Gestärkte Klasse

Zur Debatte um die 30-Stunden-Woche: Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich, mit Arbeitskräfteersatz und Erhöhung der Lohnsumme  

Jörg Miehe 

In: junge Welt online vom 16.05.2013 

 

Das Heft 3/2013 der Marxistischen Blätter wird in diesen Tagen ausgeliefert. Sein Thema lautet »Umfairteilen. Arbeit + Wohnen = Menschenrecht?« Das Einzelheft kostet 9,50 Euro und ist zu beziehen über  

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. jW veröffentlicht daraus den redaktionell bearbeiteten und gekürzten Artikel des Göttinger Sozialwissenschaftlers Jörg Miehe. 

Der offene Brief1 von 100 Prominenten für eine 30-Stunden-Woche vom 10. 

Februar 2013 erreichte in den Mainstreammedien eine erhebliche Aufmerksamkeit und sehr kontroverse Kommentare. Dabei verliefen die Fronten keineswegs nur zwischen dem Lager der Unternehmer und dem der Lohnabhängigen. Vielmehr erschien die Front der Gewerkschaftsfreunde gespalten,2 und die Gewerkschaftsführungen selbst schwiegen oder distanzierten sich herablassend beiläufig. Letzteres ist anhand der Verstrickung von Gewerkschaftsführungen und der Abhängigkeit ihrer Mitglieder von den Exportindustrien leicht verständlich. 

Die sonst formulierten Einwände verwiesen eher darauf, daß es jetzt, vor entscheidenden Tarifrunden für die Entwicklung der Konjunktur und der Krise der Arbeitsteilung zwischen der BRD und dem Euro-Raum, taktisch völlig falsch sei, das Ziel der Arbeitszeitverkürzung (AZV) zu propagieren. Dem ist zu entgegnen, daß die Folgen von Krise, Arbeitslosigkeit und völlig aus dem Lot geratenen Außenhandelsströmen und Zahlungsbilanzen im Euro-Raum angesichts der jetzigen Kräfteverhältnisse wohl kaum durch einmalig bessere Lohnabschlüsse wettgemacht werden können. Die schon erfolgten Tarifabschlüsse demonstrieren das leider deutlich. Nach wie vielen Jahren sollte also mit der Propaganda und der Umsetzung einer AZV begonnen werden? 

Falls aber gemeint sein sollte, daß ein solches Ziel weder tariflich noch gesetzlich erreicht werden kann, dann geht es um ganz andere Probleme, die ebenso offen debattiert werden müssen. Dabei geht es entweder um ökonomische Mechanismen der gegebenen kapitalistischen Verhältnisse, die administrative Regelungen unterlaufen (...), oder um die Einschätzung der bisherigen politischen Behandlung der gesellschaftlichen Regelung von Arbeitszeit, die ihre gesetzliche Verkürzung weiterhin verhindern würden. 

Gerade dies aber muß durch politische Planung und Kampagnen verändert werden. 

In einigen Einwänden wird vermutet, daß die jetzige kapitalistische Produktionsweise auch entschiedene AZV ohne ernsthafte Kräfteverluste oder Änderung ihrer Bewegungsweise verdauen würde und daher die Hoffnung auf fortschrittliche strukturelle Wirkungen vergeblich sei. Dabei wird wohl unausgesprochen mitgedacht, es sei besser, politisch in die Vorbereitung von revolutionären Umwälzungen in Folge der zu erwartenden Krise zu »investieren«, als Illusionen zu wecken. 

