Deutsches Geld in aller Welt

Eine wachsende transnationale Verflechtung hat die Stellung des deutschen Kapitals in der EU nicht geschwächt, sondern gestärkt

Kees van der Pijl und Otto Holman

In: junge Welt online vom 04.04.2013

 

Die Deutschland AG ist abgeschafft, US-amerikanische Unternehmen, voran der weltgrößte Vermögensberater BlackRock, kontrollieren das deutsche Kapital.

Diese These unterlegte Werner Rügemer auf den Themaseiten vom 19.3.2013 mit Fakten. Daß es auch einen umgekehrten Kapital- und Machtfluß gibt, der möglicherweise sogar der entscheidende ist, soll mit dem folgenden Beitrag der beiden niederländischen Politikwissenschaftler dargelegt werden. jW hat sie gebeten, ihre Position, wie sie in ihrem Aufsatz aus dem Jahr 2011, The resurgence of German capital in Europe, und im aktuellen Heft von Z.

Zeitschrift für marxistische Erneuerung formuliert worden ist, in konzentrierter Form auch den jW-Lesern zur Verfügung zu stellen. (Redaktion der jungen Welt)

Die komplexe institutionelle Struktur, die sich im Ergebnis des europäischen Integrationsprozesses herausgebildet hat, scheint auf den ersten Blick den Regeln der klassischen staatlichen Gewaltenteilung zu folgen: Die europäische Kommission als Exekutive, das europäische Parlament als Legislative und der europäische Gerichtshof als Judikative. Tatsächlich ist sie aber besser als polyzentrisch und hybrid zu beschreiben, denn - abgesehen vom Europäischen Gerichtshof, einer treibenden Kraft bei der Herstellung eines einheitlichen europäischen Rechtsraums - sind Exekutive und Legislative nur unzureichend miteinander verbunden. So kann die Europäische Kommission zwar Initiativen zur Einführung neuer Regeln ergreifen und hat über die Einhaltung von europäischen Regeln und Vorschriften zu wachen, die Mitgliedstaaten aber entscheiden in letzter Instanz. Andererseits sind zwischenstaatliche Vereinbarungen, die im Ministerrat diskutiert wurden (oder, wenn es um die Regierungschefs geht, im Europäischen Rat), nur schwer durch die nationalen Parlamente oder - noch abwegiger - durch das Europäische Parlament zu kontrollieren.

Der European Round Table

Da diese supranationale bzw. intergouvernementale Struktur politisch kaum zu kontrollieren ist, kann die europäische Unternehmerschaft, organisiert im European Round Table (ERT) und in vergleichbaren Gruppen, eine zentrale Rolle spielen. Über den ERT kann das transnationale Kapital seine international organisierte Kraft entfalten und so seine Interessen in den europäischen Strukturen und - vermittelt durch diese - auch in den Nationalstaaten erfolgreich zur Geltung bringen. Natürlich spielt die »Nationalität« der jeweiligen Konzerne in diesem Kontext immer noch eine Rolle. Es ist gerade die transnationale Vermittlungsebene, die es ihnen erlaubt, ihren Einfluß verstärkt zur Geltung zu bringen, während dieser im nationalen Rahmen durch Gegenmachtstrukturen zumindest eingedämmt werden könnte.

Der ERT entstand 1982/83 und ermöglichte es dem Europäischen Kapital, die durch die neoliberale Wende in Großbritannien und den USA entstandenen neuen Bedingungen besser zu nutzen. In scharfer Abgrenzung zu den Kompromissen der vorangegangenen, »liberal-korporativistischen« Periode gingen die Regierungen von Thatcher und Reagan sowohl national wie international auf Konfrontationskurs, förderten die mit Produktionsverlagerungen verbundene Transnationalisierung des Kapitals und hoben keynesianisch motivierte Beschränkungen im Investment-Banking und bei der Erzielung von funktionslosen Renteneinkommen (Dividenden, Zinsen, Kapitalrenten) auf. Die kontinentaleuropäischen Länder waren zunächst nicht willens bzw. in der Lage, im Verhältnis zur Sowjetunion und zur Dritten Welt auf Konfrontationskurs zu gehen bzw. die nationalen Systeme sozialer Sicherheit zu demontieren. Der ERT war Ergebnis der Initiative eines europäischen Industriekommissars, Etienne Davignon, der die Konzerne direkt an der Entwicklung einer gemeinsamen Strategie beteiligen wollte. Damit hatte diese Organisation von Anfang an einen direkten Zugang zur EU-Kommission - eine Möglichkeit, deren sich keine andere Organisation, noch nicht einmal der europäische Arbeitgeberverband UNICE, erfreuen konnte.

