»Für die Völker des Südens hat der dritte Weltkrieg längst begonnen«

Der deutsche Faschismus brauchte sechs Jahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen. Der Neoliberalismus schafft das locker in gut einem Jahr. Ein Gespräch mit Jean Ziegler

Peter Wolter

In: junge Welt online vom 08.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-16/053.php

Der Schweizer Jean Ziegler war der erste UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und ist heute Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrates.

Wir lassen sie verhungern« heißt Ihr neues Buch - Untertitel: »Massenvernichtung in der Dritten Welt.« Wer ist verantwortlich dafür, daß Millionen Menschen jedes Jahr verhungern?

Der »World Food Report« der UN sagt: Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, 57000 Menschen jeden Tag. Von den sieben Milliarden Menschen, die es heute auf der Welt gibt, ist ein Siebtel permanent schwerstens unterernährt. Zugleich stellt der Report aber fest, daß die Weltlandwirtschaft nach dem heutigen Stand der Produktivkräfte problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren kann. Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten gibt es heute keinen objektiven Mangel mehr - das Problem ist nicht die Produktion, sondern der Zugang zur Nahrung. Und der hängt von der Kaufkraft ab - jedes Kind wird ermordet, das während unseres Gesprächs verhungert.

Wer also sind die Herren dieser kannibalischen Weltordnung? Da möchte ich zunächst die zehn größten multinationalen Konzerne nennen, die 85 Prozent der weltweit gehandelten Lebensmittel kontrollieren - sie entscheiden jeden Tag, wer ißt und lebt, wer hungert und stirbt. Ihre Strategie ist die Profitmaximierung.

Können Sie Namen nennen?

Die US-Firma Cargill Incorporated hat vergangenes Jahr 31,8 Prozent des weltweit gehandelten Getreides kontrolliert, die Dreyfus Brothers 31,2 Prozent des Reises. Ich will kurz die vier wichtigsten Mechanismen identifizieren, die den Hunger verursachen.

Zunächst wäre da die Börsenspekulation mit Grundnahrungsmitteln. Der internationale Banken-Banditismus hatte 2007/2008 an den Finanzbörsen rund 85000 Milliarden Dollar Vermögenswerte vernichtet. Seitdem sind die meisten Hedgefonds und Großbanken auf die Rohstoffbörsen umgestiegen, vor allem auf Agrarprodukte. Wie gehabt wird auch auf diesem Sektor weiter mit Derivaten, »Short Selling« und anderen legalen Finanzinstrumenten gehandelt, um mit Reis, Mais und anderem Getreide astronomische Profite einzufahren. Mais z.

B. ist auf dem Weltmarkt in den vergangenen zwölf Monaten um 63 Prozent teurer geworden, die Tonne Weizen hat sich auf 272 Euro verdoppelt, der Preis für philippinischen Reis ist regelrecht explodiert: von 110 auf 1 200 Dollar.

Das können in der Dritten Welt aber nur wenige bezahlen ...

Laut Weltbank müssen 1,2 Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag leben - sie hausen in den Slums der Welt: in Manila, Karatschi, Mexiko-Stadt, Sao Paulo usw. Von dieser winzigen Summe müssen Mütter ihre Kinder ernähren - wenn die Lebensmittelpreise explodieren, verhungern sie.

Ein zweiter mörderischer Mechanismus ist der zunehmende Einsatz von Agrar-Treibstoffen. Alleine in den USA wurden 2011 aus 138 Millionen Tonnen Mais und Hunderten Millionen Tonnen Getreide Biomethanol und Biodiesel hergestellt. Das Land verbraucht jeden Tag das Äquivalent von 20 Millionen Barrel (158 Liter) Erdöl - zwischen Alaska und Texas werden aber nur acht gefördert. Zwölf müssen eingeführt werden, aus Irak, Nigeria, Zentralasien, Saudi-Arabien und anderen gefährlichen Ländern.

Das bedeutet, daß die USA unglaubliche Summen für ihr Militär ausgeben müssen, Obama will daher fossile durch vegetale Energie ersetzen. Aber Hunderte von Millionen Tonnen Nahrungsmitteln auf einem Planeten zu verbrennen, wo alle fünf Sekunden ein Kind verhungert, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Und der dritte Mechanismus?

