Vermögensverteilung in Europa:

In Deutschland so ungleich wie nirgends Weitere Aspekte des Ländervergleichs der EZB – 

In: unsere zeit online vom 24.05.2013 

 

HFCS-Studie mit einer Aussagekraft gleich Null 

Der Zahlensalat, den die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Studie Household Finance and Consumption Survey (HFCS) auf den Tisch packte, gibt den Sozialchauvinisten reichlich Munition: "Reiche Zyprer, arme Deutsche" (FAZ, 11. 4. 2013), "Deutsche sind die Ärmsten im Euroraum" (FAZ, 10. 4. 2013) und "Arme Deutsche, reiche Europäer" (FAS, 14. 4. 2013). Und diese armen Schweine zahlen auch noch die Schulden-Zeche für den Süden Europas, so die Botschaft. 

Die Datenbasis des HFCS beruht auf der Befragung von 62 000 Haushalten im Euroraum, in den meisten Ländern im Jahr 2010 durchgeführt, in Spanien im Jahr 2008. Die Auskunft war freiwillig, die Bewertung ihres Vermögens erfolgte durch die Haushalte selbst. In Deutschland wurden im Rahmen der Panelstudie Private Haushalte und ihre Finanzen (PHF) von der Bundesbank im Zeitraum September 2010 und Juli 2011 3 565 Haushalte befragt. Der PHF-Panel ist ein integraler Bestandteil des HFCS. 

Die EZB-Studie beweist zunächst nur eines: dass sich mit der Statistik alles beweisen lässt, oder wie es mein Statistik-Professor in der ersten Vorlesung formulierte: "Die Steigerung von Lüge ist: Gemeine Lüge, Meineid, Statistik". Das frappierende Ergebnis der EZBStudie, auf das sich alle Medien stürzten: 

Das reiche Deutschland mit der größten volkswirtschaftlichen Wertschöpfung (BIP), hat scheinbar die ärmsten Einwohner, im Vergleich zu den Zahlen für die Südländer sind sie fast notleidend. Sowohl das Durchschnitts-Nettovermögen - Deutschland 195 000 Euro je Haushalt - als auch das Median-Vermögen, 51 000 Euro, liegen deutlich unter dem Durchschnitt des Euro-Raums: 231 000 bzw. 109 000 Euro. Durchschnittsvermögen/Median für Zypern 671 000/267 000, Spanien 291 000/183 000, Italien 275 000/174 000, Frankreich 233 000/116 000; selbst in Griechenland 102 000 und Portugal 75 000 ist das Medianvermögen weit höher als in Deutschland. 

Der Median-Haushalt ist der mittlere Haushalt: Werden alle Haushalte nach der Höhe ihres Vermögens aufgereiht, dann ist der Median-Haushalt genau in der Mitte zwischen der ärmeren und der reicheren Hälfte. 

Besonders groß sind die Ausreißer nach oben bei den Zahlen für Luxemburg, Zypern und Malta. Das hat damit zu tun, dass eine ganze Reihe reicher Ausländer in diesen Steueroasen nicht nur ihr "Geld wohlfühlen" (Hoeneß) lässt, sondern sich auch selbst dort ansiedeln oder zumindest ihren ersten Wohnsitz anmelden, als Voraussetzung für die entsprechenden Steuergestaltungen. 

Äpfel mit Birnen verglichen 

Etwas komplizierter und differenzierter ist es bei den anderen Euro-Ländern. Der markanteste Unterschied zwischen den Vermögen der deutschen Privathaushalte und der südeuropäischen Länder liegt im Immobilienbesitz. Der Anteil der Hausbesitzer an allen Haushalten beträgt in Spanien 83 Prozent, in Portugal und Griechenland je 72 Prozent, in Italien 69 Prozent. 

In Deutschland beträgt der Anteil der Haushalte mit einer selbstgenutzten Immobilie nur 44 Prozent, in Österreich 48 Prozent. Der Median-Haushalt ist deshalb in Deutschland ein Mieter-Haushalt mit einem Durchschnittsvermögen von knapp 48 000 Euro (im gesamten Durchschnitt: 195 000) (PHF, S. 15). Bei den Euro-Südländern ist der Median-Haushalt dagegen ein Hauseigentümer-Haushalt. 

Der Unterschied hat zum Teil historische Gründe: Deutschland und Österreich haben einen breiten und differenzierten Markt für Mietwohnungen, mit ein Resultat der Wohnungsbaupolitik im Gefolge des Zweiten Weltkriegs. Die Notwendigkeit eines eigenen Häuschens war nicht unbedingt gegeben. Die Folge ist u. a., dass die Deutschen ein weit höheres Geldvermögen als andere Euroländer ihr eigen nennen. 

