Aus der Froschperspektive

Theorie. Vom ideologischen Gebrauchswert kulturgeschichtlicher Ausflüge in die Politökonomie: David Graeber und Christina von Braun über Schulden und Geld

Ulrich Irion

In: junge Welt online vom 19.12.2012

http://www.jungewelt.de/2012/12-19/022.php

»So wie ein Schwimmbad für die da ist, die schwimmen wollen, ist eine Erklärung für die da, die glauben wollen«, heißt es in Brechts »Turandot oder Der Kongreß der Weißwäscher«. Gemeint sind damit wohlfeile Erklärungen, mit denen Intellektuelle die Gründe häßlicher gesellschaftlicher Realitäten bemänteln. David Graeber, Großmeister einer vom anarchistischen Freiheitsgedanken inspirierten Ethnologie (in den USA als Anthropologie firmierend), und Christina von Braun, Großmeisterin des liberal-feministischen Universalfeuilletons in Film- und Buchform, haben sich mit historischen Studien höchst aktueller Resultate von Produktions- und Klassenverhältnissen angenommen: Schulden und Geld. Doch Warenproduktion, Kapital und Arbeit, Ausbeutung und Klassen kommen in beiden Büchern kaum vor.

Graeber kritisiert, daß Schuldverhältnisse auf Gewalt beruhen; von Braun feiert - mit ein paar postmodernen Bedenken garniert - das Geld als kulturellen Fortschrittsmotor. Graebers Hoffnung gilt einem »generelle(n) Schuldenerlaß«; »ein Ablaßjahr nach biblischem Vorbild« sei »überfällig, für Staatsschulden wie für Konsumschulden«. Dagegen glaubt von Braun an die Möglichkeit einer »krisenfeste(n) Ökonomie«, sofern nur »Gerechtigkeit, der Glaube ans Geld und der Glaube an die Gemeinschaft« zusammenwirken. Frei nach Brecht, bietet von Braun dem krisengeplagten Kapitalismus eine mit kulturhistorischen Reinigungsmitteln ausgestattete Waschanlage; im Falle Graebers, der subjektiv den Kapitalismus ablehnt und bekämpft, verhält es sich vertrackter mit der letztlich ebenso kapitalismuskonformen theoretischen Leistung.

Beide Autoren sind Vertreter der akademischen Lehre; Graeber ist zudem Vordenker und Aktivist der »Occupy«-Bewegung. Sein Opus kritisiert von hoher moralischer Warte aus die »Moral der Schulden«, man müsse diese zurückzahlen. Er betrachtet Schulden weitestgehend isoliert von Eigentumsverhältnissen; er analysiert sie nicht als Erscheinungs- bzw.

Verlaufsform der Institution Privateigentum, sondern beklagt Jahrtausende währende »Schuldknechtschaft«. Wenngleich Graeber antikapitalistische Aktionen propagiert, ist er - wie seinerzeit von Georg Lukács an Søren Kierkegaard demonstriert - indirekter Apologet kapitalistischer Klassenverhältnisse: Er hält der trostlosen Welt des Kapitalismus sein hehres anarchistisches Ideal individueller Freiheit und gemeinschaftlicher Beziehungen entgegen, um schließlich das bescheidene reformistische Gnadengesuch »Schuldenerlaß« an die Herrschenden zu adressieren.

Folgerichtig huldigt er der idealistischen Fiktion einer Protestbewegung im Namen der - vermeintlich - samt und sonders geplagten 99 Prozent; »Kampf zwischen den Mächten des Lebens und den Mächten des Todes« heißt es mit existentialistischen Anklängen an anderer Stelle. FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher erkannte den ideologischen Nutzen und bejubelte das »Schulden«-Buch als eine »Befreiung«, ja »Offenbarung«.

Geld und Schulden

Von Brauns »Kulturgeschichte« des Geldes hat am Kapitalismus gar nichts Grundsätzliches auszusetzen; ihre Apologetik könnte direkter kaum sein.

