Nach dem alten römischen Herrschaftsprinzip „Teile und Herrsche" gewinnt nun offenbar bei Ford Genk die Konzernleitung mit Bestechung und Verfahrenstricksereien an Boden

NUR EINIGKEIT MACHT STARK

von Jens-Torsten Bohlke

Kommunisten-online a, 21. Januar 2013

http://www.kommunisten-online.de/BetrGwer/ford_genk2.htm#Genk

Trotz eisiger Kälte harren die Streikposten der vier großen Zulieferfirmen am Fordwerk weiter aus, blockieren sie die Weitergabe der gefertigten Autoteile an das Montage-Fließband im Ford-Hauptwerk, lassen sie sich auch von 1000-Euro-Geldstrafe auf kürzlichen Gerichtsbeschluss nicht einschüchtern. Wie lange jedoch werden sie durchhalten können?

BALD SIND POLIZEIKNÜPPEL GEGEN DIE KÄMPFENDEN ARBEITER DER ZULIEFERFIRMEN IM EINSATZ

Am Haupteingang zu den Zulieferfirmen sehen wir in das ernste und wenig optimistische Gesicht des Streikpostens. Seine Gewerkschafterjacke hatte er aus Wut über die opportunistische Haltung der gewerkschaftlichen Verhandlungsführer der Fordwerker vor einigen Tagen im Streikfeuer verbrannt. Nun zahlt er keinen Gewerkschaftsbeitrag mehr und steht damit nicht allein im Kreise seiner Kollegen.

Jawohl, es kam zu vereinzelt auch gewaltsamen Konflikten am Werkstor. So berichtet er. Seit über einem Monat sieht er keinen Lohn mehr. Der Ausstand wird von den Gewerkschaften nicht mal mit Streikgeldzahlung unterstützt. Da die Löhne in den Zulieferfirmen viel niedriger als im Ford-Hauptwerk sind, geht es den Familien der Arbeiter der Zulieferfirmen besonders dreckig. Seine älteste Tochter ist 16 Jahre alt, zwei weitere Kinder und seine Frau sowie er selbst müssen durchgebracht werden. Er selbst arbeitet jetzt 22 Jahre in der Firma. Mehr als diese angelernte Tätigkeit hat er nicht gelernt, er verfügt weder über Diplome noch Berufsabschluss. Fliegt er raus, dann zahlen sie ihm ganze 6 Wochen Lohn noch in der Kündigungsfrist, wobei er sich auch in diesen 6 Wochen seinen Lohn schließlich selbst hart erarbeitet. Die Entlassungsprämie wären 3600 Euro, zur Hälfte besteuert und angerechnet auf das Arbeitslosengeld. In seinem Alter ist er dann vor Ort erledigt und wird wohl nirgendwo rasch eine neue Arbeit finden können.

Die Verbitterung steht dem türkischen Kollegen tief ins Gesicht geschrieben. Bis 2020 sollten die Arbeitsplätze sicher sein, so die wiederholten Zusagen von Ford Genk bis Ende 2012. Diese Zusagen wurden von den gewerkschaftlichen Verhandlungsführern der Ford-Direktion gegen 12% Lohnverzicht der Arbeiter im Hauptwerk abgerungen. Nun will Ford Ende 2014 das Werk schließen. Und die gewerkschaftlichen Verhandlungsführer lassen sich bei staatlicher Vermittlung auf die in aller Eile und völlig ohne ausreichende Diskussionszeit stattfindende Abstimmung der Ford-Betriebsangehörigen über jene drei faulen Kompromissvorschläge ein und würgen damit die Streikfront der Fordwerker ab, verraten außerdem völlig die Interessen der Arbeiter in den Zulieferfirmen. Da war das Maß voll. Auf solche Gewerkschaften und solche gewerkschaftlichen Verhandlungsführer kann jeder arbeitende Mensch verzichten, dafür zahle man doch wohl nicht auch noch monatliche Beiträge, um Verräter zu bezahlen!

Wir Gewerkschafter von ABVV und ACV fragen freundlich nach, wer denn die Aktionen der Arbeiter der Zulieferbetriebe nun leitet, wenn es nicht die dafür eigentlich vorgesehenen gewählten Gewerkschaftsvertrauensleute sind. Antwort: „Wir haben unser eigenes Aktionskomitee gewählt. Dort wird beschlossen, wie es weitergeht. Möglicherweise müssen wir morgen die Arbeit wiederaufnehmen, denn aus Brüssel ist die belgische Föderalpolizei im Anmarsch und will hier gewaltsam die Zugänge räumen. Dann haben wir wohl keine Chance mehr, zumal die Hälfte Zeitarbeitskräfte sind, welche sich an den Aktionen nicht und am Streik schon mal gar nicht beteiligen können. Wir werden jedoch nicht aufgeben, sondern weiterkämpfen, auf die eine oder die andere Art."

