Schüttismus

Der Dokumentarfilm »Lenin. Drama eines Diktators«

Jana Frielinghaus

In: junge Welt online vom 21.03.2013

Der Kern des Schüttismus läßt sich auf eine kurze Formel bringen: Sozialismus? Ja bitte - aber nur, solange er schwungvolle Utopie und freundlicher Appell bleibt. Es ist schließlich bewiesen, daß jede Übernahme von Macht und Verantwortung bei revolutionären Veränderungen in Bevormundung und Vergewaltigung der Massen mündet.

Hans-Dieter Schütt, bis zu seiner Verabschiedung in den Ruhestand vor einigen Monaten Feuilletonchef der Tageszeitung Neues Deutschland, hat jetzt zusammen mit dem Regisseur Ullrich Kasten einen Film über den Revolutionär Lenin gemacht, der am Dienstag abend auf Arte ausgestrahlt wurde. Der Titel - »Drama eines Diktators« - sagt schon alles über den Inhalt - und über den Autor der darin gesprochenen Texte, der bis kurz nach dem Mauerfall 1989 Chefredakteur und ideologisches Leuchtfeuer dieser Zeitung war und sich seit 1990 so penetrant als geläuterter Schmerzensmann mit tiefen Einsichten in die Abgründe des sozialistischen »Experiments« geriert, daß man aus dem Fremdschämen gar nicht herauskommt.

Der Ansatz des Films: Konsequent ahistorisch, psychologisierend und grundsätzlich aburteilend. Da gab es diesen Mann, geboren 1870, gestorben 53jährig am 21. Januar 1924, nur sechs Jahre nach der von ihm angeführten Oktoberrevolution. Vollzogen in einem rückständigen, postfeudalistischen Riesenland. Daß Leute wie Lenin die bereits seit 1905 immer wieder aufflammenden Revolten der ausgebeuteten und gepeinigten Arbeiter und Soldaten in revolutionäre Aktion zu lenken verstanden, wird ihnen als Machtbesessenheit und bloße Manie ausgelegt.

Wer einfach nur den Film anschaut, ist überzeugt: Dieser Wladimir Iljitsch Uljanow war irgendwie »intelligent jäh«, aber vor allem »eisig machtgewiß«, wie Schütt bei der Charakterisierung von dessen Aprilthesen (nach der Rückkehr aus dem 17jährigen Exil im April 1917 niedergeschrieben) formuliert, und eigentlich fast ein Psychopath. Schütt selbst sagt es nicht so deutlich, dafür sein Kollege Gunnar Decker im ND vom Dienstag: Lenins politisches Handeln war nur ein persönlicher Rachefeldzug, gespeist aus dem Verlangen, die Hinrichtung des geliebten älteren Bruders durch die Leute des Zaren zu sühnen. Schütt selbst mag es etwas zurückhaltender und natürlich vor allem metapherngesättigt: »Ausrufezeichen setzte er wie Leuchttürme. Was blieb, sind Fragezeichen.«

Im Film ist Lenin ein verwöhntes adliges Muttersöhnchen. Was bei jedem anderen Intellektuellen als selbstverständlich vorausgesetzt wird: daß er seine Erkenntnisse wesentlich aus Lektüre und deren Analyse gewinnt und nicht für körperliche Arbeit schwärmt, werfen Schütt und Kasten Lenin vor.

Dem »hämmert« immer etwas durch den »glühenden Kopf«, der ist kein eigenständiger Denker, sondern nur ein Apologet, der in Marxens »Kapital« »die Bibel seines künftigen Glaubens« findet. Weil Lenin sich an die Spitze der revolutionären Bewegung jener Tage stellte, kann ihm auch alles angelastet werden, was an Verbrechen folgte. Einschließlich Hitler und Zweiter Weltkrieg. Die Formulierungen wabern, ohne daß irgendwelche Belege für die konkrete Schuld des »Diktators« geliefert werden: Er läßt »immer öfter auslöschen« und »verursacht Hungersnöte«. Daß Lenin extrem bescheiden lebte, Führerkult ablehnte, sieht Schütt lediglich als Teil seiner Selbstinszenierung. Daß er ökonomische Reformen erstaunlichen Ausmaßes in die Wege leitete, und - auch infolge des 1918 auf ihn verübten Attentats - furchtbar wenig Zeit hatte, ist ihm kaum eine Erwähnung wert. Den »roten Terror« brandmarkt er, die Existenz des »weißen«, viehisch wütenden, verschweigt er.

Dietmar Dath hat für die Intelligenzija dieser Gesellschaft, die Kriegstreiber- und Sozialabbaupropagierungsjournaille, die »politische Klasse« und deren Gefolge, einen Begriff geprägt: »Clowns des Imperialismus« (siehe jW vom 7. und 8.11.2012). Die Macher des Lenin-Films sind, gewollt oder nicht, verdiente Mitglieder dieser Kaste.

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