Das ist die Überschuldung der ärmsten Länder. Von den 54 Staaten Afrikas sind 37 reine Agrarstaaten mit meist geringer Produktivität. Sie haben kein Geld, um in Bewässerung, Agrartechnik oder Dünger zu investieren. Nur 3,8 Prozent der Fläche Schwarzafrikas ist bewässert - auf dem Rest wird Regenlandwirtschaft wie vor 5000 Jahren betrieben.

In einem normalen Jahr - ohne Krieg, Dürre oder Heuschrecken - wird in der Niger/Sahel-Zone durchschnittlich 600 bis 700 Kilogramm Getreide pro Hektar geerntet. In Baden-Württemberg hingegen sind es 10000 Kilogramm. Der deutsche Bauer ist nicht fleißiger oder klüger als sein afrikanischer Kollege - im Unterschied zu ihm hat er aber Mineraldünger, selektiertes Saatgut, Bewässerung, Traktoren etc. Dem afrikanischen Bauern kann auch sein Staat nicht helfen - der hat nämlich nur Schulden.

An diesem Punkt kommen öffentliche Finanzinstitute wie die Weltbank oder die Europäische Entwicklungsbank ins Spiel. Die sagen diesen Staaten: Baut Eure Schulden dadurch ab, daß Ihr das Ackerland Hedgefonds und Investoren überschreibt. »Landgrabbing« nennt sich das, alleine in Afrika waren es im vergangenen Jahr 41 Millionen Hektar. Diese Investoren haben Kapital, Technik, Transportmittel und Handelsbeziehungen. Sie pflanzen auf diesem Land dann Produkte an wie Avocados, Südfrüchte, Kaffee etc - für den Export nach Europa oder Nordamerika. Für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung bleibt nichts übrig.

Einen vierter Mordmechanismus ist das Agrardumping. Auf jedem afrikanischen Markt können sie heute frisches Gemüse, Geflügel und Früchte aus Italien, Frankreich oder Deutschland kaufen, je nach Saison um die Hälfte oder ein Drittel billiger als gleichwertige einheimische Erzeugnisse. Ein paar Kilometer weiter rackert sich der afrikanische Bauer mit Frau und Kindern in brüllender Hitze ab und hat nicht die geringste Chance, auch nur das Existenzminimum für seine Familie zu erwirtschaften.

Das, was die Kommissare in Brüssel anrichten, ist abgrundtief verlogen: Durch ihre Dumpingpolitik fabrizieren sie den Hunger in Afrika - und wenn die Hungerflüchtlinge sich nach Europa retten wollen, werden sie mit militärischen Mitteln brutal ins Meer zurückgeworfen, wo jedes Jahr Tausende ertrinken.

Gibt es eine Schätzung, wie viele Menschen durch die Wirtschaftspolitik der entwickelten kapitalistischen Staaten ums Leben gekommen sind?

Laut ECOSOC-Statistik sind vergangenes Jahr 52 Millionen Menschen Epidemien, verseuchtem Wasser, Hunger und Mangelkrankheiten zum Opfer gefallen. Der deutsche Faschismus brauchte sechs Kriegsjahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen - die neoliberale Wirtschaftsordnung schafft das locker in wenig mehr als einem Jahr.

Haben Sie mit Ihrer Arbeit in den UN etwas bewegen können?

Wohl eher mit meinen Veröffentlichungen. Mein Buch basiert nicht nur auf Statistik, es ist auch ein Erlebnisbericht, ich habe die Lage in vielen Ländern an Ort und Stelle studiert. Ich kann jetzt genau sagen, wer die Halunken sind - kann aber auch darauf hinweisen, welche Hoffnungen es gibt.

Für die Völker des Südens hat der dritte Weltkrieg längst begonnen. Solange wir schweigen, sind wir Komplizen der Mörder. Che Guevara hat gesagt: »Auch die stärksten Mauern fallen durch Risse« - und diese Risse werden zunehmend sichtbar!

Immer mehr Menschen wird es klar, daß diese kannibalische Weltordnung von Menschen gemacht wurde und auch von ihnen gestürzt werden kann. Mit der Mobilisierung der Zivilgesellschaft - ATTAC, Greenpeace, Via Campesina usw.