Kulturgeschichtlich bedeute das Geld, wie auch das Alphabet, zunehmende Abstraktion von Körperlichkeit (»Exkarnation«). Dabei hätten diesen »Preis« des Geldes vor allem Männer zu entrichten: »Die Kompensation für den männlichen Körper bestand in der rgeistigen Potenzl, die viele rAgentenl in den Dienst der Eigenmacht des Geldes gestellt haben. Da Frauen den Preis dieser symbolischen Kastration nicht zu zahlen hatten (...), haben sie weniger Bedarf nach dieser Kompensation.« Das Geld lasse sich »domestizieren«; hierfür setzt von Braun »eine gewisse Hoffnung auf die Frauen«; ihnen falle es in Folge von »Imaginationen der Gesellschaft über die Frauenrolle« möglicherweise leichter, »ihre Begeisterung für das Geld im Zaum zu halten«. Klassengegensätze spielen hier keine Rolle.

Erster »Ursprung« des Geldes sind, so von Braun, materielle Werte (Edelmetalle, Grund und Boden); den zweiten Ursprung stellt staatliche Autorität dar. Hochspekulativ postuliert die Autorin als dritten Ursprung eine »Opferlogik«. Während diese sich in der engen Verbindung von Geld und Glaube bzw. Theologie fortsetze und noch heute Menschenleben fordere, bilde »Exkarnation« die Voraussetzung für die Vermehrungsfähigkeit des Geldes.

Mehrwert und Akkumulation im Rahmen der Kapitalverwertung haben in einer solchen Deutung von »Beglaubigungsstrategien« nichts zu suchen.

Bedauerlich findet von Braun an der »Eigendynamik« des Geldes eine historisch zunehmend abstrakte Wirkmacht des Geldes über »die« wirtschaftliche und soziale, aber auch körperliche und psychische Realität »des« Menschen. Die »letzte Deckung« des Geldes sei der menschliche Körper: »Unser Glaube ans Geld beruht auf der Tatsache, daß viele Menschen dran glauben müssen, wenn das Geld in eine Krise gerät.«

In so schlechter Allgemeinheit erschöpft sich bürgerliche Ideologie im Gewande postmoderner Kulturkritik. Ähnlich platt fällt die Kritik an der zweiten Form von Deckung aus: der »Inkarnationslogik« moderner Reproduktionsmedizin (»Biokapitalismus«). Versuchen, das Geld abzuschaffen - wann und wo? -, erteilt von Braun unter Hinweis auf totalitäre Konsequenzen eine schulmeisterliche Absage; zudem ignoriere ein solcher »Vorschlag« die »vielen positiven Seiten«: »Das Geld sorgte für die Abschaffung der Leibeigenschaft, durchbrach die strenge Klassenhierarchie des Feudalismus, verhalf vielen Menschen zu erträglichen Lebensbedingungen und gab dem Erfindergeist eine Reihe von (...) Anstößen.« Der euphorische Applaus übertönt den brutalen Sachverhalt, daß täglich weltweit rund 100000 Menschen nicht zum Zwecke der Geldbeglaubigung verhungern, sondern weil sie kein Geld für Nahrungsmittel haben. »Krise« des Geldes als Erklärung solchen Elends ist exemplarisch für zeitgemäße Weißwäscherei.

Eine zentrale These Graebers lautet, Schulden und Geld seien im alten Mesopotamien im selben Augenblick entstanden: »Was wir heute virtuelles Geld nennen, war zuerst da. Die Münzen kamen viel später.« Er versucht, den »Gründungsmythos der Wirtschaftswissenschaften« zu widerlegen, auf primären Tauschhandel seien historisch das Geld und erst später der Kredit gefolgt.

Gemäß dieser auf Adam Smith zurückgehenden Lehre wäre ein der menschlichen Natur entspringender Drang, Handel zu treiben, grundlegend für die Entstehung des Geldes. Laut Graeber sprechen jedoch sämtliche ethnologischen Befunde gegen die Universalität des Tauschhandels; so finde dieser in der Regel nicht innerhalb einer Dorfgemeinschaft statt.

