»Emanzipation nur mit Klassenkampf«

Berliner Zusammenschluß »8. März« veranstaltet Demo und viele Aktionen. Gespräch mit Franka Fuchs

Belinda Wolff

In: junge Welt online vom 01.03.2013

Franka Fuchs ist Sprecherin des Bündnisses »8. März«

Linke und antifaschistische Gruppen rufen bereits zum dritten Mal zu einer Aktionswoche rund um den Internationalen Frauentag auf. Warum so ein umfangreiches inhaltliches Programm?

Wir glauben, daß der Frauentag nicht ernst genug genommen wird: Für die einen ist er überflüssig, für andere eine »sozialistische Erfindung«, die gerade deswegen nicht anerkannt werden darf. Dem wird unser Bündnis mit der Vermittlung von Theorie, historischen Hintergründen und Informationen über aktuelle Frauenkämpfe entgegentreten. Denn ob hierzulande oder weltweit - nach wie vor sind es vor allem Frauen, die im gesellschaftlichen Leben stark benachteiligt sind. Das Bündnis thematisiert mit der Aktionswoche die stets aktuelle Forderung nach sozialer und politischer Gleichstellung der Frau und will anhand der Aufarbeitung und Diskussion gegewärtiger Proteste von Frauen Interesse wecken und in den Dialog treten. Und natürlich wollen wir viele Frauen ermutigen, für ihre Rechte einzutreten.

Zum Bündnis gehören auch türkische und kurdische linke Frauenorganisationen ...

Internationale Frauensolidarität ist uns besonders wichtig, sie kommt auch im Motto unserer Demonstration zum Ausdruck: »Frauen kämpfen international gegen Patriarchat und Kapital«. Und wir wollen mit dieser Ausrichtung auch dem zunehmenden Rassismus entgegentreten, der von der Politik gefördert wird.

Von Politik und Medien wird oft das Bild vermittelt, es herrsche Chancengleichheit für Frauen und Männer. Wie stehen Sie dazu?

Sicherlich kann festgehalten werden, daß erkämpfte Errungenschaften wie das Wahlrecht für Frauen oder das Antidiskriminierungsgesetz die gesellschaftliche und politische Partizipation von Frauen verbessert haben.

Tatsächlich ist es heute akzeptiert, daß Frauen einer Lohnarbeit nachgehen.

Auch die damit verbundene zunehmende Ökonomisierung von Arbeiten wie Altenpflege, Kinderbetreuung, Putzen und Kochen kann als Teil eines Wandels in den Geschlechterverhältnissen interpretiert werden. Aber von wirklicher Gleichberechtigung sind wir weit entfernt. Nach wie vor sind insbesondere Frauen von Ausbeutung, Unterdrückung, Diskriminierung und häuslicher oder sexualisierter Gewalt betroffen.

Worin liegen die Gründe für die fehlende praktische Gleichheit?

Tendenziell kämpfen die Frauen nicht mehr gemeinsam für ihre Interessen, sondern suchen meist individuelle Lösungen. Im Zweifel auf Kosten der eigenen Lebensqualität oder auf Kosten anderer Frauen. Es fehlt auch das Wissen, daß es Alternativen gibt und der Glaube daran, daß man gemeinsam etwas verändern kann.

Die erheblichen Lohndifferenzen zwischen den Geschlechtern führen meist dazu, daß sich in erster Linie Frauen mit der Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auseinandersetzen müssen - und daß sie nach wie vor überwiegend oder allein für Kindererziehung und -versorgung, für Haushalt oder die Pflege Angehöriger zuständig sind. Zu einer gerechteren Aufteilung der Familienarbeit kommt es meist auch dann nicht, wenn die Frau gut verdient. Denn dann werden solche Arbeiten oft ausgelagert - und meist an ärmere Frauen weitergegeben. Die Politik ist begeistert und sieht in der Förderung sogenannter haushaltsnaher Dienstleistungen auch noch eine Leistung in puncto besserer Vereinbarkeit, da hochqualifizierten Frauen so ermöglicht werde, ihren Beruf auszuüben und gleichzeitig in den Haushalten neue Jobs entstünden. Das ist viel billiger, als staatliche Infrastruktur bereitzustellen, die allen Frauen unabhängig von ihrer sozialen Stellung zugute käme.

Ist ein gleichberechtigtes Miteinander überhaupt möglich?

Zur Zeit verschlechtern sich die politischen Rahmenbedingungen für Frauen eher. Beispielsweise fördert das Betreuungsgeld eher die traditionelle Rollenverteilung in der Familie. In einer profitorientierten Gesellschaft gibt es kein wirklich gleichberechtigtes Miteinander. Echte Emanzipation der Geschlechter wird nur möglich werden, wenn wir den Klassenkampf nicht vernachlässigen und eine Alternative zu Kapital und Patriarchat aufbauen.