Dabei handelte es sich nicht bloß um punktuelle Interessenvertretungspolitik; es ging vielmehr um die Entwicklung eines Konzepts, durch das jene Interessen, denen Kontrollbefugnisse zugestanden wurden, festgelegt wurden. Als die Davignon-Initiative eine Unternehmenskoalition zusammengebracht hatte, die entschlossen schien, eine eher defensive Strategie zu verfolgen, verließen die drei britischen Konzerne, die anfangs Mitglieder der ERT waren (Shell, Unilever, ICI), diesen bald nach dem Start. Deutsches Kapital spielte zunächst ebenfalls keine aktive Rolle, weil es kaum unter anglo-amerikanischem Wettbewerbsdruck stand.

Transnationale Unternehmensverbindungen auf europäischer Ebene waren zu dieser Zeit noch selten. Niederländische Unternehmen waren oft mit britischen und deutschen Konzernen verbunden, aber zwischen deutschen, französischen und italienischen Einheiten gab es kaum Verflechtungen. Von den 17 ERT-Mitgliedern waren 1984 (nach dem Ausscheiden von Unilever) nur vier europäisch vernetzt: Krupp und Thyssen (beide deutsch), die schwedisch-schweizerische ABB und Volvo. Die Organisationsstruktur des ERT spiegelte ebenfalls eher einen deutsch-französischen Kompromiß als das europäische Kapital wider: Das Führungspersonal kam entweder aus französisch-wallonisch-belgischen Konzernen der Suez-Gruppe oder aus deutschen, niederländischen und flämisch-belgischen Firmen mit Verbindungen zur Deutschen Bank. Die Institutionalisierung der transnationalen Interessen in Europa ging also den europäischen Unternehmensverflechtungen voran. Tatsächlich beklagte der ERT-Bericht von 1985, daß Europa immer noch ein »Kontinent der ökonomischen Nationalisten« sei.

Erst Ende der 1980er Jahre begann mit der Stärkung des ERT und der erklärten Absicht, die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu steigern, der Niedergang des französischen Einflusses in der Organisation. Nach der Rückkehr der britischen Konzerne nahm die »Beteiligung der rliberalenl britischen und deutschen Industriellen deutlich zu«.1 Nach 1991 wurde die Dynamik der europäischen Integration zunehmend von neoliberalen Orientierungen geprägt, weg von französischen Initiativen, welche den deutschen Wiederaufstieg bremsen wollten. Der Maastricht-Vertrag und die Europäische Währungsunion (EWU), beide 1991 vereinbart, markierten die verspätete Anpassung Europas an die neuen Kräfteverhältnisse. Daß die Unternehmensstrategen die Natur dieser Veränderungen erkannten und auch genauso bezeichneten wird durch die Reden von Rolf Breuer, damals Chef der Deutschen Bank, illustriert, der erklärte, daß »der Rheinische Kapitalismus seine Grenzen erreicht habe und reformbedürftig sei«.2

Die französische Wirtschaftspolitik vollzog in der Folge allerdings ebenfalls die Abkehr vom europäischen Unternehmensliberalismus und übernahm die globale neoliberale Orientierung. Gehörten die französischen Konzerne des ERT anfangs noch zu den am wenigsten am Weltmarkt orientierten, so erreichten zumindest die ersten drei (Air Liquide, Lafarge, Total) 2000 das Niveau der drei größten deutschen Unternehmen (Bayer, Siemens, Bertelsmann), gemessen am außereuropäischen Umsatz. Beide Gruppen aber lagen weiter hinter den britischen Konzernen zurück, deren globale Umsatzanteile bei zwei Dritteln (gegenüber 50 Prozent) des Gesamtumsatzes lagen. Das erinnert daran, daß das Operationsgebiet von Einzelkapitalen niemals auf eine bestimmte Territorialeinheit beschränkt ist; Unternehmen operieren flexibel und vermeiden es, sich territorial »einsperren« zu lassen, auch wenn es sich um das große Territorium der EU handelt. Trotzdem bleibt die jeweilige Nationalität wichtig, z.B. wenn es um historisch gewachsene regionale Richtungen der Internationalisierung geht. So erlebten die traditionell guten Beziehungen Westeuropas zu den osteuropäischen Ländern nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Renaissance; die intensivierten Beziehungen zu Osteuropa wurden umgekehrt zu einem Hebel, um die bestehenden Systeme der sozialen Sicherheit durch die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und den Abbau staatlicher Sozialleistungen zu reformieren.