Die fundamentale Antwort darauf ist mit den folgenden Marx-Zitaten angedeutet: »Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch (dadurch), daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren strebt, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der notwendigen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen; setzt daher die überflüssige in wachsendem Maß als Bedingung - question de vie et de mort (Frage auf Leben und Tod, d.Red.) - für die notwendige.« Und: »Der Austausch von lebendiger Arbeit gegen vergegenständlichte, d. h. das Setzen der gesellschaftlichen Arbeit in der Form des Gegensatzes von Kapital und Lohnarbeit - ist die letzte Entwicklung (Hervorhebung, J.M.) des Wertverhältnisses und der auf dem Wert beruhenden Produktion.«3 

Die historisch konkrete Antwort lautet: Ohne die Hoffnung und Aussicht auf eine vorstellbare und auch machbare bessere Lebensweise mit kürzerer Arbeitszeit und ohne Arbeitslosigkeit wird eine Mehrheit der Lohnarbeiter sich nicht in den Kampf um die politische Entmachtung und ökonomische Enteignung des Großkapitals begeben, wenn damit die inzwischen internalisierten Gemütsverfassungen und alltäglichen Verhaltensweisen der totalisierten Warengesellschaft angegriffen werden. Anders: Es muß zumindest ein Gefühl davon politisch angerufen werden können, wie die Befriedigung von praktischen Bedürfnissen durch Arrangements der Gebrauchswertproduktion und -verteilung nach verständigen Maßstäben ein besseres Leben ermöglichen kann - im Gegensatz zu den jetzigen Verhältnissen von Warenfülle und ihrer zwanghaften kapitalistischen Produktion. Die Privatisierung und Kommerzialisierung eines schon vorhandenen Standes der Vergesellschaftung der Infrastruktur, der Reproduktion der Individuen und ihrer Arbeitskraft durch nichtkommerzielle Dienste aller möglichen Art, auch in den Kommunen, muß als historischer Rückschritt ins Bewußtsein rücken, ebenso wie die Verlängerung der Mehrarbeitszeit beim Kapital. Beides muß nicht nur rückgängig gemacht, sondern in einer weiterreichenden Perspektive aufgehoben werden. 

Ökonomie und Arbeitszeit 

Die Arbeiterbewegung hatte zunächst in England mit der Forderung nach dem Zehnstundentag die Verkürzung der Arbeitszeit zu einem der beiden zentralen Ziele gemacht. Fortgeführt wurde dies durch die US-amerikanische Nationale Arbeiterunion auf ihrem Kongreß von 1866 in Baltimore mit der Forderung nach dem Achtstundentag, aufgegriffen von Marx in seinen Instruktionen für die Delegierten des Provisorischen Generalrats des Ersten Kongresses der Internationale von 1866 in Genf. 

Und wo stehen wir jetzt? Überall wird wieder verdeckt oder offen versucht, den Achtstundentag beizubehalten oder wieder einzuführen. Dabei ist auch heute freie Zeit eine unabdingbare Voraussetzung für die individuelle und kollektive Emanzipation der arbeitenden Bevölkerung, wenn auch leider keine Garantie. Und daher steht strategisch die kollektive AZV von acht auf sechs Stunden pro Tag an - und nicht der mühsame Kleinkrieg um den schon ausgefransten Achtstundentag - auch wenn das weiterhin eine ständige Tagesaufgabe bleibt. 

Und wie sieht es mit der Perspektive des Klassenverhältnisses aus? Bringt eine AZV - neben weniger Arbeitsstreß, mehr freier Zeit und weniger Arbeitslosigkeit - auch eine ökonomische Stärkung der Lohnarbeiter gegenüber den Kapitalisten und ihrem Kapital? Und kann das auch weiterführen? 

Marx hat den einschlägigen ökonomischen Mechanismus im ersten Band des »Kapital« im Kapitel »Die Rate des Mehrwertes« mit der Einführung der Unterscheidung von notwendiger Arbeitszeit und Mehrarbeitszeit dargelegt und im folgenden Kapitel »Der Arbeitstag« vertieft. Das soll zur Erinnerung kurz erläutert werden. 

Eine individuelle AZV von acht auf sechs Stunden pro Tag würde auch das gesamte Arbeitsvolumen einer Volkswirtschaft reduzieren. In dem Maße, wie die Produktion noch von der Arbeitszeit abhängt, würde damit auch der Umfang der Produktion eingeschränkt werden. Ebenso das Angebot an Dienstleistungen. Das bedeutete, großflächige Preiserhöhungen ausgeschlossen, natürlich eine Verkleinerung des volkswirtschaftlichen Gesamtproduktes (BIP) und auch der Nettowertschöpfung. 