Historisch primär ist gemäß Graebers These der Kredit; improvisierte Kreditsysteme seien viele tausend Jahre älter als die Erfindung des Münzwesens. Märkte hingegen seien erst durch das Entstehen von Staaten erzeugt worden.

Gewalt und Moral

Graeber setzt anthropologisch ein »Gefühl für Moral und Gerechtigkeit« voraus, das im Zusammenleben von Menschen zum Ausdruck komme. Doch schon seit Jahrtausenden würden, so Graeber, menschliche Beziehungen durch Gewalt und deren Androhung in mathematische Gleichungen »verwandelt«. Moralisch legitimiert seien solche gewaltbasierten Beziehungen durch die Gleichsetzung von Schulden und moralischer Schuld. So entstehe eine »tiefe moralische Verwirrung«, insofern die Mehrheit der Menschen gleichzeitig Rückzahlung als ein moralisches Gebot, jedoch regelmäßiges Geldverleihen als verwerflich betrachte.

Nur wenn man diese Vorentscheidung für eine kraß individualisierende Betrachtungsweise der Schuldenproblematik berücksichtigt, wird verständlich, weshalb die grundlegende Institution des Privateigentums (an Grund und Boden, Gütern jeglicher Art, Produktionsmitteln) bei Graeber ebenso wie die Klassenverhältnisse allenfalls beiläufig gestreift werden: Anarchisten reduzieren Herrschaft von Menschen über Menschen notorisch auf die von sachlichen Verhältnissen abstrahierende Pseudo-Elementarform persönlicher Relationen zwischen Individuen. Der Begriff der Ware - die Relation von Gebrauchs- und Tauschwert und die Geldware als allgemeine Äquivalentform - ist ihnen keiner Diskussion wert. »Geld«, so Graeber in moralisch vibrierendem Ton, »bedeutete für die Mehrheit der Menschen den größten Teil der Geschichte hindurch: die erschreckende Aussicht, daß die eigenen Söhne und Töchter in die Häuser abstoßender Fremder verschleppt wurden, für die sie putzen mußten und denen sie von Zeit zu Zeit sexuell zu Diensten waren«.

Die »Logik« des Geldes, Beziehungen zu anderen Menschen einer Kosten-Nutzen-Analyse zu unterziehen, wurde laut Graeber zum Wesensmerkmal des modernen Kapitalismus; der brachte - mit Rückendeckung von Staaten und Armeen - rund um das Geld organisierte Machtstrukturen hervor. Dieser Blickwinkel hat die naive Empfehlung, dem Schuldverhältnis als solchem die Gefolgschaft aufzukündigen, zur folgenlosen Konsequenz: »Wir sollten alle reinen Tisch machen, unsere überkommene Moral über Bord werfen und einen Neuanfang wagen.«

Von Braun erläuterte in einem Interview ihre zynische Formel, in der gegenwärtigen Finanzkrise müßten im Sinne moderner Geldbeglaubigung durch das Opfer mit Arbeitslosigkeit, Wohnungsverlust und sozialer Ausgrenzung »einige dran glauben«. Auch sie reduziert gesellschaftliche Verhältnisse auf Individuen: profitinteressierte Subjekte und stimmberechtigte Bürger als Resultat der Aufklärung. Die Verbindung zwischen Schuld im moralischen und Schulden im ökonomischen Sinn wird für von Braun nicht durch Gewalt, sondern durch Religion hergestellt - etwa »Schuld gegenüber der Schöpfung«.

Daß solche Fiktionen schlicht Herrschaftsmittel sein könnten, zieht sie nicht einmal in Erwägung. Lieber spürt sie den theologischen Finessen von Zinsverbot und dessen Umgehung nach, spekuliert - in Anlehnung an Max Weber - über die Entsprechung von protestantischer Ethik und abstraktem, unkörperlichem, »nominalistischem« Geld als »Zeichensystem«. Von Brauns moralische Bedenken lassen sich zwanglos als Unbehagen angesichts allzu ungleicher Verteilung monetärer Mittel und die ebenso nebulöse wie unverbindliche Empfehlung sozialer Gerechtigkeit zusammenfassen und münden in die ebenso nebulöse wie unverbindliche Empfehlung sozialer Gerechtigkeit; diese soll freilich dem kränkelnden Glauben ans Geld aufhelfen.

