeschlossen haben. 

Mais, Weizen, Reis, Gerste, Sojabohnen, Baumwolle, Zuckerrüben, Raps, Sonnenblumen, Kartoffeln, Tabak, Tomaten, Erbsen, Linsen, Weintrauben - die Liste transgener Pflanzen, auf welche die Firma Bayer CropScience Patente besitzt, ist lang. Sogar genmanipulierte Bäume wie Pappeln, Kiefern und Eukalyptus hat sich der Konzern schützen lassen. Dies zeigt eine aktuelle Recherche der Initiative »Kein Patent auf Leben« am EPA in München. 

Untersucht wurden dabei alle Zulassungsanträge, welche die Industrie in den vergangenen 20 Jahren eingereicht hat. Demnach wurden in Europa rund 2000 Patente auf transgene Pflanzen erteilt, von denen Bayer 206 besitzt. Das Unternehmen liegt damit auf Platz eins, noch vor Pioneer (179), BASF (144), Syngenta (135) und Monsanto (119). 

Bayer CropScience, eine hundertprozentige Tochter der Bayer AG, ist mit einem Weltmarktanteil von rund 20 Prozent der zweitgrößte Pestizidhersteller der Welt (nach Syngenta). Beim Saatgut liegt die Firma aus dem rheinischen Monheim auf dem siebten Rang. 

Im Agromarkt ist seit Jahrzehnten ein starker Konzentrationsprozeß zu beobachten. Bei Pestiziden und Saatgut besitzen die zehn größten Unternehmen schon jetzt einen Marktanteil von über 70 Prozent. Ziel des Oligopols ist es, den Markt unter sich aufzuteilen, Preise und politische Rahmenbedingungen zu diktieren und letztlich die Ernährungsgrundlagen der Menschheit zu bestimmen. »Wer das Saatgut kontrolliert, beherrscht die Welt«, stellte der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger einst treffend fest. Und Patente auf Pflanzen und Tiere sind dabei ein zentrales Hilfsmittel. 

Dabei hatte der von den Vereinten Nationen und der Weltbank initiierte Weltagrarbericht schon im Jahr 2008 davor gewarnt, daß Forschung und Wissensverbreitung durch die zunehmende Patentierung eingeschränkt werden. 

Gerade in Entwicklungsländern würden lokal angepaßte Praktiken des Ackerbaus verhindert, die zu Ernährungssicherheit und ökonomischer Nachhaltigkeit beitragen. Zudem stehen die Patentverfahren de facto nur großen Konzernen offen: Einzelne Wissenschaftler, kleinere Firmen oder Forschungseinrichtungen vermögen die Kosten für das aufwendige Verfahren nicht zu tragen. Patente befeuern somit den ohnehin stetig anhaltenden Konzentrationsprozeß. 

Monsanto weiter führend 

Der weltweit größte Anbieter von genmanipuliertem Saatgut ist - mit Abstand - die Firma Monsanto. Das Unternehmen hat Dutzende von kleineren Saatgutproduzenten und Züchtern aufgekauft und erreicht dadurch einen Anteil am globalen Saatgutmarkt von rund 27 Prozent. Auch beim Verkauf von Herbiziden liegt die US-Firma vorne: 95 Prozent des gentechnisch veränderten Sojas und 75 Prozent von Genpflanzen wie Mais oder Baumwolle sind gegen das von Monsanto entwickelte Pestizid Glyphosat immun (Handelsname »Roundup«). 

Studien weisen darauf hin, daß der Einsatz von Glyphosat sowohl Geburtsschäden als auch Krebs verursachen kann. Die Zahl der Vergiftungsfälle von Landwirten und Landarbeitern wird immer größer, besonders in Lateinamerika. Glyphosat findet sich mittlerweile sogar im Urin europäischer Großstadtbewohner, die weitab von Feldern und Gewächshäusern leben. Anders als von der Industrie stets versprochen, hat der Pestizidverbrauch durch den Einsatz genmanipulierter Pflanzen auch keineswegs ab-, sondern stetig zugenommen. Monsanto steht daher völlig zu Recht im Zentrum der öffentlichen Kritik. 