Wenn man sich gedanklich zunächst auf den Sektor der kapitalistischen Warenproduktion beschränkt, kann man die Veränderung der mit der AZV einhergehenden Wertverhältnisse in Marxscher Terminologie wie folgt bestimmen: Der verringerte Gesamtwert bei verringerter Produktion ergibt sich aus den verringerten Übertragungen der kleineren Wertsumme aus dem verminderten Rohstoffverbrauch etc., der leicht verringerten Wertübertragung aus der kürzeren Benutzung der Anlagen und Maschinen, (...) der gleichen Höhe des notwendigen Teils der Produktion des Neuwertes im Maß der Lohnsumme, aber einem verringerten Mehrwert, was daher auch einen verringerten Gesamt-Neuwert bedingt. Das heißt, der notwendige Aufwand an Zeit und Arbeit sowie der notwendige Teil des Produktes und des in ihm vergegenständlichten Wertteiles für die Reproduktion der Lohnsumme bleiben gleich. Hingegen verringert sich der Zeitaufwand für die Produktion des Mehrproduktes und damit auch des darin inkorporierten Mehrwertes. Die Massen von Mehrprodukt und Mehrwert, dessen Anteil am Neuwert und damit ebenfalls die Rate des Mehrwertes verringern sich - und ebenfalls der Grad der Ausbeutung. Übertragen in die Welt der vielen Kapitale, verringern sich auch die Profitraten, nach ihrem Ausgleich in der Zirkulation. 

Das heißt, nach den Maßstäben der Wertanalyse (Kapital, Band I) wird die Arbeiterklasse in der kapitalistischen Produktion gegenüber der Klasse ihrer Ausbeuter objektiv ökonomisch gestärkt. Ob und wie sich dies auch in der Verbindung der vielen Kapitale, vermittelt durch die Zirkulation über die Märkte und unter Konkurrenz (Kapital, Band III) und dann auch im praktischen Kapitalismus, durchsetzt, ist eine weitere Frage und muß sich erst noch zeigen. 

Bei vollem Lohnausgleich 

Bei einem solchen Szenario schrumpft die individuelle Arbeitszeit aller »Arbeitnehmer«. Das gesamte wirtschaftliche Arbeitsvolumen bleibt zunächst gleich, weil zusätzliche Arbeitskräfte (mit ebenfalls verkürzter Arbeitszeit) eingesetzt werden. Dadurch steigt die gesellschaftliche Lohnsumme. Wenn wir unterstellen, daß das Konsum- und Sparverhalten der Lohnabhängigen gleich bleiben, dann wird sich auch eine Steigerung ihrer Geldvermögen ergeben. Vor allem wird eine erhebliche absolute Vergrößerung der Konsumnachfrage stattfinden, wahrscheinlich in den bisherigen Mustern der Lohnabhängigen. Soweit sie aus der Produktion im Inland bedient wird, stehen dem keine neuen Kapazitäten gegenüber. Daraus könnten in der ersten Runde Preissteigerungen hervorgehen, vor allem bei Haus- und Wohnungskäufen oder bei Umzügen in größere Wohnungen, bei einem Teil der Wohnungsausstattungen, bei Autokäufen, bei dem größten Teil der Nahrungs- und Genußmittel. Dies könnte im weiteren zu Investitionen und zusätzlichen Einstellungen von Lohnabhängigen führen. (...) 