Kapitalismus und Staat

Graeber betont, das Münzprägerecht sei überall von Staaten monopolisiert worden, so auch im Fernen Osten. Von dieser frühen Entwicklungsstufe bis zur Gegenwart liegt der Fokus auf dem behaupteten zyklischen Wechsel zwischen Wirtschaftsordnungen, die angeblich auf persönlich vertrauensvollem Kredit, »sozialen Währungen« und »moralischen Netzwerken« beruhen, und solchen, die »durch Einmischung der unpersönlichen und oft rachsüchtigen Staatsmacht« auf Münzgeld und Zinsen gegründet sind.

Graeber findet bemerkenswert, daß »fast alle Bestandteile des finanziellen Apparats, die wir mit dem Kapitalismus verbinden - Zentralbanken, Anleihenmärkte, Leerverkäufe, Brokerfirmen, Spekulationsblasen, Verbriefung, Renten - (...) vor der Entstehung der Fabriken und der Lohnarbeit« entwickelt worden seien. Also sei, schlußfolgert Graeber - auf marxistische Erklärungen anspielend -, der Überbau zuerst dagewesen. Er verkennt völlig, daß es Marx nicht um eine historische Aufeinanderfolge, sondern um die Logik der Produktion und Verwertung von Kapital ging.

Ursprüngliche Akkumulation, die Ware, wertschöpfende Arbeit, doppelt freie Lohnarbeit im Sinne der »Freiheit« von Produktionsmitteln und der Vertragsfreiheit kommen im »Schulden«-Buch nicht vor: »Wenn wir den Beginn der Entwicklung im Jahr 1700 ansetzen, stoßen wir in der Entstehungszeit des modernen Kapitalismus auf einen gigantischen Finanzapparat von Kredit und Schulden, der in der Praxis dazu dient, aus fast allen Menschen, die mit ihm in Berührung kommen, mehr und mehr Arbeitskraft (wohl ein Übersetzungsfehler; im Original: »labor«) herauszupumpen und damit eine endlos anwachsende Menge materieller Güter zu produzieren.« Für diese »Mobilisierung« von »Körperkraft« ist - in Graebers fast monomanischer Schuld- und Schuldenzentrierung - konsequenterweise nicht etwa die Notwendigkeit des Überlebens in einer warenproduzierenden Gesellschaft ursächlich, sondern wiederum »moralischer Zwang«.

Ebenso kurios ist die These, es sei der geheime Skandal des Kapitalismus, daß er nie hauptsächlich auf der freien Lohnarbeit beruht habe. Als Beleg führt er Sklaverei, Schuldknechtschaft sowie die Vertragsknechtschaft weißer Plantagenarbeiter an. Aus solch positivistischer Froschperspektive hätte Marx nur ein idealtypisches Modell des Kapitalismus entworfen: »Was alle Welt zu übersehen scheint, ist die hypothetische Natur seiner Analyse.

Marx wußte sehr wohl, daß die Zahl der Schuhputzer, Prostituierten, Butler, Soldaten, Hausierer, Schornsteinfeger, Blumenfrauen, Straßenmusikanten, Häftlinge, Kinderfrauen und Kutscher die der Fabrikarbeiter um ein Vielfaches überstieg. Er behauptete nie, die Welt sehe wirklich so aus.« Graebers groteske Schlußfolgerung lautet, freie Lohnarbeit, die ohnehin der Sklaverei ähnele, sei nicht für die Mehrheit der Menschen realisiert; ebensowenig ein universeller Weltmarkt; der ganze Kapitalismus sei eine Utopie und beginne gegenwärtig, sich aufzulösen.