Zum anderen sicherte - bisher - in Deutschland und Österreich das Rentensystem den Lebensunterhalt im Alter. Das machte eine Altersvorsorge durch Immobilien weniger notwendig. Die Einzahlungen und daraus folgenden Ansprüche aus gesetzlichen Renten und anderen Sozialversicherungen sind aber im Vermögenskonzept des HFCS nicht enthalten (PHF, S. 19). Zudem gibt es in Ländern wie Deutschland und Österreich nach wie vor einen hohen Anteil an staatlichen, städtischen und genossenschaftlichen Wohnungen. Diese Art von Vermögen taucht in den Statistiken über die privaten Vermögen ebenfalls nicht auf. 

Es ließen sich noch eine Reihe methodischer Probleme und Ungereimtheiten bei den Ländervergleichen anführen: z. B. Größere Zahl der Haushaltsmitglieder im Süden. In Spanien z. B. sind 15 Prozent der Haushalte Single, in Deutschland sind es fast doppelt so viel. Oder das Problem der Bewertung der Immobilien. Die Erhebung in Spanien fand 2008 statt, also vor dem Platzen der Immobilienblase. Seither ist der Wert von Häusern und Wohnungen in Spanien zwischen 30 und 60 Prozent gefallen (FAS, 24. 3. 2013). Ein Drittel der Einwohner musste im Gefolge der Krise Hypotheken aufnehmen. (In der EZB-Studie wurden die Nettovermögen der verschiedenen Länder auch mit dem Hauspreisstand von 2002 durchgerechnet. Beträgt das aktuelle Verhältnis Spanien zu Deutschland beim Median 183 zu 53, so ist es bei den Preisen 2002 nur 140 zu 70; HFCS, S. 82 f.). 

Schließlich sei noch das Problem der weit höheren Staatsverschuldung der Euro-Peripherieländer erwähnt: Schulden, die ja auch von den Privathaushalten bedient und letztlich zurück gezahlt werden müssen. Insgesamt aber zeigt sich, dass der Ländervergleich der EZB einem Vergleich von Äpfeln und Birnen gleichkommt, dessen Aussagekraft gleich Null ist. 

Ungleichverteilung: Deutschland einsame Spitze in Europa 

Ein weitaus wichtigeres Ergebnis der HFCS-Studie aber verschwiegen die bürgerlichen Medien oder erwähnten es nur am Rand. Die ungleiche Verteilung der Vermögen. Sie ist in ganz Euroland enorm: Die reichsten zehn Prozent Haushalte in der Eurozone besitzen die Hälfte des Vermögens. 

Noch stärker aber ist die Konzentration am Top-Segment in Deutschland: Hier verfügen die reichsten zehn Prozent der Haushalte über fast 60 Prozent (59,2 Prozent) des Nettovermögens (Bundesbank, Pressenotiz, 21. 3. 2013). Am unteren Ende haben dagegen 7,4 Prozent der Haushalte per Saldo nicht nur kein Vermögen, sondern nur Schulden: "negatives Nettovermögen" (PHF, S. 27). Der Gini-Index, ein gebräuchliches Maß für Ungleichheit einer Verteilung, liegt beim Nettovermögen in Deutschland auf dem extrem hohen Niveau von 75,8 Prozent. (PHF-Survey, S. 12) Der Gini-Koeffizient beträgt 0 Prozent bei vollkommen gleicher Verteilung und 100 Prozent bei maximal ungleicher Verteilung. 

Das Handelsblatt (10. 4. 2013) schreibt: "Peinlich für die Bundesregierung, die gerade erst mit Beschönigungen am Armuts- und Reichtumsbericht für Aufsehen gesorgt hatte, ist ein weiterer Punkt: Das Vermögen in Deutschland ist so ungleich verteilt wie nirgends sonst in Europa". Das zeigt auch der hohe Abstand von Durchschnittszu Medianvermögen in Deutschland. In Deutschland ist das Durchschnittsvermögen 3,8 Mal so hoch wie das Median-Vermögen, in Frankreich nur das Zweifache, dito Portugal, Spanien 1,7-fache, Italien 1,6-fache, Niederlande 1,6-fache und Griechenland 1,5-fache. Auch die Excel-Tabelle A4 der EZB-Studie zeigt die enorm ungleiche Verteilung des Vermögens in Deutschland auf. Danach sind die untersten 80 Prozent der Deutschen - mit Ausnahme der Slowaken - die Ärmsten im Euroland. Beim obersten Zehntel liegen sie dagegen auf Eurozonen-Schnitt. Eine dermaßen große Kluft gibt es in keinem anderen Euro-Land. 