Bei den Unternehmen der Produktionsmittel- und der Investitionsgüterindustrie wird die Produktion im Prinzip den gleichen Umfang und die gleiche Zusammensetzung haben können. Die Produktionskosten werden zwar wegen der Erhöhung der Lohnsumme größer werden. Aber die Nachfrage im Inland bleibt im Prinzip erst einmal gleich und kann sich später, je nach vorhandener oder durch die AZV hervorgerufene Konjunktur, ändern. Vermutlich wird sie steigen. Aber da die Löhne einen unterschiedlichen höheren Anteil am Produktionsaufwand haben werden, verringern sich die anteiligen Profite, und die Rendite sinkt, soweit nicht Preiserhöhungen durchgesetzt werden können. Im Export steht die gleiche Nachfrage aus dem Ausland zur Verfügung. Auch dort können entweder Gewinneinbußen hingenommen werden, um den Absatz nicht zu verringern, oder bei Konkurrenzvorteil Preiserhöhungen durchgesetzt werden. Daß große Teile der Exportindustrie bei Gewinnrückgängen ins Minus rutschen oder bei »unvermeidlichen« Preiserhöhungen Absatzeinbußen hinnehmen und Produktionsschrumpfungen und Entlassungen vornehmen müßten, ist sehr unwahrscheinlich. Die Konkurrenzfähigkeit der BRD-Industrie beruht nicht auf Preisvorteilen, sondern zum großen Teil auf ihrer breit gefächerten qualifizierten Spezialisierung und im übrigen auf der Aufstellung ihrer Konzerne in der internationalen Konkurrenz. Auch in diesem Zweig wären Gewinneinbußen zu erwarten. 

Insgesamt ergäbe sich bei den Unternehmen und ihren Eigentümern eine kräftige Verringerung ihres laufenden Einkommens. Das würde zu einer Verringerung der Aufstockung der Investitionsmittel außerhalb der Kreditaufnahme führen. Ebenso verringern sich mit den laufenden Einnahmen die Mittel für den Luxuskonsum. Der normale Alltagskonsum wird davon nicht betroffen sein und ist volkswirtschaftlich unerheblich. Es könnten sich also bei verringerter Nachfrage nach Luxusgütern und Luxusdiensten, aber gleichem Angebot, Absatzeinbußen und Rückgang von Produktion wie Leistungen und eventuell auch von Arbeitsplätzen ergeben - soweit beides nicht aus dem Ausland stammt oder im Ausland nachgefragt wird. Die volkswirtschaftlichen Größenordnungen und Wirkungen sind gering und werden es bleiben. 

Die Investitionen sind, wie theoretisch und empirisch erwiesen (...), von den Renditeaussichten und nur unter spezifischen Bedingungen von der Verfügbarkeit von Investitionsmitteln abhängig. Nicht erst seit der aktuellen Krise herrscht keine Knappheit an Geldkapital, und die Geldschöpfung der Banken für Kredite kennt kaum eine Grenze, wie die Jahrzehnte der Spekulation gezeigt haben. 

Die Proportionen der volkswirtschaftlichen Kreislaufzusammenhänge werden sich also etwas ändern: Die Lohnsumme wird absolut und relativ höher werden, das Einkommen aus Vermögen und Unternehmertätigkeit wird absolut und relativ schrumpfen. Der Konsum der Lohnarbeiter kann und wird steigen. 

Die Produktion und/oder der Import von Konsumgütern für die Lohnarbeiter werden steigen. Daher wäre eine Reduktion des Außenhandelsüberschusses wahrscheinlich. Der Vermögenszuwachs der großen und kleinen Bourgeoisie wird etwas geringer ausfallen, ihr Vermögen bleibt dagegen im »schlimmsten« Fall gleich. 

Problem Neueinstellungen 

Die gemachten Überlegungen gehen wie selbstverständlich davon aus, daß die mit der AZV bei den Unternehmen ausfallende Arbeitszeit durch neu einzustellende Lohnarbeiter ersetzt wird. Gerade dies ist aber spontan eher unwahrscheinlich. Daher gibt es bei den Lohnarbeitern die allergrößten Zweifel daran - und das zu Recht! 

Die Einstellung von zusätzlichen Arbeitskräften aufgrund einer gesetzlichen AZV bedeutet für die Unternehmen einen Verzicht auf Gewinnsummen, Renditepunkte und auf einen Teil ihres Direktionsrechtes. Wenn irgend etwas die Aversion der Kapitalisten und ihrer Diener auslöst, dann so eine Zumutung. Die normale Reaktion der Unternehmens- und Betriebsleitungen bestünde darin, mit der bisherigen Belegschaft (...) die gleichen Produktmengen herzustellen oder die gleichen Dienstleistungen zu erbringen. 