Graeber ignoriert Marx' Kritik der Produktions- als Eigentumsverhältnisse komplett; er beklagt mit moralischem Tremolo, »daß einige Wenige das produktive Kapital kontrollieren«. Gegen die kapitalistische Akkumulation selbst, als deren allgemeines Gesetz Marx »Pauperisierung«, Verarmung, also die Produktion einer Masse von Schuhputzern usw. bestimmte, hat Graeber keinen Einwand; wohl aber gegen die »falsche, ja sogar abwegige« Freiheitsvorstellung des Kapitalismus, die Freiheit mit Macht bzw.

Verfügungsgewalt identifiziere. In diesem Zusammenhang streift er das Privateigentum, das wiederum unversehens individuell gefaßt wird.

Paradigmatisch sei schon im römischen Recht die Freiheit des Sklavenhalters, mit seinem Eigentum nach Belieben zu verfahren. Nicht weiter verwunderlich ist dann, daß Graeber Lohnarbeit weitgehend mit Sklavenarbeit gleichsetzt.

Wie von Braun zeigt er sich keineswegs an der Frage interessiert, wie die finanzkapitalistische Geldvermehrung funktioniert. Ähnlich abstrakt bleibt die Darstellung der letzten rund 500 Jahre, die Graeber als »Zeitalter kapitalistischer Imperien« zusammenfaßt. Hier erwartet den Leser mitnichten eine Bestimmung dessen, was Staaten ausmacht, was ihre Ziele und Mittel sind oder worin sie sich unterscheiden. Statt dessen scheint sich in diesem Zusammenhang Gewalt vom Mittel des Schuldeneintreibens zum Zweck des Schuldenmachens zu wandeln: »Staaten leihen sich Geld, um Kriege zu finanzieren. Das gilt heute genauso wie im 16. Jahrhundert (...). Mit der Gründung der Zentralbanken wurde die Verschmelzung der Interessen von Kriegsherren und Geldgebern (...) dauerhaft institutionalisiert.« Graeber sieht in dieser »Interessengemeinschaft« die Grundlage des Finanzkapitalismus. Mit dem Ende der Goldbindung des globalen Finanzsystems und mit der Monetarisierung von Staatsschulden insbesondere der USA sei die ganze Welt zu einer »gewaltige(n) Schuldenmaschine« geworden; die eigentliche Frage sei gegenwärtig, »wie wir die Maschine ein wenig drosseln und eine Gesellschaft schaffen können, in der die Menschen weniger arbeiten und mehr leben können«.

Solcher »Slow down«-Empfehlung ist Christina von Braun gänzlich abhold. So kritisiert sie beispielsweise an Friedrich von Hayek, der marktradikal für eine Entnationalisierung des Geldes plädierte, ihm entgehe der - selbstredend vom »Opfer« abgeleitete - Zusammenhang von staatlicher und monetärer Glaubwürdigkeit.

Gemeinschaft und Kommunismus

Von zentraler Bedeutung für von Brauns ideologische Nützlichkeit ist das Verhältnis von Geld und dem, was sie mit harmonieinteressiertem Unterton nicht Gesellschaft, sondern »Gemeinschaft« nennt. Unter verfälschender Bezugnahme auf Marx, der das Geld nüchtern als »das reale Gemeinwesen« erklärte, als Größe, die alle Lebensbedingungen der Menschen regiert und ruiniert, betätigt sich von Braun als Gesundbeterin in der aktuellen Krise: »Auf der einen Seite zerstörte das Geld die Gemeinschaft der Gabe und der Reziprozität, auf der anderen Seite wurde es aber auch selbst zu einem mächtigen Band der Gemeinschaftsbildung.« Dies zeige das Beispiel der Euro-Krise im Jahr 2011: »Das Problem der europäischen Währung, so sagt André Orléan, besteht darin, daß die Gemeinschaft selbst keine Glaubwürdigkeit ausstrahlt.« Doch am Ende ihres Buches triumphiert zumindest ideell ein an Goethes »Faust« sittlich gereiftes »Wir«, das an die Gemeinschaft glaubt.

