Volles Rohr

Hintergrund. Mit der Inbetriebnahme eines zweiten Strangs der »Ostseepipeline« scheint die deutsche Versorgung mit russischem Erdgas dauerhaft gesichert. Beim Zugriff auf den Rohstoff war Niedersachsen treibende Kraft

Jörg Kronauer

In: junge Welt online vom 12.11.2012

http://www.jungewelt.de/2012/11-12/026.php

Am 8. Oktober knallten in der Bucht von Portowaja die Sektkorken. »Wir haben geliefert!« rief der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder stolz: Der zweite Strang der Erdgasleitung Nord Stream, auch bekannt als »Ostseepipeline«, wurde an der russischen Ostseeküste unweit St.

Petersburgs offiziell in Betrieb genommen. Durch die zwei Röhren wird die Nord Stream AG, deren Aktionärsausschuß Schröder vorsitzt, bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr auf direktem Wege nach Deutschland leiten - »für mindestens 50 Jahre«, wie das Unternehmen erklärt. Damit könne man die langfristig, nicht zuletzt wegen des deutschen Atomausstiegs, steigende Erdgasnachfrage in der EU immerhin teilweise decken. Mit lobenden Worten bedachten keineswegs nur Vertreter der Nord Stream AG, wie der deutsche Exkanzler, sondern auch dessen Amtsnachfolgerin Angela Merkel das ehrgeizige Projekt, das trotz diverser technischer, vor allem aber auch politischer Schwierigkeiten nach 30 Monaten Bauzeit recht pünktlich vollendet werden konnte. Matthias Warnig, Managing Director der Nord Stream AG, konnte sich einen bissigen Hinweis auf das stockende, zumindest teilweise vor dem Scheitern stehende Pipeline-Konkurrenzvorhaben »Nabucco« nicht verkneifen. Betrachte man andere Erdgasprojekte in Europa »in ihren verschiedenen Planungsstadien«, so ließ er sich vernehmen, dann »erkennt man: Nord Stream hat neue Maßstäbe gesetzt«.

»Die größten Erdgasvorkommen«

Über Nord Stream ist in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden. Die Pipeline umgehe ganz gezielt Polen, Belarus und die Ukraine, hieß es immer wieder: Sie nehme diesen drei Staaten damit jeglichen Einfluß auf den Erdgastransport und erleichtere so machtpolitische Übereinkünfte zwischen Deutschland und Rußland zu Lasten der zwischen ihnen liegenden Länder. Die Röhre rechne sich nur, wenn man dauerhaft viel Gas aus sibirischen Quellen einführe, hieß es weiter: Berlin gerate deshalb in eine politisch gefährliche Energieabhängigkeit von Moskau. Zuletzt war zu hören, die Pipeline sei überflüssig: Da zum Beispiel in den USA immer größere Mengen einheimischen Schiefergases gefördert würden und Flüssiggasimporte ersetzten, suchten Flüssiggasexporteure wie der Erdgasriese Katar, der in den USA Einbußen erlitten hatte, mit Erfolg nach neuen Käufern: Die europäischen Erdgaseinfuhren aus Rußland verlören inzwischen gegenüber billigerem katarischem Gas an Boden. Argumenten wie diesen setzen Nord-Stream-Befürworter gewöhnlich entgegen, daß die Pipeline Deutschland einen direkten Zugriff auf eine der größten Erdgaslagerstätten weltweit verschafft: Die riesigen Erdgasfelder im Norden der Oblast (russischer Verwaltungsbezirk) Tjumen. Um einen solchen Zugriff bemühen sich die bundesdeutschen Eliten in der Tat schon lange - keineswegs erst seit 2005, als Bundeskanzler Schröder wenige Wochen vor seiner absehbaren Wahlniederlage eine damals viel kritisierte Einigung über den Bau von Nord Stream traf.