- ist ein neues historisches Subjekt entstanden. Ihr einziger Motor ist der moralische Imperativ - Immanuel Kant hat gesagt: »Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.«

Da möchte ich Deutschland hervorheben: Dieses Land ist die wohl lebendigste Demokratie Europas und immerhin die drittgröße Wirtschaftsmacht der Welt.

Das Grundgesetz gibt alle Waffen in die Hand, um die mörderischen Mechanismen, die Millionen Menschen durch Hunger töten, auf demokratischem und friedlichem Wege zu brechen. Karl Marx sagt: »Der Revolutionär muß imstande sein, das Gras wachsen zu hören« - der Aufstand des Gewissens in Europa steht bevor

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern - Die Massenvernichtung in der Dritten Welt (Originaltitel: Destruction Massive, Paris 2011). Bertelsmann, München 2012, 320 Seiten, 19,99 Euro * (kann auch über den junge Welt-Shop bestellt werden)

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Blue Planet Award für Jean Ziegler

Aus einer Mitteilung der ethecon-Stiftung:

In: junge Welt online vom 08.11.2012

»Der jährlich vergebene ethecon Blue Planet Award ehrt seit 2006 Personen für ihren herausragenden Einsatz zum Erhalt und zur Rettung des rBlauen Planetenl. Untrennbar mit diesem Positiv-Preis verbunden wird der Internationale ethecon Black Planet Award verliehen. Dieser Negativ-Peis prangert Personen an, die herausragende Verantwortung für Ruin und Zerstörung der Erde tragen und damit die Gefahr eines rSchwarzen Planetenl heraufbeschwören.

Der Internationale ethecon Blue Planet Award 2012 geht an Professor Jean Ziegler aus der Schweiz. Dieser setzt sich seit Jahren unerschrocken für das Recht auf Nahrung ein. Seine wohl bekannteste Äußerung ist rEin Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.l Mit seiner seit Jahrzehnten geübten und aufgrund seiner langjährigen Funktion als UN-Sonderberichterstatter für Ernährungsfragen sehr profunden Globalisierungskritik hat er Millionen Menschen in aller Welt inspiriert. Besonders beispielhaft ist dabei, daß er stets standhaft allen Repressionen von seiten der Konzerne und vor allem der US-Regierung die Stirn geboten hat. (...)

Der Internationale ethecon Black Planet Award 2012 geht an die leitenden Manager Ivan Glasenberg, Simon Murray und Tony Hayward sowie die Großaktionäre des GLENCORE-Konzerns/Schweiz.«

Die ethecon Positiv-Preise ehrten in den vergangenen Jahren Diane Wilson/USA (2006), Vandana Shiva/Indien (2007), José Abreu und Hugo Chávez/Venezuela (2008), Uri Avnery/Israel (2009), Elias Bierdel/Österreich (2010) sowie Angela Davis/USA (2011).

ethecon ist eine der wenigen Stiftungen rvon untenl, die sich mit ihren derzeit 31 ZustifterInnen und dem Leitmotiv rFür eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung!l in der Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen sieht. Die noch junge Stiftung finanziert sich über Zustiftungen, Spenden und Fördermitgliedschaften.«

Preisverleihung:

Samstag, 17. November, 14 Uhr, »Großer Saal« (Haus 13), Schönhauser Allee 176, 10119 Berlin

Die Laudatio hält Professor Hans See; im Rahmenprogramm spricht der Publizist Werner Rügemer zum Thema »Public Private Partnership - Ausverkauf öffentlicher Güter«

Die Veranstaltung ist kostenlos, aber anmeldepflichtig: Tel. 0211/2611210,

info@ethecon.org

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Medienerklärung

"Es ist ein Massenmord"

