Wir alle sind Hausfrauen

Silvia Federicis »Aufstand aus der Küche« und die künstliche Trennung von Produktions- und Reproduktionsarbeit als Bedingung kapitalistischen Wirtschaftens

Rahel Wusterack

In: junge Welt vom 03.05.2013

Der breite Zugang von Frauen zur Lohnarbeit hat bisher nicht zur vollständigen Gleichstellung von Frauen und Männern geführt. In der Regel wird dieser Umstand damit erklärt, daß solche Umbrüche Zeit benötigen. Dann folgt meist ein leicht rechtfertigend anmutender Verweis auf die immensen Fortschritte der letzten Jahrzehnte. Politik, Wissenschaft und die öffentliche Meinung sehen das Bemühen, Frauen in Arbeit zu bringen, nach wie vor als Königsweg zur Gleichstellung der Frau. Dafür sollen Frauen inzwischen nicht mehr einfach nur berufstätig sein, sondern gefälligst Karriere machen, ins Konzernmanagement aufsteigen oder in den Naturwissenschaften mehr Präsenz zeigen.

Silvia Federici, feministische Aktivistin und emeritierte Professorin für politische Philosophie aus New York, liefert mit dem schmalen Band »Aufstand aus der Küche« eine andere Perspektive. Der Band enthält drei erstmals auf Deutsch erschienene Essays der marxistisch geprägten Feministin. Sie erläutert darin, warum die eingangs skizzierte Strategie grundsätzlich zu kurz greift.

Federicis Ausgangspunkt ist die Marxsche Unterscheidung zwischen Reproduktions- und Produktionsarbeit. Letztere ist das, was wir gewöhnlich unter Arbeit verstehen. Reproduktionsarbeit hingegen ist die - meist unbezahlte - Tätigkeit, die zur Herstellung und Wiederherstellung von Arbeitskraft benötigt wird. Dazu zählt Hausarbeit, Kindererziehung sowie, in Federicis Worten, »die physische, emotionale und sexuelle Wartung der Lohnverdiener«.

Global betrachtet wird Reproduktionsarbeit nach wie vor hauptsächlich von Frauen geleistet. Dieser Zustand erscheint legitim, weil sie als »Arbeit aus Liebe« und »natürliche« Frauenaufgabe mystifiziert wird. Doch das ist nicht alles: Durch die ausbleibende Entlohnung der Reproduktionsarbeit wird ihr Ausmaß und ihre Wichtigkeit für die Stabilität der bestehenden Gesellschaftsordnung unsichtbar. Federici zufolge ist die Trennung der beiden Arbeitsformen jedoch konstitutiv für die kapitalistische Wirtschaftsordnung. Die Akkumulation, also Vermehrung von Kapital, ist auf die ihr zugrundeliegende unbezahlte Arbeit angewiesen. Erst durch diese lohnt sich das kapitalistische Wirtschaften richtig. Die sexistische Ideologie, Reproduktionsarbeit als natürliche Bestimmung der Frau anzusehen, stützt also das kapitalistische Wirtschaftsmodell.

Federici bleibt nicht bei der Kritik und beim Aufzeigen von Diskriminierungsmechanismen gegenüber Frauen stehen. Sie ordnet Sexismus in eine umfassendere antikapitalistische und globalisierungskritische Perspektive ein. Sie schafft damit eine fruchtbare Verbindung von linker Kapitalismuskritik und feministischer Theorie. Es werden wichtige Zusammenhänge deutlich und Perspektiven für linksfeministische Alternativen zur bestehenden Ordnung aufgezeigt. Eine klare Leseempfehlung für alle, die die bestehende globale Gesellschaftsordnung mit ihren Hierarchien zwischen Geschlechtern, Klassen und Ethnien und die wirtschaftlichen Hintergründe besser verstehen wollen. Und - last but not least - für alle Frauen, die trotz 40-Stunden-Woche den Haushalt immer noch allein schmeißen. Allein das an den Beginn der Einleitung gestellte Federici-Zitat von 1974 bietet viel Anlaß zum Nachdenken: »Wir wollen und müssen sagen, daß wir alle Hausfrauen sind, daß wir alle Prostituierte sind und alle homosexuell. Denn solange wir diese Unterteilungen akzeptieren und denken, wir seien etwas Besseres als eine Hausfrau, akzeptieren wir die Logik der Herrschenden.«

Silvia Federici: Aufstand aus der Küche - Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Edition Assemblage, Münster 2012, 128 Seiten, 9,80 Euro

_____________________________________________

Verschwundene Töchter

Indien: Mädchen vom Land als Arbeitssklavinnen verschleppt

Ranjita Biswas, IPS

In: junge Welt vom 03.05.2013

Beinahe haben sie schon jede Hoffnung aufgegeben, ihre Mädchen wiederzusehen. Die Familie gehört zu den »Adivasi«, den ersten Bewohnern des heutigen Indiens, und lebt in einem Dorf im nordöstlichen Bundesstaat Assam an den Ausläufern des Himalajas. Drei der vier Töchter sind seit fünf Jahren verschwunden. »Die Eltern sind arm und ungebildet. Sie wissen nicht, was aus ihren Kindern geworden ist«, berichtet Sunita Changkakati, Direktorin des unabhängigen »Assam Centre for Rural Development« in Guwahati.