Das transnationale Kapital in Europa, strukturiert in Form von regional geprägten Konzernverflechtungen, ergänzt durch Körperschaften wie den ERT, hat sich also als eigenständiges Zentrum organisiert, allerdings als Teil des größeren atlantischen Wirtschaftsraums. Auf dieser höheren Ebene arbeiten ebenfalls politische Strukturen bzw. private Planungsgruppen wie z.B. das World Economic Forum daran, konzernübergreifende Netzwerke zu verstärken.

Deutsches Unternehmenscluster

Obwohl die nordamerikanischen und britischen Banken und Konzerne weiterhin die Fähigkeit haben, Kosten und Risiken auf die europäischen Finanzzentren abzuwälzen, so dürfte die Verlagerung von Zentralfunktionen nach Deutschland es den führenden deutschen Unternehmen in Zukunft ermöglichen, ihre Sichtweisen mit »der geballten Kraft internationaler Durchsetzungsfähigkeit« - um Gramsci zu zitieren - zur Geltung zu bringen.

Diese Sichtweisen sind sicherlich kosmopolitischer geworden, sie werden aber immer gewisse spezifische Merkmale bewahren, die den besonderen Weg des Landes in sozialer und internationaler Hinsicht widerspiegeln.

Um in größere und wirklich transnationale Dimensionen zu wachsen, mußten die deutschen, französischen und anderen kontinentaleuropäischen Konzerne zunächst »finanzkapitalistische« Strukturen im Hilferdingschen Sinn auflösen. Diese hatten im Kontext der nachholenden Industrialisierung Europas Wettbewerbsstaaten gebildet, welche sich mit dem liberalen, anglophonen Westen auseinanderzusetzen hatten; ihre so national eingebundenen Unternehmen waren daher für transnationale Entwicklungen schlecht vorbereitet. Dem deutschen Kapital waren durch sich überkreuzende gegenseitige Beteiligungsstrukturen die Hände gebunden.

So bildete z.B. die Deutsche Bank noch zur Zeit der Wiedervereinigung und der Gründung der EWU das Zentrum eines stabilen, wesentlich deutschen Unternehmensclusters, zu dem u.a. Daimler Benz, Mannesmann und Siemens gehörten, zeitweilig auch Hoesch, Allianz, RWE und VEBA (heute E.on). Die Gruppe um die Deutsche Bank war historisch das Bollwerk des unabhängigen deutschen Kapitals, welches die innovativsten Sektoren umfaßte und Weltmarktstrategien von einer europäischen Basis aus organisierte. Der historische Rivale, die Dresdner Bank, war vor allem mit Konzernen verbunden, welche im Windschatten anglo-amerikanischer Unternehmen operierten, darunter auch deren deutsche Filialen.

Nach der neoliberalen Wende wurden diese Gruppenstrukturen aber rasch umgebaut, um die neuen Profitchancen zu nutzen. So beriet die Deutsche Bank Krupp, historisch zur Dresdner-Bank-Gruppe gehörig, bei der Übernahme von Thyssen, an der die Deutsche Bank beteiligt war. Unter den veränderten Bedingungen bildeten die Deutsche und die Dresdner Bank eine neue Struktur, welche die Deutsche Bank gegen die Allianz stellte, jene Versicherung, die sich zu einem finanziellen Kraftzentrum entwickelt hatte, das doppelt so groß war wie die Deutsche Bank. Allianz übernahm die Dresdner Bank (nach einer fehlgeschlagenen Fusion zwischen Deutscher und Dresdner Bank im Jahre 2000) und erbte in einem gewissen Sinne so deren atlantisches Profil, allerdings von einer stärkeren Position aus.