Internationaler ethecon Blue Planet Award 2012 für Jean Ziegler

(Berlin) Auf der diesjährigen Tagung von ethecon - Stiftung Ethik & Ökonomie ist am Wochenende der bekannte Konzern- und Globalisierungskritiker Jean Ziegler aus der Schweiz geehrt worden. Vor 200 begeisterten Teilnehmern nahm Ziegler von Gründungsstifter Axel Köhler-Schnura und der Fotokünstlerin Katharina Mayer die eigens gestaltete Preistrophäe in Empfang. Ziegler setzt sich seit Jahren unermüdlich für das Recht auf Nahrung ein. Seine wohl bekannteste Äußerung ist "Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Seine aufgrund seiner langjährigen Funktion als UN-Sonderberichterstatter für Ernährungsfragen profunde Globalisierungskritik hat Millionen Menschen in aller Welt inspiriert. Der Laudator Prof. Dr. Hans See erklärte: "Ziegler zeigt Mut, Zivilcourage, setzte schon früh seine Existenz aufs Spiel. Und er hat nie aufgehört zu zeigen, dass Revolutionen möglich und notwendig sind, dass Bürger- und Menschenrechte - trotz aller Niederlagen und reaktionärer Unterdrückung - längerfristig durchsetzbar sind." In seiner Dankesrede erläuterte Ziegler, dass es keinen objektiven Mangel an Nahrungsmitteln gebe. Der heute in der Welt herrschende Hunger basiere auf Agrardumping, Landgrabbing und Nahrungsmittelspekulation durch Industrienationen bzw. Hedgefonds und sei strukturelle Gewalt und Massenmord. Er hat aber auch Hoffnung, denn "jeder dieser mörderischen Mechanismen ist von Menschen gemacht und kann von Menschen gebrochen werden".

Parallel zur Auszeichnung Zieglers ist der Schmähpreis der Stiftung, der Internationale ethecon Black Planet Award 2012, an den Geschäftsführer Ivan Glasenberg, den Verwaltungspräsidenten Simon Murray und den Verwaltungsrat Tony Hayward sowie weitere Verantwortliche des Rohstoffkonzerns GLENCORE aus der Schweiz verliehen worden. "GLENCORE gehört zum Herz der heutigen Finsternis, die Jean Ziegler in seinen Büchern so eindrücklich beschrieben hat. Deshalb verdienen der Zuger Konzern und seine Herren Glasenberg, Murray und Hayward sowie die Großaktionäre mit dem Black Planet Award, dem Preis des finsteren Planeten, geschmäht zu werden.", so der Schmähredner Dr. Josef Lang. Der ehemalige BP-Geschäftsführer Tony Hayward wurde bereits 2010 für seine Verantwortung für die Deepwater-Horizon-Ölkatastrophe mit dem Black Planet Award geschmäht. Dazu Josef Lang: "Exakt ein Jahr nach der Katastrophe gab die GLENCORE bekannt, dass sie Hayward in ihren Verwaltungsrat berufen hat. In diesem gehört er dem dreiköpfigen Komitee für ,Umwelt, Gesundheit und Sicherheit' an. Wer den Bock zum Gärtner macht, dem liegt nicht viel am Garten." Die Konzernverantwortlichen sind wegen Umweltverschmutzungen, Menschenrechtsverletzungen, Steuerhinterziehungen und Korruptionsvorwürfen an den Pranger gestellt worden. Sie werden den Schmähpreis im Rahmen öffentlicher Aktionen in Zusammenarbeit mit internationalen sozialen Bewegungen zu einem späteren Zeitpunkt ausgehändigt bekommen.

Die ethecon Positiv-Preise ehrten in den vergangenen Jahren Diane Wilson/USA (2006), Vandana Shiva/Indien (2007), José Abreu und Hugo Chávez/Venezuela (2008), Uri Avnery/Israel (2009), Elias Bierdel/Österreich (2010) sowie Angela Davis/USA (2011). Die ethecon Negativ-Preise hingegen schmähten Manager und AktionärInnen der Konzerne MONSANTO/USA (2006), NESTLÉ/Schweiz (2007), Blackwater (Xe)/USA (2008), Formosa Plastics Group/Taiwan (2009), BP/Großbritannien (2010) und Tepco/Japan (2011).

Die Verleihung der beiden internationalen ethecon Preise war eingebettet in das Tagungsthema "Public Private Partnership - Ausverkauf öffentlicher Güter". Scharfe Kritik übte der Referent Dr. Werner Rügemer in seinem Vortrag an dem "privat-staatlichen Hybridwesen", das PPP darstellt, mit seiner "Komplizenschaft und Verfilzung von Privat und Staat unter privatwirtschaftlichen Maximen".

ethecon ist im Gegensatz zu den vielen Konzern-, Familien-, Kirchen-, Partei- und Staatsstiftungen eine der wenigen Stiftungen "von unten", die sich mit ihren derzeit 32 ZustifterInnen und dem Leitmotiv "Für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung!" in der Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen sieht. Die noch junge Stiftung finanziert sich über Zustiftungen, Spenden und Fördermitgliedschaften.