Für die deutschen Firmen Bayer und BASF ist diese Situation komfortabel, sie sind kaum einer öffentlichen Diskussion ausgesetzt. Dabei ist das von Bayer angebotene Pestizid Glufosinat, das chemisch mit Glyphosat verwandt ist und das ebenfalls in Kombination mit herbizidtolerantem Saatgut angeboten wird, nicht weniger gefährlich. Im Gegenteil: Der Wirkstoff kann Mißbildungen bei Föten verursachen und ist deshalb als »reproduktionstoxisch« klassifiziert. In der EU muß das Herbizid bis spätestens 2017 vom Markt genommen werden. Dies hinderte die Bayer AG jedoch nicht, Mitte Mai den Bau einer riesigen neuen Glufosinat-Fabrik in den USA anzukündigen. Der Konzern will damit in die Lücke vorstoßen, die sich durch die zunehmende Unempfindlichkeit von Wildkräutern gegen Glyphosat aufgetan hat. Daß Bayer im Ausland den Einsatz eines Pestizids forciert, welches in Europa aus guten Gründen vom Markt genommen wird, gilt als typischer »doppelter Standard«. 

Dabei müßte der Konzern gewarnt sein. Eine gegen Glufosinat resistente Pflanze war für den bislang größten Kontaminationsskandal der Gentechnikgeschichte verantwortlich. Im Jahr 2006 war genveränderter Reis der Sorte LL601 weltweit in Supermärkten aufgetaucht, obwohl für sie keinerlei Zulassung vorlag. Rund 30 Prozent der US-amerikanischen Ernte waren kontaminiert, die EU und Japan stoppten alle Reisimporte aus Nordamerika. Nach langjährigen Klagen mußte die Bayer AG die betroffenen Landwirte mit 750 Millionen US-Dollar entschädigen. Bis heute ist LL601 nicht aus der Welt und wird häufig in konventionellem Reis nachgewiesen, so vor einigen Wochen in der Türkei, wo 23000 Tonnen importierter Reis wegen gentechnischer Verunreinigungen beschlagnahmt wurden. 

BASF und Bayer holen auf 

Im Bereich der sogenannten grünen Gentechnik haben die deutschen Konzerne beständig aufgeholt. Die BASF mit Sitz in Ludwigshafen hat in den vergangenen Jahren mehr als 1200 Patente auf Pflanzen beantragt. Was die Zahl der Patentanträge anbelangt, liegt die Firma damit weltweit auf dem zweiten Rang. 

Der Bayer-Konzern stieg erst im Jahr 2001 durch die Übernahme der Firma Aventis CropScience, die ihrerseits aus den Gentechniksparten von Schering, Rhone Poulenc und Hoechst hervorgegangen war, in die erste Liga auf. Danach folgte der Zukauf von Unternehmen wie Plant Genetics Systems, PlantTec GmbH aus Potsdam, ProSoy Genetics und Athenix. Hinzu kamen Kooperationsverträge mit Biotech-Unternehmen wie Evogene (Reisforschung), Mertec (Soja) und Futuragene (Baumwolle) sowie mit Forschungsinstituten wie der australischen »Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation« (Weizen) oder dem brasilianischen »Zentrum für Zuckerrohrtechnologie«. 

Den größten Umsatz macht Bayer derzeit mit Baumwollsaatgut. Hierauf hält der Konzern allein 18 Patente. Zudem bietet Bayer genmanipulierten Raps, Zuckerrüben, Mais, Reis und Soja an. Eine aktuelle Recherche zeigt, daß Bayer in den vergangenen 20 Jahren insgesamt 771 Anträge am EPA eingereicht hat, in - wie eingangs schon gesagt - 206 Fällen wurde diesen stattgegeben. 

Allein 26 Patente besitzt Bayer auf Stärke und Zucker. Mittels genveränderter Pflanzen, wie Weizen, sollen Stärke für die Industrie und Zucker für Spezialanwendungen (Bioplastik, Lösungsmittel) produziert werden. 23 Patente beziehen sich auf Resistenzen gegen Herbizide. 

Beispielsweise wurde vor zwei Jahren für Glufosinat-tolerantes Soja der Sorte A5547-127 sowohl eine EU-Importzulassung als auch ein bis 2026 geltendes Patent erteilt. Die Sojabohnen werden in Südamerika angebaut und als billiges Tierfutter nach Europa importiert. 