Graebers idealistische, ja absurde Bestimmung dessen, was er begeistert »elementaren Kommunismus« nennt, verhält sich in ihrer Harmlosigkeit zu solcher Glaubensempfehlung komplementär. Hintergrund dieses Konstrukts ist eine Fülle ethnologischer Befunde, die eine - und sei es noch so fragmentarische und widersprüchliche - Verwirklichung »humaner Ökonomie« belegen sollen. Deren Wesensmerkmal sei, daß der einzelne nicht austauschbar sei, die Beziehungen zwischen den Individuen wechselseitig seien. Auch wenn es sich um Tauschsysteme handle, könne Geld in solchen Ökonomien eine Person nicht ersetzen.

Aus der Betrachtung überschaubarer sozialer Strukturen ohne nennenswerte Arbeitsteilung und Entwicklung von Produktivkräften saugt Graeber den tröstlichen Honig seines Kommunismuskonstrukts. Solche Gemeinschaften beruhen, anarchistisch ausgedeutet, auf Liebe und Freundschaft; vor- und außerkapitalistische Tauschsysteme auf Geben und Nehmen; im englischen Mittelalter herrschte ein »Ethos gegenseitiger Hilfe«, das sich im Markt fortsetzte. »Die Gesellschaft wurzelte in der rLiebe und Freundschaftl von Freunden und Verwandten und fand ihren Ausdruck in all den Formen des alltäglichen Kommunismus, die dieser Zuneigung entsprangen: Man half den Nachbarn bei der Arbeit und versorgte alte Witwen mit Milch und Käse.«

Zerstört wurde dieses Idyll nicht durch den beispiellosen Siegeszug der Bourgeoisie, die Kredit aufnahm, um mittels ausbeuterischer Mehrwertproduktion Geld zu vermehren - zerstört wurde es in Graebers Sicht durch »neuzeitliche Einrichtungen« zugunsten der »Ansprüche der Gläubiger«, die heute im US-amerikanischen »Schuldenimperialismus« (Michael Hudson) und den Machenschaften des Internationalen Währungsfonds gipfeln. Graeber sieht wohl, daß dieses System der Schulden auf militärischer Macht basiert.

Er erkennt jedoch nicht den ökonomischen Primat der Institution Privateigentum, die in Europa von der Antike bis heute, aber auch weltweit von und mittels staatlicher Gewalt durchgesetzt und aufrechterhalten wurde.

Nicht die daraus resultierende Mehrwertproduktion, sondern »Schuldknechtschaft« ist für Graeber »nach wie vor die wichtigste Methode zur Nutzung der Arbeitskraft«. So lautet denn sein anarchistischer Appell: »Fassen wir den Kommunismus als ein moralisches System auf und weniger als eine Frage der Eigentumsverteilung, wird schließlich noch klar, daß diese Art der Moral bis zu einem gewissen Grad bei jeder Transaktion im Spiel ist - auch bei Geschäften.«

Karl Marx hätten angesichts solcher Absurdität wohl die Haare zu Berge gestanden. Seine Kritik zielte weder auf eine erlösende Moral noch auf Umverteilung von Eigentum, sondern auf dessen Abschaffung zugunsten einer rational geplanten Produktion von Gebrauchswerten. David Graeber anerkennt, ja legitimiert mit seiner falschen Doktrin, auch im Kapitalismus sei Schuldknechtschaft primär, indirekt die staatlicherseits vorgegebene Eigentumsordnung. Und Christina von Braun will, daß alles bleibt, wie es ist; aber bitte mit Sahne; pardon - mit Glauben ans liebe Geld... Bleibt nur noch zu fragen: Für wen steht eigentlich das von beiden »Weißwäschern« notorisch locker verwendete »Wir«?

Bibliographische Angaben

- David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Stuttgart 2012, 536 S., 26,95 Euro

- Christina von Braun: Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte, Berlin 2012, 510 S., 34 Euro

Ulrich Irion hat in Philosophie promoviert und lebt als Publizist in Köln

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