Ein Prozent besitzen mehr als ein 

Drittel des Vermögens in Deutschland 

Was die Konzentration des Vermögens an der Spitze der Reichtumspyramide anbelangt, so sind die Erhebungen des DIW auf der Basis des Sozioökonomischen Panels (SOEP) noch aussagekräftiger als die Datenbasis der Bundesbank (PHF) oder des Armutsund Reichtumsberichts der Bundesregierung, der auf der Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) erstellt wird. Das SOEP ist eine Wiederholungsbefragung von über 12 000 Haushalten, also der dreieinhalbfachen Anzahl des PHF-Survey, was insbesondere für eine repräsentative Aussage zu den relativ wenigen Reichen-Haushalten von Bedeutung ist. Das DIW stellt eine noch schärfere Konzentration des Vermögens an der Spitze fest. Nach einer SOEPSonderbefragung zur Vermögensverteilung (durchgeführt 2011, aber bezogen auf das Jahr 2007), verfügt das reichste Dezil in Deutschland über 66,6 Prozent des gesamten Nettovermögens. 

Das Top-Prozent allein nennt mehr als ein Drittel, 35,8 Prozent, sein Eigen. Das allerreichste Promille, 80 000 Personen, gewissermaßen die "Oberen Zehntausend", verfügt über fast ein Viertel des gesamten Privatvermögens: 22,8 Prozent. Das Occupy-Prozent ist der große Gewinner beim Reichtums-Monopoly. Dieses Occupy-Prozent, die Millionäre und Multi-Millionäre müssen zur Kasse gebeten werden, soll die Schuldenproblematik in der EU auch nur im Ansatz gelöst werden. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fordert eine Vermögensabgabe zur Sanierung der Staatsfinanzen. "Die Reichen müssen dann zum Beispiel binnen zehn Jahren einen Teil ihres Vermögens abgeben" (Spiegel, 15. 4. 2013). 

Vorbild für die Vermögensabgabe wäre der sogenannte Lastenausgleich, mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg die Wohlhabenden belastet wurden. Ein solcher Vermögensschnitt wäre das Pendant zu einem Schuldenschnitt in der Euro-Zone. 

Fred Schmid 

 

Siehe auch: Fred Schmid, Die Herren des Geldes - Reichtum und Macht des 1 Prozent; isw-spezial 26 und Bilanz 2012 Ausblick 2013; Bilanz der Schwarz-Gelben Bundesregierung; isw-wirtschaftsinfo 4 

 

_________________________________________________________ 

 

Euroland rutscht noch tiefer in die Rezession

Die neuesten EU-amtlichen Zahlen bezeugen: Sparzwangpolitik ist keine Rettung 

In: unsere zeit online vom 24.05.2013 

 

Der Wirtschaftsrückgang in der Euro-Zone hat sich nach einer von der EU-Kommission Mitte Mai veröffentlichten Mitteilung im ersten Quartal 2013 auf weitere Staaten ausgedehnt und vertieft. Erstmals seit 2007/8 ist auch Frankreich offiziell in einer Rezession (zwei Quartale hintereinander Rückgang des Bruttoinlandsprodukts [BIP]). Für das gesamte Jahr 2013 wird für die Euro-Zone und die EU als Ganzes eine anhaltende Rezession vorhergesagt. Selbst für Deutschland ist nach Expertenschätzungen trotz der aggressiven Exportorientierung seiner global agierenden Unternehmen in diesem Jahr höchstens ein "Mini-Wachstum" zu erwarten. 

Dabei sollte EU-Europa nach der einst beschlossenen "Lissabon-Strategie" ab 2010 der "dynamischste Wirtschaftsraum der Welt" sein. Stattdessen ist jetzt in US-Zeitungen vom "kranken Mann Europa" die Rede. So weit hat es die vor allem von der deutschen Regierung unter Frau Merkel durchgesetzte, an den Doktrinen des Neoliberalismus orientierte Politik des extremen Sparzwangs und des Sozialabbaus in den EU-Staaten gebracht. 