Zum Teil stammen die Patente auf Herbizidresistenz noch aus den 1980er Jahren und sind mittlerweile abgelaufen. Um die Laufzeit zu verlängern, hat Bayer bei wichtigen Pflanzen wie Soja und Baumwolle kleine Veränderungen am Erbgut vorgenommen und darauf neue Patente beantragt. 

Da der Patentschutz des von Monsanto vertriebenen Herbizids Glyphosat - des weltweit meistverkauften Ackergifts - ebenfalls abgelaufen ist, produzieren inzwischen auch andere Firmen den Wirkstoff. Die Firma Bayer verkauft Glyphosat nicht nur, sondern hält hierzu sogar zehn eigene Patente. Zum Beispiel beschreibt das Patent mit der Nummer EP 1994158 ein Verfahren zur Herstellung Glyphosat-resistenter Pflanzen, mit dem Ansprüche auf gleich 23 Pflanzenarten angemeldet werden, darunter Mais, Weizen, Gerste, Soja und Reis, verschiedene Bäume und sogar Gras. Das Patent ist ein weiteres Beispiel für die meist sehr weit gefaßten Ansprüche der Konzerne: In der Regel wird ein Patentschutz für alle Pflanzen beantragt, in die das jeweilige Genkonstrukt theoretisch eingebaut werden könnte - auch wenn in der Realität nie mit diesen Pflanzen experimentiert wurde. 

Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Dr. Dirk Zimmermann kritisiert dieses Vorgehen scharf: »Die Patentpolitik von Bayer offenbart, daß der Konzern nichts aus den verheerenden Erfahrungen mit Glyphosat-resistentem Saatgut gelernt hat. Anstatt das Praxisversagen herbizidresistenter Pflanzen anzuerkennen, werden weiterhin Scheinlösungen auf Kosten von Umwelt und Landwirten auf den Markt gebracht. Mittelfristig werden auch diese scheitern und im besten Fall nur den finanziellen Interessen von Konzern und Aktionären gedient haben.« 

Terminatorpatente 

Seit Jahrtausenden erzeugen Landwirte ihr eigenes Saatgut. Hierdurch züchten sie Pflanzensorten, die optimal an die lokalen Gegebenheiten angepaßt sind - ganz ohne Lizenzgebühren. Den großen Saatgutherstellern ist eine solche Eigenproduktion naturgemäß ein Dorn im Auge. Sie versuchen, die dezentrale Saatguterzeugung durch den Verkauf von Düngemitteln, Saatgut und Pestiziden aus einer Hand zu verdrängen. Für große Plantagen ist dieses Angebot attraktiv, da die chemische Bekämpfung von Insekten und Wildkräutern mit weniger Arbeitskräften möglich ist als die manuelle Schädlingsbekämpfung. Viele traditionelle Pflanzensorten gehen hierdurch für immer verloren. 

Den perfidesten Schachzug, den freien Nachbau von Saatgut zu unterminieren, unternahmen die Agroriesen jedoch mit der sogenannten Terminatortechnologie: Mit Hilfe eines gentechnischen Eingriffs werden die Pflanzen nach einer einmaligen Aussaat steril. Die Landwirte wären dadurch gezwungen, jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen. 

Alle großen Agrokonzerne, auch die deutschen, forschen an solchem Einwegsaatgut und haben hierzu Patente angemeldet. Diese tragen Titel wie »Verfahren zur Herstellung weiblich steriler Pflanzen« oder »DNA-Sequenz, die als Terminatorregion in chimären Genen zur Transformation von Pflanzen eingesetzt werden kann«. Zwar kommen Terminatorpflanzen bislang nicht zum Einsatz, da seit dem Jahr 2000 im Rahmen der UN-Konvention zur biologischen Vielfalt ein Moratorium besteht. Dieses ist jedoch rechtlich nicht bindend. 

Wiederholt gab es Versuche, das Verbot aufzuweichen. Ein solcher Schritt wäre eine immense Bedrohung für die biologische Vielfalt und für die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen, die ausschließlich von der Landwirtschaft leben - vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern. 

Umweltinitiativen aus aller Welt fordern daher ein dauerhaftes Verbot der Technik. Auch entsprechende Patente müssen nach Ansicht der Verbände entzogen werden. 

