Bedingt Partei ergriffen

Der 26. Journalistentag der dju entlarvte Neutralität als Illusion. Schwachpunkte: Eine Bibelstunde und ein Podiumsgast, der Hetzparolen gegen Griechenland verteidigte

Claudia Wangerin

In: junge Welt online vom 29.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-29/003.php

Rund 200 Teilnehmer sollten am Samstag beim 26. Journalistentag in Berlin über ein angebliches Zitat des verstorbenen Tagesthemen-Moderators Hanns Joachim Friedrichs diskutieren, das in der Branche seit Jahren ein geflügeltes Wort ist: »Einen guten Journalisten erkennt man daran, daß er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache«, soll Friedrichs 1995 in einem Spiegel-Interview gesagt haben. An den Originaltext mußte am Samstag in der Berliner Zentrale der Gewerkschaft ver.di ein Filmbeitrag der Lehrredaktion 50A der Deutschen Journalistenschule in München erinnern: »Das hab' ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.« Unabhängig von den Worten des Tagesthemen-Moderators war das Motto des Tages »Gemein machen. Partei ergreifen - Sollen wir das? Dürfen wir das? Oder müssen wir das?«.

Der stellvertretende ver.di-Chef Frank Werneke fragte: »Müssen Journalisten nicht denen eine Stimme geben, die sonst keiner hört? Ist es nicht vielleicht sowieso unmöglich, neutral zu berichten?« In Zeiten der schnellen Verbreitung von Nachrichten im Internet müsse die Zeitung Hintergründe aufzeigen und Themen abseits des Mainstreams bieten, so Werneke. Das bedeute, auszuwählen - und somit Partei zu ergreifen. Aber auch, Zeit und Geld für Qualitätsjournalismus aufzuwenden. Eine weitere steuerliche Privilegierung von Zeitungen und Zeitschriften müsse aber »zwingend mit einem Kontrakt für Qualität und Fairneß im Journalismus einhergehen«. Dazu gehörten Redaktionsstatute, Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie die Einhaltung von Mindestvergütungsregeln für freie Journalisten. Eine differenzierte Presseförderung stoße in der BRD aber an verfassungsrechtliche Grenzen. Statt einzelner Titel könnten Rechercheprojekte gefördert werden.

Wie oft Recherche durch Zitate von »Experten« ersetzt wird, machte der Volkswirtschaftsprofessor Sebastian Dullien deutlich: »Das Problem ist, daß diese Experten alles andere als unabhängig sind«. Er forderte auf, zu recherchieren, woher Professoren Drittmittel für ihre Forschung beziehen und in welchen Aufsichtsräten sie sitzen. Als Beispiel nannte er den oft zitierten Präsidenten des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, der knapp zehn Jahre im Aufsichtsrat der Hypo-Vereinsbank saß und 2003 das Buch »Ist Deutschland noch zu retten?« veröffentlichte.

Darin schilderte er ein Land mit ausuferndem Sozialstaat und trüben Zukunftsaussichten, weil die Löhne viel zu hoch und die Gewerkschaften zu stark seien. Sinn favorisierte Lohnkürzungen von 20 bis 25 Prozent.

Gleichzeitig wurde Deutschland Exportweltmeister. Dullien betonte, Journalisten, die neutral berichten wollten, hätten zu dieser Debatte beigetragen, indem sie Sinn als Experten aussuchten. Wer dagegen vom Mainstream abweiche, sei einem stärkeren Legitimationsdruck ausgesetzt.

Einen leidenschaftlichen Appell richtete die Generalsuperintendentin der Evangelischen Kirche in Berlin, Ulrike Trautwein, an die Mitglieder der Deutschen Journalistinnen- und Journalistenunion (dju) in ver.di. »Warum macht ihr euch nicht endlich gemein mit der gerechten Sache?«, fragte sie und las lange Passagen aus der Bibel über den Einsatz für die Armen und Schwachen vor. Nachdem mehrere Zuhörer den Saal verlassen hatten, meldete sich ein Redakteur zu Wort und bezeichnete die Evangelische Kirche als »zweitgrößte Lohndrückerorganisation im Sozialbereich«, von der er solche Appelle nicht hören wolle. Trautwein räumte ein, die Kirche mache »einen zu großen Heiligenschein um ihren Dritten Weg«. Die Referentin beklagte aber auch »Polemik« von ver.di-Vertretern.

Für den Erhalt der Frankfurter Rundschau verabschiedeten die Teilnehmer des Journalistentags einstimmig eine Resolution.

Wohlwollende Lacher erntete der frühere Lokalchef des Schwabacher Tagblatts und Gesellschaftsreporter der Nürnberger Nachrichten, Klaus Schrage, als er darüber referierte, ob sich Lokaljournalisten mit ihrer Region gemein machen müssen, um in der Provinz zu überleben. Dort lerne man schnell, daß nach einem Konzert des Männergesangsvereins »Meisterhafte Interpretation« immer die richtige Überschrift sei, »Schlecht gesungen« dagegen nicht.

»Manchmal hilft einem Ironie weiter«.

Bei einer Podiumsdiskussion mit Thomas Walde vom ZDF-Hauptstadtstudio und der Chefredakteurin der Stiftung Warentest, Anita Stocker, konnte der stellvertretende Bild-Chefredakteur Nikolaus Blome unter anderem die Schlagzeile »Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen« verteidigen.

Der Redaktion sei das wichtig gewesen, betonte er. Es sei nicht ums Geld gegangen, da politische Schlagzeilen sich unterdurchschnittlich verkaufen.

Während der dju-Moderator Uli Röhm sich an dieser Stelle zurückhielt, fragte ein Münchner Journalistenschüler, ob solche Überschriften dann besonders aggressiv formuliert würden, um den Verkauf zu fördern. Blome gab zu, der Druck sei diesbezüglich groß.

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