Dennoch war nicht zu erwarten, dass der für letzten Mittwoch (22.5.) einberufene EU-Gipfel (nach Redaktionsschluss der UZ) sich mit dieser dramatisch verschlechterten Wirtschaftssituation befasst oder gar Gegenmaßnahmen beschließt. Vorgesehen war, dass sich dieser Treff schwerpunktmäßig mit Energiepolitik (lies: weitere Öffnung des EU-Marktes für die Geschäftemacherei der dominanten transnational agierenden Stromkonzerne unter Beseitigung eventuell noch bestehender nationaler Hindernisse und Ausbau der dafür erforderlichen transnationalen Netze) sowie mit "Steuerflucht und Steuerbetrug" befassen sollte. Für die anhaltenden Krisenprobleme gibt es lediglich die beruhigende schönrednerische Behauptung, dass sich die Lage spätestens 2014 voraussichtlich zum Besseren wenden werde. 

Dabei sind die ökonomischen Daten, die die EU-Statistikbehörde Anfang des Monats zusammengestellt hat, reichlich beunruhigend. Nach den amtlichen EU-Angaben wird die Wirtschaftsleistung der Euro-Zone insgesamt, gemessen am BIP, im Jahr 2013 erneut um minus 0,4 Prozent zurückgehen - mehr als bisher in den offiziellen Prognosen angegeben. Schon im vorigen Jahr hatte die Euro-Zone einen Rückgang um 0,4 Prozent zu verzeichnen. Für alle 27 EU-Staaten wird für 2013 ein Rückgang um 0,1 Prozent vorhergesagt (2012 waren es - 0,3 %). Infolge der ökonomischen Ungleichgewichte wird die Wirtschaftsentwicklung in den einzelnen EU- bzw. Euro-Staaten allerdings sehr unterschiedlich verlaufen. 

Für neun EU-Staaten sagt die amtliche Schätzung ein Anhalten oder sogar eine Vertiefung der Rezession voraus, während im Rest der EU-Länder positive Wachstumsraten angegeben werden, allerdings oftmals nur am oder wenig über dem Nullpunkt. Die Staaten in Rezession sind vor allem weiterhin Griechenland, Zypern, Italien, Portugal und Spanien, aber auch die Niederlande, die Slowakei, Tschechien und neuerdings Frankreich. Den schärfsten Einbruch im Jahr sagen die EU-Zahlen für Zypern vorher, nämlich einen Rückgang um nicht weniger -8,7 % im Jahr 2013 (nach -2,4 % im letzten Jahr). So sieht "Rettung Zyperns" durch den Euro-Rettungsschirm in der Praxis aus. Ein Rückgang des Wirtschaftswachstums, wenn auch noch nicht bis in den negativen Bereich, wird aber für 2013 auch für Deutschland (-0,3 %), Österreich (-0,2 %), die Slowakei (-1,0 %), Polen (-0,8 %) und weitere EU-Staaten vorausgesagt. 

Kein Wunder, dass da auch die Arbeitslosigkeit neue Rekordhöhen erreicht. Für die Euro-Zone sagt die offizielle Statistik einen weiteren Anstieg der Arbeitslosenquote von 11,8 % Ende 2012 auf 12,2 % vorher. Für die EU insgesamt wird ein Anstieg von 10,7 % auf 11,1 % angegeben. Das sind in der EU insgesamt 26,8 Millionen Menschen ohne Arbeit, 1,5 Millionen mehr als 2012. Am schlimmsten betroffen sind nach wie vor die Menschen in Griechenland und Spanien (ca. 27 %), Portugal (18,2 %) und Zypern (15,5 %). 

Die Jugendarbeitslosigkeit lag im März 2013 nach den amtlichen EU-Angaben im Euro-Raum bei 24,0 %, in der EU insgesamt bei 23,5 %. Das sind 5,7 Millionen betroffene junge Menschen unter 25 Jahren. Spitzenreiter waren laut EU-Statistik für März 2013 Griechenland (59,1 %), Spanien (55,9 %), Italien (38,4 %) und Portugal (38,3 %). 

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, zeigen diese amtlichen Zahlenangaben der EU selbst einmal mehr, dass die unter Merkels Führung durchgesetzte EU-Politik entgegen aller offiziellen Schönrednerei die Euroländer und die EU als Ganzes nicht aus der Krise herausgebracht hat. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Die über den EU-Fiskalpakt durchgesetzte Sparzwangspolitik hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Rezession in der Euro-Zone nach dem Einbruch 2007/8 nun bereits wieder zwei Jahre anhält. Das einzige Resultat dieser Politik ist die Abwälzung der Krisenlasten auf die arbeitende Bevölkerung per Lohneinbußen und Sozialabbau im Namen der Einschränkung der staatlichen Haushaltsdefizite und der Senkung der "Arbeitskosten" zur angeblichen "Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit", zur "Rettung" und Vermehrung der Profite der Großbanken- und Konzerne. 

Georg Polikeit 

 

_________________________________________________________