Trotz der Vielzahl von Patenten beruht das Angebot der Gentech-Industrie im wesentlichen auf nur zwei Techniken: zum einen auf Herbizid-resistentem Saatgut, das in Kombination mit Agrogiften wie Glufosinat oder Glyphosat verkauft wird. Zum anderen auf Pflanzen, die das giftige Bakterium Bacillus thuringiensis (Bt) enthalten und dadurch Insekten abtöten. Beide Verfahren sind schon seit den 1990er Jahren auf dem Markt. Wegen der zunehmenden Resistenzbildung sind beide Techniken allenfalls noch ein paar Jahre wirksam und daher kaum zukunftstauglich. 

Um den Resistenzen von Wildkräutern gegen Herbizide zu begegnen, hat die Industrie in den vergangenen Jahren zahlreiche Patente untereinander lizenziert. Monsanto, DuPont, Syngenta, Dow und Bayer verwenden nun auch die Verfahren der Konkurrenz und bieten Saatgut an, das gegen zwei oder gar drei Herbizide immun ist. So wurde im vergangenen Jahr eine Sojasorte vorgestellt, die gegen die Agrogifte Glufosinat, Glyphosat und 2,4-D tolerant ist (2,4-D war einst Teil des Entlaubungsmittels »Agent Orange«). 

Im Frühjahr kündigten Bayer und Syngenta die Markteinführung einer weiteren Sojasorte an, die ebenfalls gegen drei Wirkstoffe - Mesotrion, Glufosinat und Isoxaflutol - tolerant ist. Und im Juni beriet die EU über eine Importzulassung für SmartStax-Mais der Firma Monsanto, der nicht nur gegen Glufosinat und Glyphosat gewappnet ist, sondern zusätzlich mit sechs Toxinen des Bacillus thuringiensis bestückt ist. 

Jan Pehrke, der mehrfach in der Hauptversammlung der Bayer AG zum Thema gesprochen hat, nennt diese Entwicklung eine Sackgasse: »Mit dem Einsatz von immer mehr Pestiziden werden Wildkräuter und Insekten bestenfalls einige Jahren in Schach gehalten - bis sie sich an den Giftcocktail gewöhnt haben und die Dosis erneut erhöht werden muß. Wir müssen endlich aus dem Kreislauf aussteigen, immer mehr resistente Schädlinge mit immer mehr Agrogiften zu bekämpfen!« 

Erfolgreiches Lobbying 

Zu dem Problem der Resistenzbildung kommen für die Industrie noch politische Schwierigkeiten hinzu. Denn Monsanto und Co. gelang es bislang nicht, die Skepsis der europäischen Verbraucher gegenüber der angeblichen Zukunftstechnologie zu erschüttern. BASF hat daher kürzlich resigniert und die Gentech-Forschung in die USA verlegt. 

Doch die Skepsis der Öffentlichkeit ist nur allzu berechtigt. Die mit den gentechnischen Eingriffen verbundenen Prophezeiungen haben sich nicht erfüllt. Weder wurden die Erträge signifikant gesteigert, noch wurde der Pestizideinsatz reduziert. Tatsächliche Fortschritte wie Dürre- oder Salzunempfindlichkeiten existieren weiterhin nur auf dem Papier. Auch deswegen setzen die Konzerne wieder verstärkt auf konventionelle Züchtungen. Da sich diese aber nur rentieren, wenn dafür Rechte auf geistiges Eigentum geltend gemacht werden können, versucht die Industrie, auch hierfür Patente zu erhalten. Mit Erfolg: Rund 100 der 2000 vom EPA vergebenen Pflanzenpatente beziehen sich auf konventionelle Züchtungen. So erteilte das Amt dem Bayer-Konzern ein bis 2024 gültiges Patent auf die Züchtung von Pflanzen mit einer erhöhten Streßresistenz, die ohne gentechnische Methoden erzielt wurde. 

Gängig ist auch die Praxis, in herkömmlich gezüchtete Pflanzen nachträglich eine Genmanipulation mit ähnlicher Wirkung einzufügen, da auf diese Weise leichter ein Patent zu erhalten ist. Mit der Erteilung solcher Patente segnet das EPA die Umwidmung gezüchteter Pflanzen in eine »Erfindung« und die Monopolisierung der genetischen Ressourcen ab. 