Die bundesdeutschen Bestrebungen, Zugriff auf das Erdgas der Oblast Tjumen zu erlangen, führten schon im Rahmen der legendären Bonner Erdgas-Röhren-Geschäfte ab 1970 zu ersten Ergebnissen. In den Erdgaslieferverträgen, die Ruhrgas und Sojusgasexport in den 1970er und 1980er Jahren geschlossen hatten, war es bereits um Einfuhren aus der Oblast Tjumen gegangen, die zwei Autonomen Kreise der Jamal-Nenzen und der Chanten und Mansen eingeschlossen. 1981 prahlte Der Spiegel mit Blick auf den bereits vierten Liefervertrag, den beide Unternehmen am 20. November des Jahres unterzeichnet hatten, bei den Lagerstätten in Tjumen, von denen die Bundesrepublik nun profitiere, handele es sich um »die größten Erdgasvorkommen der Welt«.

Hannover stößt die Tür auf

Das änderte sich mit den Umbrüchen ab 1989/90. Schon 1990 - die Sowjetunion existierte noch - nahm das Bundesland Niedersachsen, das vom 21. Juni des Jahres an von Ministerpräsident Gerhard Schröder regiert wurde, erste hoffnungsvolle Kontakte zur Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) auf. Die Kontakte mündeten am 2. Februar 1991 formell in eine »Gemeinsame Erklärung« über die Aufnahme partnerschaftlicher Beziehungen, wobei die Schrödersche Landesregierung keinen Zweifel daran ließ, welcher Region innerhalb der RSFSR ihr Streben nach »Partnerschaft« vor allem galt. Als sie 1991 Hilfsaktionen für die Bevölkerung der RSFSR in die Wege leitete, da kamen diese überwiegend der ressourcenreichen Industrieregion Perm und der Oblast Tjumen zugute. Schon bald verhandelte die niedersächsische Landesregierung mit dem Tjumener Gouverneur über eine engere Zusammenarbeit. Nach Angaben der Politologin Tatiana Khlystova wurde sie dabei von der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) unterstützt. Am 21. Mai 1992 überführte das Bundesland Niedersachsen unter Ministerpräsident Schröder seine »Partnerschaft« mit der verblichenen RSFSR mittels einer »Gemeinsamen Erklärung« in eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit der Oblast Tjumen. Darin wird ausdrücklich festgehalten: »Beide Seiten werden besondere Beachtung der Zusammenarbeit in der Erdöl- und Erdgasindustrie und der Landwirtschaft widmen, und zwar im Bereich der Förderung, der Verarbeitung und des Vertriebs hergestellter Produkte.«

Die Kooperation zwischen Niedersachsen und Tjumen, von dem es gelegentlich heißt, es sei »das Saudi-Arabien Rußlands«, wurde in den folgenden Jahren systematisch ausgebaut - gerade auch in den Jahren zwischen 1993 und 1998, als sich ein gewisser Frank-Walter Steinmeier zunächst als Büroleiter des Ministerpräsidenten, später dann als Staatssekretär sowie als Leiter der Niedersächsischen Staatskanzlei in Schröders unmittelbarem Umfeld niederließ. In dieser Zeit wurde die kommunalpolitische Zusammenarbeit intensiviert. So begründete Celle eine Städtepartnerschaft mit Tjumen. 1997 etablierte der niedersächsische Landtag Beziehungen, die als »partnerschaftlich« bezeichnet wurden, zur Gebietsduma der Tjumener Oblast.

Eine weitere »Gemeinsame Erklärung« über die »freundschaftlichen Beziehungen« beider Regionen wurde noch in Schröders und Steinmeiers Hannoveraner Amtszeit verhandelt und am 2. Oktober 1998, nur wenige Tage vor ihrem Wechsel in die Bundesregierung, verabschiedet. Die regionale Kooperation dauert bis heute an. Die TU Clausfeld etwa verlängerte im Juni im Beisein des gegenwärtigen niedersächsischen Ministerpräsidenten David McAllister ihre »Partnerschaft« mit der Staatlichen Erdöl- und Erdgasuniversität Tjumen; das Wirtschaftsministerium unterstützt auch weiterhin Aktivitäten niedersächsischer Firmen in der Region. Und da die Bedeutung des Tjumener Erdgases auch aus Sicht der Bundesregierung wohl kaum hoch genug veranschlagt werden kann, kümmert sich die für Bodenschätze zuständige Bundesbehörde ebenfalls darum: Am 30. Mai empfing der Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) eine Regierungs- und Wirtschaftsdelegation aus Tjumen am Behördensitz in Hannover.