GELDSTRAFEN STATT MENSCHENRECHT AUF LOHN UND BROT

Ob schon jemand die 1000 Euro Geldstrafe zahlen musste, die bei Teilnahme an den Blockaden laut Gerichtsbeschluss zu zahlen sind, wird gefragt. Allgemeines Gelächter der gewerkschaftlichen Gäste und beim Streikposten: „Dann müssen sie uns alle einsperren. Wir zahlen doch nicht für unser gutes Menschenrecht, dass wir unsere Arbeitsplätze und unsere Löhne verteidigen. Wie sollen wir denn bitte sonst unsere Familien durchbringen?"

Es wird gefragt, wie die Verbindung zu den Fordwerkern im Hauptwerk aussieht. Antwort des Streikpostens: „Sehr schlecht. Dort gehen mittlerweile über 90% wieder brav an die Fließbänder. Sie bewachen allerdings noch den vollen Parkplatz mit den Neuwagen, die Ford zu gerne rausschaffen würde. Dort haben die Gewerkschaftsvertreter das Sagen, bei uns haben wir es selbst in die Hände genommen. Wir lassen uns von niemandem betrügen und haben nichts zu verlieren, nicht mal einen Sozialplan, so etwas gibt es nur im Hauptwerk."

Wir trinken den angebotenen Kaffee aus. Nirgendwo Bierdosen oder ähnliche Spuren von alkoholischen Getränken, hier arbeiten fast ausschließlich Moslems, das heißt Arbeiter türkischer und marokkanischer Herkunft. „Wir mussten ganz schön büffeln, um die Amtssprache Flanderns zu erlernen und am Arbeitsplatz nur niederländisch reden zu können", so der Streikposten lächelnd. „Anfangs stellten sie noch jeden ein, egal woher, Hauptsache bereit zu arbeiten für wenig Lohn. In den letzten Jahren müssen auch bei Einstellungen die Niederländischkenntnisse ausreichend vorhanden sein. Ob uns dies allerdings weiterhilft, wenn wir demnächst hier vor die Tür gesetzt werden, ist nicht gewiss."

SOLIDARITÄT DER PVDA BEEINDRUCKT DIE KÄMPFENDEN ARBEITER

Da der Kaffee beim Streikposten der Zulieferfirmen von keinem Sponsor geliefert wird, griffen wir abschließend beherzt zu unseren Brieftaschen und zahlten in den Spendenkarton ein. Sehr herzlich verabschiedete sich der türkische Kollege von uns: „Die PVDA hat hier übrigens einen sehr guten Ruf. Bei der nächsten Wahl habt Ihr hier sicherlich doppelt so viele Wählerstimmen unter den Kollegen, geht es für die SP.a weiter bergab. Auch wenn es in Belgien keine Demokratie gibt. Das ist hier genauso wie in der Türkei, die großen Bosse haben das Sagen und alle Rechte. Das ist die Diktatur der Konzernherren, der Aktionäre. Eure Losung, Finger weg von meinem Job, hängt bei uns hier am Fenster, Genossen."

Wir wünschen dem Arbeiter weiterhin viel Kraft und versichern, dass jedem kämpferischen Arbeiter unsere volle Solidarität gehört. Wobei wir uns den gewerkschaftlich organisierten Kampf wünschen, denn nur Einigkeit macht stark. Wir begreifen jedoch, dass gewerkschaftliche Verhandlungsführer auf jeden Fall die Forderungen der Arbeiter vertreten müssen und sich nicht kleinkriegen lassen dürfen. Und wir werden mitnehmen, was er uns vermittelt hat, um es den Gewerkschaftern am Haupttor von Ford Genk zu berichten.

ABVV: DIE SPALTER LEISTEN IHRE SCHMUTZIGE ARBEIT

Am Haupttor von Ford Genk empfängt uns eine Gruppe Gewerkschafter der ABVV, welche der SP.a nahesteht. Gerade kommt ein LKW mit einer Sachspende, die aus Getränken in Dosen besteht. Wir helfen beim Abladen, während das Streikfeuer für uns angefacht wird. Dann berichten wir von unseren Eindrücken beim Streikposten der Zulieferfirmen. Ein angesehener Gewerkschaftsvertrauensmann der ABVV reagiert grimmig: „Die sind dort völlig durchgeknallt. Kollegen, die die Arbeit aufnehmen wollten, wurden gewaltsam am Betreten des Betriebsgeländes gehindert. Das geht nicht. Wir hatten die Abstimmung mit 53 gegen 47 Prozent, und das müssen sie auch bei den Zulieferfirmen respektieren. Es muss doch respektiert werden, was die Mehrheit entscheidet. Auch wenn die Abstimmung nicht so gelaufen ist, wie wir Vertrauensleute dies abgesprochen hatten. Das war schon eine faule Sache."

Ich lese an der Wand im roten Zelt der ABVV von jener Zusage der Ford-Werksleitung, bis 2020 die Arbeitsplätze gegen 12% Lohnverzicht zu garantieren. War dies nicht der ursprüngliche mehrheitlich getragene Kompromiss seitens der Fordwerker?