Damit hat das internationale Patentwesen eine weite Entwicklung durchgemacht. Ursprünglich hatten sowohl das Straßburger Patentübereinkommen von 1963 wie auch das 1977 beschlossene Europäische Patentübereinkommen (EPÜ) Eigentumsansprüche auf Pflanzen und Tiere ausgeschlossen. So hieß es in Artikel 53b des EPÜ unmißverständlich: »Europäische Patente werden nicht erteilt für Pflanzensorten und Tierrassen.« Daß Lebensprozesse nicht zur Handelsware verkommen sollten, war damals noch politischer Konsens. 

Jedoch hätte nach dieser Lage der Dinge aus der Gentechnik kaum ein lukrativer Wirtschaftszweig werden können. Also setzten die Lobbyverbände mittels juristischer Winkelzüge alles daran, die Paragraphen so auszulegen, daß sie ihnen doch noch »GENiale Geschäfte« ermöglichten. So forderte der Bayer-Konzern in einem Brief an die Europäische Gemeinschaft, dem Vorgänger der EU, einen »offenen Gedankenaustausch über Eigentumsrechte im Bereich der Biotechnologie«. Um den mißliebigen Artikel 53b zu umgehen, schlugen die Vertreter von Bayer einen geradezu akrobatischen Gedankengang vor: Weil das Europäische Patentübereinkommen wörtlich genommen nur »Sorten« ausschloß, sollte das Verbot nicht für taxonomisch höhere Gruppen gelten, zum Beispiel für »Gattungen« oder »Familien«. Das gleiche sollte für mikrobiologische Verfahren gelten. »Das sollte praktisch alle gentechnischen Verfahren abdecken«, so die Schlußfolgerung der Lobbyisten. 

Diese Interpretation widerspricht zwar jedem logischen Sprachverständnis, ist aber genau die Auslegung, die bei späteren Patentierungen gewählt wurde. 

Schon 1980 gelang der Industrie der Durchbruch, als das US-Patentamt erstmals ein Bakterium urheberrechtlich schützte. Die Behörde argumentierte, ein Bakterium sei einer unbelebten chemischen Verbindung weit ähnlicher als Pferden, Bienen oder Himbeeren. Danach ging es zügig weiter. So gelang es der Harvard University 1988, sich die sogenannte Krebsmaus als geistiges Eigentum deklarieren zu lassen und schloß daraufhin sogleich einen Lizenzvertrag mit DuPont. 1992 folgte das Schaf »Tracy«, dessen Milch dank einer Genveränderung ein menschliches Protein enthielt. 

Und heutzutage gewährt das EPA sogar Schutzrechte auf konventionell gezüchtete Pflanzen. 

Aber es gibt - wie eingangs erwähnt - einen kleinen Hoffnungsschimmer. Auf seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause beschloß der Bundestag eine Änderung des deutschen Patentgesetzes. Es schließt nunmehr das Recht auf geistiges Eigentum an konventionell gezüchteten Tieren und Pflanzen explizit aus. Die Novelle läßt zwar einige Hintertüren offen, und tangiert auch die Praxis des EPA nicht. Dennoch verspricht sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) davon eine »Signalwirkung für die europäische Patenterteilungspraxis«. 

Genmanipulationen sind von der Novellierung nicht betroffen. Bis zu einem Ende der Patentierbarkeit von Lebewesen ist also noch ein weiter Weg. 

Christoph Then von der Initiative »Kein Patent auf Leben« begrüßte am 28. 

Juni den Beschluß dennoch: »Von der heutigen Abstimmung geht ein wichtiges Signal aus. Es herrscht bei allen Parteien im Bundestag Einigkeit darüber, daß wir dem Zugriff der Konzerne auf unsere Lebensgrundlagen klare Grenzen setzen müssen. Allerdings müssen wir auch in Zukunft über die Formulierung der Gesetze weiter streiten - das gilt sowohl für Deutschland als auch für die europäische Ebene.« 

Philipp Mimkes arbeitet in der Coordination gegen Bayer-Gefahren (www.CBGnetwork.org). Er schrieb zuletzt auf diesen Seiten am 7.10.2009 über Antibabypillen des Pharmakonzerns Bayer-Schering. 

 

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