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"Kein Mangel an Nahrungsmitteln"

Stiftung ethecon ehrt Jean Ziegler

In: unsere zeit vom 23. November 2012

Auf der diesjährigen Tagung von ethecon - Stiftung Ethik & Ökonomie ist am Wochenende der bekannte Konzern- und Globalisierungskritiker Jean Ziegler aus der Schweiz geehrt worden. Vor 200 begeisterten Teilnehmern nahm Ziegler von Gründungsstifter Axel Köhler-Schnura und der Fotokünstlerin Katharina Mayer die eigens gestaltete Preistrophäe in Empfang. Ziegler setzt sich seit Jahren unermüdlich für das Recht auf Nahrung ein. Seine wohl bekannteste Äußerung ist "Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet". Seine aufgrund seiner langjährigen Funktion als UN-Sonderberichterstatter für Ernährungsfragen profunde Globalisierungskritik hat Millionen Menschen in aller Welt inspiriert. Der Laudator Prof. Dr. Hans See erklärte: "Ziegler zeigt Mut, Zivilcourage, setzte schon früh seine Existenz aufs Spiel. Und er hat nie aufgehört zu zeigen, dass Revolutionen möglich und notwendig sind, dass Bürger- und Menschenrechte - trotz aller Niederlagen und reaktionärer Unterdrückung - längerfristig durchsetzbar sind." In seiner Dankesrede erläuterte Ziegler, dass es keinen objektiven Mangel an Nahrungsmitteln gebe. Der heute in der Welt herrschende Hunger basiere auf Agrardumping, Landgrabbing und Nahrungsmittelspekulation durch Industrienationen bzw. Hedgefonds und sei strukturelle Gewalt und Massenmord. Er hat aber auch Hoffnung, denn "jeder dieser mörderischen Mechanismen ist von Menschen gemacht und kann von Menschen gebrochen werden".

Parallel ist der Schmähpreis der Stiftung, der Internationale ethecon Black Planet Award 2012, an den Geschäftsführer Ivan Glasenberg, den Verwaltungspräsidenten Simon Murray und den Verwaltungsrat Tony Hayward sowie weitere Verantwortliche des Rohstoffkonzerns GLENCORE aus der Schweiz verliehen worden. "GLENCORE gehört zum Herz der heutigen Finsternis, die Jean Ziegler in seinen Büchern so eindrücklich beschrieben hat. Deshalb verdienen der Zuger Konzern und seine Herren Glasenberg, Murray und Hayward sowie die Großaktionäre mit dem Black Planet Award, dem Preis des finsteren Planeten, geschmäht zu werden.", so der Schmähredner Dr. Josef Lang. Der ehemalige BPGeschäftsführer Tony Hayward wurde bereits 2010 für seine Verantwortung für die Deepwater-Horizon-Ölkatastrophe mit dem Black Planet Award geschmäht. Dazu Josef Lang: "Exakt ein Jahr nach der Katastrophe gab die GLENCORE bekannt, dass sie Hayward in ihren Verwaltungsrat berufen hat. In diesem gehört er dem dreiköpfigen Komitee für ´Umwelt, Gesundheit und Sicherheit´ an. Wer den Bock zum Gärtner macht, dem liegt nicht viel am Garten." Die Konzernverantwortlichen sind wegen Umweltverschmutzungen, Menschenrechtsverletzungen, Steuerhinterziehungen und Korruptionsvorwürfen an den Pranger gestellt worden. Sie werden den Schmähpreis im Rahmen öffentlicher Aktionen in Zusammenarbeit mit internationalen sozialen Bewegungen zu einem späteren Zeitpunkt ausgehändigt bekommen.

Die Verleihung der beiden internationalen ethecon Preise war eingebettet in das Tagungsthema "Public Private Partnership - Ausverkauf öffentlicher Güter". Scharfe Kritik übte der Referent Dr. Werner Rügemer in seinem Vortrag an dem "privat-staatlichen Hybridwesen", das PPP darstellt, mit seiner "Komplizenschaft und Verfilzung von Privat und Staat unter privatwirtschaftlichen Maximen".

Lydia Will

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