„Nun ja, wir alle wissen ja, was daraus geworden ist", so der Vertrauensmann weiter. „Man muss realistisch bleiben. Die Frauen machen Druck, die Menschen müssen die Mieten zahlen. Und wir leisten uns derzeit als Gewerkschaften die besten Anwälte Belgiens, selbst die flämische Regierung stellt uns ihre besten Anwälte und Juristen zur Seite. Und wenn die Mehrheit arbeiten will, dann muss sie die Arbeit aufnehmen können. Jetzt stehen sie an den Bändern und können kaum was tun, also sind die angebotenen wöchentlichen Zielprämien schon mal bis jetzt futsch. Tausende wollen wieder arbeiten und können es nicht, weil Dutzende sie daran hindern."

ACV: GUTES VERHANDLUNGSERGEBNIS, SONST BEHALTEN WIR DIE NEUWAGEN EIN

Auch die ACV-Gewerkschafter setzen auf weitere gewerkschaftliche Verhandlungen und juristische Schritte anstelle entschlossener weiterer Kampfmaßnahmen der Fordwerker und der Arbeiter der Zulieferbetriebe, möglichst gemeinsam und koordiniert. „Das sind nun mal selbständige Firmen, die zwar vom Fordwerk abhängen, aber nicht auf Paketverhandlung für alle bestehen können. Geht rechtlich nicht, da macht das Gesetz nicht mit. Hier hoffen jetzt fast alle auf noch ausstehende gute Verhandlungsergebnisse beim Sozialplan, denn mit diesem Abstimmungsergebnis ist es bei weitem nicht getan. Die Abstimmung, oh ja, das war ein ganz faules Ding."

Kaffee und Kaffeemaschine sind gesponsert in der warmen Streikpostenbaracke der ACV. An der Wand prangt auch eine Losung der PVDA „Finger weg von meinem Job!". Wir erfahren von manchen tief sitzenden Vorurteilen der Stammarbeiter im Fordwerk Genk gegenüber den zumeist ausländischen Hilfskräften in den Zulieferfirmen. Die Spannungen zwischen diesen beiden Gruppen von der Werksschließung betroffener Arbeiter nehmen ganz offenbar derzeit rasant zu. Was allen Arbeitern nur schaden kann.

FAZIT: EINKNICKEN DER GEWERKSCHAFTEN HILFT DEN BOSSEN

Auch die Gewerkschafterin der blauen ACLVB sehen wir kurz. Und bei der Rückreise in den Fahrzeugen wird unter uns Genossen noch heftig diskutiert. Wir sind uns einig, dass insbesondere die hauptamtlichen Gewerkschaftsfunktionäre dafür verantwortlich zu machen sind, dass die Arbeiter von und bei Ford am Ende einer ersten Welle des Kampfes um ihre Arbeitsplätze jetzt eher resigniert, enttäuscht und bangend in die Zukunft blicken.

Die Maßgeblichen der Gewerkschaften haben vor den Bossen gekuscht. Warum wurde nicht die allerorts immer noch sichtbare Hauptforderung der Arbeiter in und bei Ford nach Einlösen der Zusage der Ford-Direktion, bis 2020 Arbeit und Lohn gegen Lohnverlust von 12% zu garantieren, von den gewerkschaftlichen Verhandlungsführern aufrecht erhalten? Hinter dieser Forderung standen auf jeden Fall mehr als Zweidrittel der Arbeiter in und bei Ford. Und Zweidrittelmehrheiten sind notwendig, um einen Streik zu beschließen bzw. um die Fortsetzung eines Streiks zu beschließen. Während nach in Belgien geltendem Streikrecht die einfache Mehrheit ab 50% hinreichend ist, eine Arbeitsunterbrechung zu beenden.

PVDA WEITERHIN SOLIDARISCH MIT DEN FORDARBEITERN

Wir Genossen waren uns auch einig, dass wir den Kampf der Fordwerker und der Arbeiter der Zulieferfirmen weiterhin solidarisch unterstützen werden. Wir beweisen ihnen damit, dass wir weder „Sonntagsnachmittagsrevoluzzer" noch „Eintagsfliegen" sind, sondern die Solidarität mit der Arbeiterklasse für jeden Genossen der PVDA eine Herzenssache darstellt.

Dies ist gegenwärtig umso wichtiger, als in den bürgerlichen Medien Belgiens eine Hetzkampagne gegen uns PVDA-Mitglieder in den Gewerkschaften geführt wird. So schreiben einige Zeitungen dieser Tage von „Linksextremisten der PVDA", die „die Gewerkschaften unterwandern" würden. Immerhin wären 80 Gewerkschaftsvertrauensleute PVDA-Mitglieder und habe sich damit die Zahl der PVDA-Mitglieder unter den gewählten Gewerkschaftsvertrauensleuten im Mai 2012 im Ergebnis der Sozialwahl um gut 50% erhöht. Dass etliche Mandats- und Funktionsträger beispielsweise der opportunistischen SP.a ebenfalls gewählte Vertrauensleute sind, ist für dieselbe Schmierenpresse keinerlei Beachtung wert. Nun ja, alleinige Zielscheibe der Antikommunisten sind und bleiben eben wir Kommunisten!

(Fortsetzung folgt)

siehe auch

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