Neoliberale Prinzipien wurden übernommen, als deutsche Konzerne den internationalen Kapitalmarkt anzapften. Daimler-Benz, das historische Kronjuwel der finanzkapitalistischen Gruppe der Deutschen Bank, wurde an der New Yorker Börse gelistet und konnte so durch Aktienausgabe 38 Milliarden US-Dollar aufbringen, um die Übernahme von Chrysler zu finanzieren - eine Fusion, die später wieder aufgelöst werden mußte. Die Deutsche Bank selbst war dort erst ab 2001 notiert und mußte 1998 die Übernahme des Banker's Trust für 9,2 Milliarden US-Dollar noch in cash bezahlen. Um sich Kapital auf anglo-amerikanischen Finanzmärkten beschaffen zu können, mußten sich die Unternehmen allerdings der vorherrschenden »shareholder value«-Mentalität unterwerfen und entsprechende Bilanzierungsregeln übernehmen, denn »die institutionellen US- und UK-Investoren, die diese Märkte speisen, haben ganz bestimmte Anforderungen an das Management«.3 Ein Aspekt der Anglo-US-Bilanzierung besteht darin, daß Rückstellungen für die Beschäftigten (z.B. Pensionsrückstellungen) als Schulden bewertet werden, während unternehmerische Risikopositionen zu den Vermögensbestandteilen zählen. Gemessen an diesen Berechnungsmethoden beträgt der Wert von Siemens nur elf Prozent des US-Konkurrenten General Electric, obwohl die beiden Unternehmen etwa gleich groß sind.

Neoliberale Wende

Die 90er Jahren waren durch die neoliberale Wende der EU gekennzeichnet.

Die verstärkten horizontalen Verflechtungen in der EU weg von der traditionellen Orientierung an den Nationalstaaten machten die Abwendung des Europäischen Kapitals vom atlantischen Netzwerk deutlich. So ist das Schweizer Kapital, noch 1992 mit atlantischen Verbindungen, nun vor allem mit französischen und deutschen Netzwerken verflochten. Britische und skandinavische Gesellschaften gehören nun zu einem europäischen Netzwerk, wodurch die neue Brückenposition von Unternehmen mit Sitz in Großbritannien unterstrichen wird.

Die neoliberale Wende ermöglichte es dem Auslandskapital, auch die deutsche Wirtschaft zu durchdringen. Mit der »feindlichen Übernahme« von Mannesmann gelang es Vodafone, in das deutsche Netzwerk einzudringen (der zur Deutschen Bank Gruppe gehörende Röhrenkonzern war kurz vorher mit dem Erwerb von Orange ins Mobilfunkgeschäft eingestiegen).

Zu diesem Zeitpunkt hatten die deutschen Unternehmen auf diesem Gebiet noch immer internationale Wettbewerbsnachteile. Als die Deutsche Bank 1999 begann, über eine neue Filiale, DB Investors, einige ihrer deutschen Beteiligungen abzustoßen, wurde der mit etwa einer Milliarde bezifferte Buchgewinn noch mit 50 Prozent besteuert, zusätzlich zu dem Abschlag auf den Börsenwert. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) wenig später vorschlug, die Besteuerung solcher Buchgewinne abzuschaffen, schien das eine radikale Wende zu sein: Kurz vorher noch hatte er die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone kritisiert und den Baukonzern Philipp Holzmann vor der Auflösung gerettet.

Allerdings sind Gespräche zwischen dem Chef der Deutschen Bank und dem Kanzler, bzw. später der Kanzlerin, nicht der einzige Kommunikationsweg zwischen transnationalem Kapital und deutscher Regierung. Was den europäischen Teil des Unternehmensnetzwerks angeht, so steht das deutsche Kapital heute im Mittelpunkt; Allianz, Daimler, Siemens und Deutsche Telekom sind vertreten im oder verbunden mit dem ERT (wie TotalFina, BNP Paribas, L'Oreal, Nestlé und BP). Insgesamt haben Mitglieder des ERT in 28 deutschen Unternehmen Führungspositionen, verglichen mit 22 französischen und sechs britischen. Wenn man sich klar macht, daß der ERT ein mächtiger Transmissionsriemen zur Übersetzung der Wünsche des transnationalen Kapitals sowohl auf die nationale wie auf EU-Ebene ist, dann erscheint Schröders Meinungswandel weniger überraschend.