Die Zusammenarbeit zwischen Niedersachsen und Tjumen hat nicht nur staatliche Stellen, sondern auch Firmen beider Seiten aus der Erdöl- und Erdgasbranche einander näher gebracht. So sind beispielsweise die ehedem im Besitz der Preussag befindliche, heute zu einer US-Firma gehörende Deutsche Tiefbohr-Aktiengesellschaft (DEUTAG) aus Bad Bentheim (Niedersachsen) und deren ebenfalls in Bad Bentheim ansässige Tochter Bentec GmbH, die Bohranlagen produziert, seit Jahren in Tjumen gewinnbringend aktiv. Diese deutschen Aktivitäten zusammengenommen schaffen ein für deutsche Großkonzerne günstiges Klima. Die deutschen Erdgasriesen sind längst vor Ort. Während die Ruhrgas AG schon seit den Erdgas-Röhren-Geschäften der alten Bundesrepublik Beziehungen nach Tjumen unterhält, hat die BASF-Tochter Wintershall ihren Einstieg dort gleichzeitig mit dem Bundesland Niedersachsen vollzogen - im Jahr 1990. Damals traf sie ihre ersten Vereinbarungen mit Gasprom über künftige Erdgaslieferungen. 1993 gründeten Wintershall und Gasprom die Gashandelsfirma Wingas, die seitdem mehr als 250 Milliarden Kubikmeter Erdgas umgesetzt hat. Freilich hatte Wintershall stets nicht nur den Handel, sondern auch den unmittelbaren Zugriff auf die Rohstoffe im Sinn. Ein erster Einstieg in die Ausbeutung der Ressourcen gelang dem Konzern im Jahr 1992, zwar noch nicht beim Gas, aber immerhin beim Erdöl: 1992 gründeten die Kasseler Firma und der größte russische Erdölproduzent, Lukoil, das Joint Venture Wolgodeminoil. Dieses führt seither umfassende Explorationen in der Oblast Wolgograd durch und hat mittlerweile drei Felder entdeckt, aus denen es kräftig Erdöl fördert.

Monopolkooperation

Der direkte Zugriff auf die riesigen Erdgasvorräte der Oblast Tjumen ergab sich für die deutschen Konzerne gegen Ende der 1990er Jahre. 1998 berieten Wintershall und Gasprom zum ersten Mal über die Gründung eines Joint Ventures zur Erdgasförderung. Es ging um das Gasfeld Urengoi im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen im Norden Tjumens, das ursprünglich eines der größten Gasfelder weltweit war. Urengoi wird allerdings schon seit Jahrzehnten ausgebeutet. Ende der 1990er Jahre sah man sich daher gezwungen, zu den »Achimow-Schichten« vorzudringen, einer sehr tiefliegenden, schwer erreichbaren Gesteinsformation. Es dauerte noch bis 2003, bis Wintershall und Gasprom das Gemeinschaftsunternehmen Achimgas schließlich unter Dach und Fach hatten, das 2008 schließlich die Testproduktion aufnahm. »Über einen Zeitraum von über 40 Jahren« solle Achimgas »insgesamt bis zu 200 Milliarden Kubikmeter Erdgas und 40 Millionen Tonnen Kondensat« aus der Tiefe holen, berichtet die Kasseler BASF-Tochter über das gemeinsame Ziel. 1984, als das erste Urengoi-Gas in die Bundesrepublik geliefert wurde, war ein solcher direkter Zugriff auf den Rohstoff für die bundesdeutschen Erdgaskonzerne noch ein ferner, vollkommen unrealistischer Traum.