Die indigenen Adivasi wurden in der britischen Kolonialzeit als Arbeiter in den Teeplantagen von Assam rekrutiert. Noch heute gehören sie meist zu den Ärmsten der Armen - und geraten leicht in die Fänge von Menschenhändlern, die Späher in die ländlichen Gebiete entsenden, die sich nach geeigneten Opfern umsehen sollen. Häufig wird insbesondere jungen Frauen viel Geld und ein komfortables, interessantes Leben in der Stadt oder die Aussicht auf eine Heirat versprochen. Doch statt in den Flitterwochen finden sie sich häufig in Bordellen wieder.

Die indischen Medien haben in den vergangenen Jahren häufig über Mädchen aus dem Nordosten Indiens berichtet, die in Neu-Delhi, Mumbai, Pune und anderen Städten aus der sexuellen Versklavung befreit werden konnten. Wie die Behörde für Strafverfolgung des Bundesstaates Assam berichtete, ist die Zahl der von hier aus in andere Landesteile gelockten jungen Frauen von nur vier im Jahr 2005 auf 79 im vergangenen Jahr gestiegen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein, denn viele Eltern bringen das Verschwinden ihrer Töchter nicht zur Anzeige.

Doch nicht alle Vermißten enden im Sexgewerbe. Viele Mädchen werden an wesentlich ältere Bauern in den weit entfernten Bundesstaaten Punjab und Haryana verheiratet. In den beiden nördlichen Unionsstaaten fehlt es an Frauen im heiratsfähigen Alter - eine Folge der verbreiteten Praxis, weibliche Föten abzutreiben beziehungsweise Mädchen gleich nach der Geburt zu töten. Deswegen kaufen sich viele Männer in den Dörfern über Mittelsmänner Bräute.

Andere Mädchen aus den ländlichen Regionen werden als Haushaltshilfen in die Großstädte gebracht. »Von wohlhabenden Familien eingestellt, werden sie häufig unterbezahlt und fast wie Sklavinnen gehalten«, berichtet der Adivasi Stephen Ekka von der Organisation »Pajhra« in Assam. Jeder, der gegen seinen Willen zum Arbeiten gezwungen werde, müsse als Opfer von Menschenhändlern betrachtet werden.

Auch Männer fallen Menschenhändlern zum Opfer. Rajeeb Kumar Sharma, Generalsekretär der »Global Organisation for Life Development« (GOLD) in Guwahati schildert den besonders schlimmen Fall eines Hausangestellten, der von einem Agenten in Neu-Delhi angeworben worden war. Als er eines Tages wegen Magenschmerzen in ein Krankenhaus kam, stellten die Ärzte fest, daß ihm ein Organ entfernt worden war - ohne Wissen des Opfers, wie sich herausstellte.

Armut und Arbeitslosigkeit sind die Hauptgründe, die die Menschen in Dörfern leicht zu Opfern von Menschenhändlern macht. Hinzu kommen der Mangel an sozialer Mobilität und Bildung sowie die Perspektivlosigkeit junger Leute. Die berühmten Teeplantagen in Assam stecken seit einigen Jahren in der Krise. Um Kosten einzusparen, beschäftigen Plantagenbesitzer oft nur noch Saisonkräfte, insbesondere in den Pflückperioden. Viele Mädchen müssen sich daher nach alternativen Einnahmequellen umsehen.

Selbst in den entlegensten Dörfern ist »Delhi« ein Zauberwort, von dem erhofft wird, daß es eine Tür zu unerhörtem Reichtum öffnet. Manchmal kommen Töchter aus der Hauptstadt zu Besuch in ihre Dörfer zurück, tragen schicke Kleider und prahlen damit, wieviel sie verdienen. Oftmals sind solche Auftritte nur ein Trick, um weitere Mädchen in die Stadt locken. Für viele endet das vermeintliche Abenteuer in einem Alptraum.

Aktivistinnen wie Sunita Changkakati bemühen sich seit Jahren, ein Bewußtsein für die Misere der jungen Frauen zu wecken. Sie helfen, Opfer aus ihrer Lage zu befreien und ihnen ein normales Leben zu ermöglichen. In Assam setzen sie ein Programm gegen Menschenhandel unter dem Namen »Ujjawala« um, das sich vor allem um Mädchen kümmert, die in die Prostitution geraten sind. Im vergangenen Jahr wurden 78 junge Frauen in sichere Unterkünfte gebracht.

acrdghy.org/ujjawala.htm

_____________________________________________