Im Nachhinein (basierend auf den Daten von 2005) zeigt sich, daß die Momentaufnahme der europäischen Verflechtungsstrukturen von 2000 den halben Weg zur Umwandlung von einem US-zentrierten Unternehmensnetzwerk zu einem deutsch-zentrierten markierte. Dazu dürfte auch die US-Präsidentschaft von George W. Bush beigetragen haben. Idealerweise zirkuliert das Kapital in einem nichtnationalen, deterritorialisierten Raum. Allerdings gingen die Zahl der Geschäftsreisen in die USA 2005 gegenüber 2000 um zehn Prozent zurück, obwohl dies eine Periode lebhafter Wirtschaftstätigkeit war. Dies war sowohl eine Folge der amerikanischen Eingriffe nach dem Enron-Skandal als auch der Einreisebeschränkungen im Rahmen des »Kriegs gegen den Terror«. Die amerikanische Reaktion auf 9/11 beinhaltete auch einen zunehmenden Widerstand gegen ausländische Unternehmensübernahmen.

Wirft man einen Blick auf den Stand der Unternehmensverflechtung zwischen den 150 größten transnationalen Konzernen im Jahre 2005,4 dann drängen sich zwei Schlußfolgerungen auf. Zum einen zeigt sich die Wiederkehr eines einzigen atlantischen Clusters, diesmal mit der Allianz und anderen deutschen Unternehmen im Mittelpunkt. Seine vier miteinander verbundenen Leitungsstrukturen unter Einschluß von JPMorganChase und GoldmanSachs ergaben sich aus dem von der Allianz initiierten Zusammenschluß zu einem transatlantischen Aufsichtsrat (ansonsten bleiben, bei einigen Veränderungen in den Unternehmen, die Verbindungen zu anderen EU-Unternehmen weitgehend die gleichen wie 2000). Die Allianz ergänzte ihre zentrale Stellung, die sie in Europa im Vergleich zum französischen Kapital schon 2000 innehatte, durch Aufkäufe von US-Lebensversicherungen und Engagements in Investmentfonds sowie die Börsenzulassung an der New York Stock Exchange im November 2000. Aber »kein weiteres Unternehmen der Deutschland AG versuchte, von der Steuerreduzierung auf Unternehmensgewinne zu profitieren«.5 Die Deutsche Bank (die 2005 über die Deutsche Telekom mit dem US-Konkurrenten der Allianz, der Citigroup, verbunden war) hätte, um den Konkurrenzvorteil der Allianz aufzuholen, einen Versicherungskonzern wie die AXA übernehmen müssen, die zu dem Zeitpunkt über BNP mit der Allianz verflochten war.

Zum zweiten zeigt sich eine partielle Ablösung des deutschen Kapitals von der EU als Expansionsfeld nach dem Jahr 2000, dem Jahr, in welchem sich das aus der deutschen Vereinigung resultierende Leistungsbilanzdefizit in einen (gewaltigen) Überschuß verwandelte. Französische Unternehmen waren nicht direkt an dieser transatlantischen Brücke beteiligt. Auf der hier analysierten Ebene von Verflechtungen (und in Absehung von anderen Kommunikationskanälen) werden sie durch deutsches Kapital »repräsentiert«.

Gleiches gilt für die Beziehungen auf dem Energiesektor mit Rußland. Der E.on-Konzern, der mit deutschen Kernunternehmen (der Allianz, der Deutschen Bank und Siemens) verflochten ist, hat gleichfalls privilegierte Beziehungen zu Gasprom, dem russischen Gasmonopolisten. Im Vorstand von Gazprom sitzt der E.on-Vorstand und CEO ihres Tochterunternehmens Ruhrgas, B. Bergmann. Außerdem besteht ein Joint Venture zwischen der BASF-Tochter Wintershall und einem Tochterunternehmen von Gasprom, Urengoygasprom, das in den letzten Tagen der Schröder-Regierung unter Dach und Fach gebracht wurde. Im Vorstand sind auch die Chefs von BASF und Gasprom vertreten.

Andere EU-Unternehmen sind gleichfalls mit russischen Energieunternehmen verbunden (die italienische ENI hat hier eine besondere Vergangenheit).

Trotzdem kann man sagen, daß es gerade das deutsche Kapital ist, das den »rückwärtigen« Zugang der EU zur Energieversorgung kontrolliert und sich dabei eine Menge Vorteile aus dem Ost-West Handel sichert.