Als Wintershall und Gasprom 1998 erstmals über Achimgas diskutierten, da hatten sie ein anderes Projekt soeben erst auf den Weg gebracht: eine Pipeline, die Erdgas aus der Oblast Tjumen direkt nach Deutschland bringen sollte, und zwar durch die Ostsee. Von 1997 bis 1999 arbeitete ein finnisch-russisches Joint Venture an den ersten Machbarkeitsstudien, die schließlich bestätigten, daß eine derartige Pipeline nicht nur technisch, sondern auch ökonomisch durchaus realisierbar sei. Kanzler Schröder und Kanzleramtschef Steinmeier, nicht zum ersten Mal mit Tjumen befaßt, ließen das Vorhaben auch auf EU-Ebene vorantreiben: Im Jahr 2000 erklärte Brüssel die Röhre im Rahmen der EU-Leitlinien für die Transeuropäischen Energienetze (TEEN, Trans European Energy Networks) zu einem »Vorhaben von gemeinsamem Interesse«. 2004 wurde eine Absichtserklärung über den Bau der neuen Pipeline auf den Weg gebracht, an der Gasprom und auf deutscher Seite zunächst E.on Ruhrgas und nicht Wintershall beteiligt waren. E.on Ruhrgas hatte sich bei Gasprom eine gewisse Vorzugsstellung verschafft: Der Konzern, seit den 1970er Jahren mit sibirischem Erdgas befaßt, war zunächst 1998 mit 2,5 Prozent der Aktien bei Gasprom eingestiegen und hatte seine Anteile bis 2003 Schritt für Schritt auf 6,4 Prozent erhöht; sein Vorstand Burckhard Bergmann, von 2001 bis 2008 Ruhrgas-Vorstandsvorsitzender, war 2000 als einziger Nicht-Russe in den Gasprom-Aufsichtsrat gewählt worden.

Als Bergmann diesen Posten im Jahr 2011 aufgab, wurde er zum persönlichen »Berater« von Gasprom-Chef Alexej Miller ernannt. E.on Ruhrgas hat seine Gasprom-Anteile übrigens inzwischen wieder abgegeben.

Parallel zur Absichtserklärung über den Bau der Ostseepipeline einigten sich E.on Ruhrgas und Gasprom 2004 noch auf ein weiteres Memorandum of Understanding, das die gemeinsame Erschließung des Erdgasfeldes Juschno Russkoje im Autonomen Kreis der Jamal-Nenzen vorsah. Damit stellte Gasprom Ruhrgas ebenfalls den unmittelbaren Zugriff auf eine riesige Lagerstätte in Aussicht, ganz wie zuvor Wintershall in Urengoi. Der kleine Unterschied: Während Wintershall dort aufwendig in die tiefliegende Achimow-Formation vordringen muß, war Juschno Russkoje 2004 noch praktisch unberührt. Es enthält förderbare Reserven mit einem Volumen von 600 Milliarden, vielleicht sogar einer Billion Kubikmetern Gas und ist fest als Quelle für die Ostseepipeline eingeplant, deren einen Strang es tatsächlich über Jahrzehnte befüllen kann. Das exklusive Recht, gemeinsam mit Gasprom das Erdgas aus Juschno Russkoje ausbeuten zu dürfen, erhielt wenig später dann allerdings entgegen den Absprachen nicht E.on Ruhrgas, sondern Wintershall.

Gasprom spielte die beiden deutschen Konzerne eine Zeitlang gegeneinander aus. Aus Berliner Sicht war das jedoch nicht entscheidend, und so nahm der damalige Außenminister Steinmeier in vollem Bewußtsein der Bedeutsamkeit am Festakt zum Beginn der Förderarbeiten teil. Wenig später stieg dann E.on Ruhrgas doch noch als dritter Konsortialpartner in die Ausbeutung von Juschno Russkoje ein. Seitdem halten die beiden deutschen Konzerne jeweils 25 Prozent minus drei Aktien an dem Joint Venture namens Severneftegasprom, während Gasprom seinerseits mit 50 Prozent plus sechs Aktien die Mehrheit hält. Das Projekt läuft rund, die maximale Förderintensität wurde bereits 2009 erreicht.