Dies soll herbeigeführt werden durch Umorganisation unter aktiver Mitarbeit mindestens des Führungspersonals der Belegschaften, durch Verdichtung, Vervielfältigung oder Beschleunigung der bisherigen Tätigkeiten der vorhandenen Arbeitskräfte, durch Minimierung der Verfügbarkeit oder Qualität der verrichteten Dienste. Ebenso durch billigen Einkauf von Vorleistungen oder Verlagerungen der Produktion in andere Länder und schnell in Dienst zu stellende verbesserte Produktionsmittel. 

Wie also sollen die Unternehmen dazu gebracht werden, zusätzliche Arbeitskräfte einzustellen? Eine gesetzliche Vorschrift zur Einstellung zusätzlicher Arbeitskräfte würde kaum einzuführen sein und wäre noch schwerer zu kontrollieren. Wenn die Unternehmen, zumindest in der kapitalistischen Warenproduktion, gezwungenermaßen eine AZV durchführen müßten, ohne zusätzliches Personal einzustellen, dann hätten sie unausgelastete Kapazitäten. Ihr in Gebäuden, Anlagen und Maschinen festgelegtes Kapital würde die vollen Kosten in Form der jährlichen Abschreibungen verursachen, aber sich langsamer amortisieren. Daher liegt für die Unternehmen immer ein Interesse vor, ihre vorhandenen Kapazitäten auszulasten und entsprechende Arbeitskräfte einzustellen. 

Dieses schon vorhandene Eigeninteresse könnte durch folgendes gesetzliches Arrangement kräftig bestärkt werden: Die Unternehmen werden verpflichtet, ab einem angemessenen Zeitraum vor dem Termin der AZV eine zinslose Rückstellung vorzunehmen, und zwar im Maße der Verkürzung des bisherigen Arbeitsvolumens und des Entgeltes der bisher Beschäftigten. Die darin rechnerisch anfallenden Beiträge für die Sozialversicherungen müßten sie sofort und unmittelbar an die Kassen abführen. Die Unternehmen können diese Rückstellungen und die Anrechnung der Beitragsabführungen aber auch dazu verwenden, neue Arbeitskräfte zu rekrutieren, diese auszubilden und in den Produktionsprozeß schon vor der AZV einzugliedern. 

Auf diese Weise würden die Unternehmen selber aktiv an dem Verschwinden der Reservearmee der Arbeitslosen und an ihrer direkt nützlichen Qualifizierung arbeiten. Soweit sie das nicht ausnutzen oder nach der AZV unterlassen, wird der Zwang zur Rückstellung aufrechterhalten, und die Mittel daraus werden laufend an die Arbeitslosenversicherung überwiesen, um die Unterstützungszeiten zu verlängern und die Unterstützungsprozentsätze zu erhöhen. Falls sie jedoch die zusätzlichen Arbeitskräfte frühzeitig einstellen, hätten sie mit Beginn der AZV eine größere Mannschaft in neuer Aufstellung und könnten ohne Unterbrechung und Reibungsverluste sofort tätig werden - zu den nun für alle geltenden alten Entlohnungshöhen und den individuell verkürzten Arbeitszeiten. (...) 

Die öffentlichen Einrichtungen 

Die öffentlichen Dienste ragen weit aus der sich selbst organisierenden Ökonomie heraus. Viele wünschen ihre entschiedene Ausdehnung. Insoweit stößt eine AZV nicht spontan auf die Zustimmung der Lohnabhängigen anderer Zweige sowie von Rentnern und Jugendlichen. Allerdings sind die Arbeitszeiten in etlichen Diensten objektiv zu lang oder als Schichtdienst zu belastend für die Sicherung der Qualität oder die Aufrechterhaltung der Gesundheit der Tätigen, z.B. in den Kliniken. Die Beteiligung zusätzlicher Beschäftigter an den jeweiligen Diensten dürfte wohl keine prinzipiellen Schwierigkeiten mit sich bringen, allerdings Organisationsaufwand bedeuten. 