Alle Termine unter

8maerz.blogsport.de

Bündnisdemo am 9. März, 15 Uhr in Berlin, Hermannplatz

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Überzeugte Hausfrauen

Statistikamt: Ein Viertel der Mütter unter 15jähriger übt keinen Beruf aus und sucht auch keinen Job. Erwerbstätigkeit und Wunsch danach hat dennoch zugenommen

Jana Frielinghaus

In: junge Welt online vom 01.03.2013

Es bewegt sich etwas in der Bundesrepublik - aber langsam. 2011 waren gut zwei Drittel der Frauen mit Kindern bis zum Alter von 14 Jahren, 68 Prozent, berufstätig, 26 Prozent gehen keiner Erwerbsarbeit nach und streben dies auch nicht an. Nur sechs Prozent gaben an, auf Jobsuche zu sein. Dies geht aus einer vom Statistischen Bundesamt am Dienstag veröffentlichten Analyse hervor. Diese zeigt aber auch, daß die Zahl der berufstätigen Mütter gegenüber dem Jahr 2001 um sechs Prozentpunkte angestiegen und die der mehr oder weniger überzeugten Hausfrauen im gleichen Maße gesunken ist.

Ein weiterer Befund der Wiesbadener Datenauswerter: Die Mehrheit der Mütter, die ihre Kinder zu Hause betreuen, tut das freiwillig. Für 70 Prozent der nicht Berufstätigen war das fehlende Betreuungsangebot nicht ausschlaggebend für das gewählte Familienmodell. Immerhin 30 Prozent gaben jedoch an, sie suchten keine Arbeit, weil eine geeignete Betreuungseinrichtung nicht verfügbar oder zu teuer sei. Es kann vermutet werden, daß die Lücke zwischen Betreuungsangebot und -nachfrage in Ostdeutschland erheblich geringer ist als in den alten Bundesländern.

Zugleich dürfte die Ideologie, nach der eine Mutter »mindestens in den ersten drei Jahren« ständig bei ihrem Kind zu sein hat, im Westen noch immer viele Anhängerinnen haben. Deren Propagandistinnen und Propagandisten vom streng konservativen »Familiennetzwerk« und ähnlichen Initiativen sind mittlerweile hier wie dort sehr aktiv und verbreiten ihre »Erkenntnisse« über die zerstörerische bis traumatisierende Wirkung der »Fremdbetreuung« unter Dreijähriger. Die aktuelle Auswertung des Bundesamtes zeigt, daß der Anteil der Hausfrauen, die »dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen«, erheblich abnimmt, wenn das jüngste Kind das dritte Lebensjahr vollendet hat. Während 44 Prozent der nicht erwerbstätigen Mütter von Kleinkindern keine Arbeit suchten, waren es bei jenen, deren jüngster Sprößling drei bis fünf Jahre alt war, nur noch 24 Prozent, danach sank ihr Anteil auf 19 (Kind 6 bis 9 Jahre) bzw. 16 Prozent (10 bis 14 Jahre).

Die Zahl nicht erwerbstätiger Väter, die nicht auf Jobsuche waren, ist übrigens unverändert gering und liegt bei drei Prozent. Männer - und Frauen - in Elternzeit wurden hier nicht mitgerechnet, sondern als erwerbstätig gezählt.

Mehr:

www.destatis.de

 unter »Publikationen«

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Linke-Aktionen zum Frauentag

In: junge Welt online vom 01.03.2013

Berlin/Saarbrücken. Frauen der Linksfraktion im Bundestag werden am Vorabend des Internationalen Frauentages, am 7. März, am Brandenburger Tor mit einer Aktion unter dem Motto »Frauen. Arm? Mut!« gegen Altersarmut protestieren. Beginn ist um 14 Uhr auf dem Pariser Platz. Als Rednerinnen treten u.a. Yvonne Ploetz, frauenpolitische Sprecherin der Fraktion, Gesine Lötzsch und die letzte Wirtschaftsministerin der DDR, Christa Luft, auf.

Der Hintergrund: Bereits jetzt haben zwei von drei Frauen eine Rente unterhalb der Grundsicherung. Nur 16,5 Prozent der Frauen erhalten mehr als 850 Euro. Die Veranstaltung ist Auftakt zu mehreren Aktionen der Partei bundesweit. U.a. werden Yvonne Ploetz und Sahra Wagenknecht am Frauentag selbst um 12 Uhr auf einer gemeinsamen Kundgebung mit Gewerkschafterinnen in Saarbrücken (vor der Europagalerie) sprechen.

(jW)

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Brandenburgische Frauenwoche

In: junge Welt online vom 01.03.2013

Potsdam. Am heutigen Freitag beginnt die 23. Brandenburgische Frauenwoche unter dem Motto »Frauen Stimmen Gewinnen« mit zahlreichen Veranstaltungen in allen Teilen des Landes. Ein Auftaktsymposium findet am Samstag in Neuruppin (10 bis 16 Uhr, Kulturkirche, Virchowstraße 41, Teilnahmegebühr fünf Euro inkl. Mittagsimbiß) statt. Eine Übersicht über alle Aktionen, Seminare, Lesungen, Konzerte etc. findet sich im Internet:

www.frauenrat-brandenburg.de/seiten/veranstaltungen.php

(jW)

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