Abgelöste Hypothek

Der US-amerikanische Unternehmensanwalt Benjamin Johnson meinte vor einem Jahrzehnt, innerhalb Deutschlands würde »die rDeutschland AGl ihre Kontrolle über die Wirtschaft des Landes verlieren, wobei die gleichen deutschen Unternehmen wahrscheinlich zu größeren Playern in der globalen Ökonomie« aufsteigen würden. Andere Autoren dagegen nehmen an, daß das deutsche Kapital durch die von einer Reihe großer Konzerne realisierten Verflechtungsbeziehungen einen Komplex bildet, der in Zahlen ausgedrückt vielleicht nicht so kompakt aussieht. Wir gehen davon aus, daß dieser offenbare Widerspruch aufgelöst werden kann, wenn wir den europäischen Rahmen und darin den deutschen Einfluß im ERT und vergleichbaren Netzwerken betrachten.

1991 konnte die deutsche Ökonomie die europäische Hypothek ablösen, die ihr durch das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges auferlegt worden war und die es Frankreich ermöglicht hatte, den deutschen Wiederaufstieg in ein Netz europäischer Verträge einzubinden. Zum gleichen Zeitpunkt wurde, und das kann als ein letzter französischer Schachzug verstanden werden, eine neue Hypothek in Form der Europäischen Währungsunion (EWU) aufgenommen. Dadurch wurde eine absolute Dominanz der DM vermieden; zugleich verankerten die Währungsunion und der Stabilitätspakt nachhaltig die Politik einer starken Währung, die von den deutschen Unternehmen für die ganze Eurozone favorisiert wurde. Der Spielraum der »weicheren« Mitgliedstaaten der Euro-Zone wurde gleichzeitig eingeengt durch die restriktive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank und dadurch, daß das »Abwertungsventil«, mit dem sie sich vor Bestehen der EWU gegen den deutschen Wettbewerbsdruck hatten wehren können, nun nicht mehr verfügbar war.

Ihre entwickelte, exportorientierte Investitionsgüterindustrie verschafft der Deutschland AG Konkurrenzvorteile, die sie gegen einen Aufwertungsdruck auf den Euro relativ immun machen; zugleich fördert die starke Währung die transnationale Diversifikation anderer Wirtschaftssektoren. Seine Exportoffensive hat Deutschland (in absoluten Zahlen) weltweit zu einem der größten Exporteure gemacht: 2004 überstiegen die deutschen Ausfuhren die Grenze von einer Billion US-Dollar. Es wären weit mehr, rechnet man den Umsatz der ausländischen Tochtergesellschaften dazu. Der damit verbundene Kapitalzufluß wurde größtenteils in den USA und anderen überseeischen Ländern angelegt. Von 2002 bis 2006 wuchsen die deutschen Portfolioinvestionen auf dem britischen und US-amerikanischen Finanzmarkt um 102 bzw. 74 Prozent.

Die Transnationalisierung des Kapitals, die in Europa hauptsächlich von deutschen Unternehmen ausgeht, untergräbt schrittweise die zentralen Kompromisse, die diese - neben anderen Faktoren - erst möglich gemacht haben, einschließlich der Europäischen Integration selbst. (...) Die Entscheidung von 1999, die EU nach Zentral- und Osteuropa zu erweitern, begünstigte auf Grund der EU-Bedingungen das deutsche Kapital, ohne daß Frankreich irgendeinen regulatorischen oder Kompensationsmechanismus in die Hand bekam. Nach 2000 gab es dann keinerlei institutionelle Bewegung mehr in Europa.

Anmerkungen

1 B. van Apeldoorn, Transnational Capitalism and the Struggle over European Integration, London 2002: S. 134 und 122

2 Zitiert nach B. Kogut/G. Walker (2001): »The Small World of Germany and the Durability of National Networks«, in: American Sociological Review, 66(3): S. 329

3 Ebd., S. 323

4 Financial Times, Global 500, vom 11.6.2005

5 B. W. Johnson (2002): »German Corporate Culture in the Twenty-First Century: The Interrelations Between the End of Germany, Inc., and Germany's Corporate Capital Gains Tax Reform«, Minnesota Journal of Global Trade, 11(1), S. 96

Übersetzung von Jörg Goldberg und André Leisewitz

Otto Holman ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Universität Amsterdam. Kees van der Pijl, ebenfalls Politikwissenschaftler, ist emeritierter Hochschullehrer der Universität Sussex

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