Die Erhöhung der volkswirtschaftlichen Lohnsumme allein schon in der Industrie wird auch eine Vergrößerung der Steuereinnahmen mit sich bringen. 

Ob das schon ausreicht, um die zusätzlichen Arbeitskräfte in den öffentlichen Diensten für den Ausgleich der Arbeitszeitverkürzungen zu bezahlen, kann hier nicht abgeschätzt werden. Eventuell sind auch leichte Steuererhöhungen dafür erforderlich. Daß sich die Unternehmen und die Vermögenden daran besonders beteiligen sollten, muß nicht besonders betont werden. 

Alle Zweige, in denen es um private Verwaltungsapparate geht, wie Banken und Versicherungen, dürften weder ökonomische noch organisatorische Schwierigkeiten mit der AZV haben. Auch dort würden die Lohnsummen steigen und die Gewinnanteile sinken. Ob die Unternehmen dies hinnehmen oder mit Preiserhöhungen Erfolg haben, kann hier nicht abgeschätzt werden. 

Auch in großen Betrieben des Einzelhandels dürfte es keine Schwierigkeiten geben, sondern die Vergrößerung des Personals wird selbst bei kürzerer Arbeitszeit eine größere Flexibilität der Personalplanung mit sich bringen. 

Damit könnten gleichzeitig - unterstützt durch andere Grenzen des Arbeitszeitgesetzes und durch entschiedene Verbesserungen der Arbeitsvertragsbestimmungen wie den Mindestlohn - die Teilzeitarbeit, die Minijobs, die befristeten Jobs, die Leiharbeit usw. gründlich beseitigt werden. Auch hier kann kaum abgeschätzt werden, wie weit die höheren Lohnsummen zu Preiserhöhungen oder Gewinnminderungen führen werden. Für den Großhandel gilt Ähnliches wie für die Verwaltungsapparate. 

Das größte Problem stellen all jene Gewerbe dar, in denen private Kleinunternehmer, Selbständige aller Art wie Versicherungsvertreter oder die freien Berufe und andere ihre eigene Arbeitskraft oder ihre besondere lizenzierte Qualifikation einbringen und mit einigen wenigen mehr oder weniger qualifizierten Lohnarbeitern, Gesellen, Angestellten einen kleinen Betrieb führen. Die Summe des zu kürzenden Arbeitsvolumens in den jeweiligen Betrieben reicht kaum hin, um auch nur einen einzigen zusätzlichen Lohnabhängigen zu beschäftigen - und der wird die Vielfalt der Qualifikationen der schon vorhandenen, wenn auch wenigen Arbeitskräfte nicht ersetzen können. Diese Kleinarbeitgeber werden eine Einschränkung ihrer Arbeitszeit und häufig damit des Leistungsangebots nicht hinnehmen wollen und oft nicht hinnehmen können. Bei Einschränkung der Hilfen und der Zuarbeit durch ihre Mitarbeiter mag das tatsächlich zu Schwierigkeiten organisatorischer Art oder Einbußen von Umsätzen, Gewinn oder gar Kunden führen. Für all diese Gewerbe wird es keine gemeinsame Auflösung der Schwierigkeiten geben. Aber sie von der Kürzung der Arbeitszeit ihrer Lohnabhängigen auszunehmen, dürfte die Durchsetzung des Sechsstundentages als neuem Normalarbeitstag ernstlich gefährden. Daher bleibt hier ein absehbares Problem zu lösen, bevor eine allgemeine Kampagne an einer Stelle ins Stocken geraten würde. 

Anmerkungen 

1 Die Initiatoren sind die beiden Wissenschaftler Heinz-J. Bontrup und Mohssen Massarat; siehe www.alternative-wirtschaftspolitik.de (d. Red.) 

2  

www.jungewelt.de/2013/02-16/031.php?sstr=zeise 

3 Karl Marx: Grundrisse, Berlin 1974, S. 593 und S. 592 

Hinweis 

Den in der gestrigen Ausgabe angekündigten Text von Klaus Huhn lesen Sie auf Seite 3 der heutigen jW. 

 

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