Kein Zugriff ohne Transportwege

Da selbst der unmittelbarste Zugriff auf Erdgas nichts nützt, wenn man den Rohstoff nicht sicher ans Ziel transportieren kann, war klar: Die Ostseepipeline mußte schnellstmöglich verwirklicht werden. Daß Berlin und Moskau mit der Ausschaltung der Zwischenhändler Polen, Ukraine und Belarus einen politisch höchst folgenreichen Schritt unternahmen, trifft dabei ungeachtet sämtlicher ökonomischer Rechtfertigungen für die Trassenführung zu. Ende 2004 und Anfang 2005 setzten hektische Verhandlungen über die Finanzierung der Pipeline ein. Als der Vertrag zum Bau der Röhre im September 2005 im Beisein von Kanzler Schröder und Präsident Wladimir Putin unterzeichnet wurde, war bereits gesichert, daß ein Zusammenschluß von Banken, darunter die KfW, bereitstand, um die nötigen Mittel für das Projekt zu beschaffen. Verwundern konnte das nicht, denn mit Krediten für die russische Erdöl- und Erdgaswirtschaft hatten deutsche Banken längst umfassende Erfahrung. Die Fachzeitschrift Osteuropa veröffentlichte Anfang 2007 eine Analyse, die die Vergabe internationaler Konsortialkredite an die russische Rohstoffbranche in der Zeit von 1997 bis 2006 untersuchte.

Demnach traten in der Mehrzahl aller Fälle deutsche Banken als führende Konsortialbanken auf; insgesamt, schrieb das Blatt, »waren 16 der größten deutschen Banken an 68 Krediten beteiligt, das sind über 80 Prozent der vergebenen Kredite mit einer Kreditsumme von 55 Milliarden US-Dollar«. Die dominierende Stellung deutscher Banken unter den Geldgebern der russischen Rohstoffbranche verschaffte der deutschen Seite ganz erheblichen Einfluß.

Es konnte daher auch nicht überraschen, daß Anfang 2006 der bisherige Rußlandchef der Dresdner Bank, Matthias Warnig, zum Managing Director der frisch gegründeten Nord Stream AG ernannt wurde.

Unter Warnigs Führung, unterstützt von Exkanzler Schröder, der kurz nach seiner Abwahl im Herbst 2005 Vorsitzender des Aktionärsausschusses bei Nord Stream wurde, und zumindest bis 2009 höchst aufmerksam begleitet vom damaligen deutschen Außenminister Steinmeier, schritten die »Nord Stream«-Aktivitäten recht erfolgreich voran. 2006 stufte die EU das Projekt zu einem »Vorhaben von europäischem Interesse« hoch, 2007 konnten die ersten Röhren in Auftrag gegeben werden - übrigens bei einem Nachfolger von Mannesmann, der die Pipelines schon für das Erdgas-Röhren-Geschäft der 1970er Jahre hergestellt hatte. Nord Stream, von Gasprom (50 Prozent plus eine Aktie), Wintershall und E.on Ruhrgas gegründet, nahm, um den sachlich völlig zutreffenden Anschein deutsch-russischer Dominanz zu verschleiern, noch die Nederlandse Gasunie und GDF Suez mit jeweils neun Prozent auf. Im November 2011 konnte dann der erste Leitungsstrang in Betrieb genommen und das erste Gas aus Juschno Russkoje, gefördert unter deutscher Beteiligung, zur Versorgung der Bundesrepublik direkt nach Deutschland geleitet werden.

Am 8. Oktober dieses Jahres folgte der zweite Strang. Schröders »Wir haben geliefert!« ließ offen, ob der Altkanzler damit den Pipelinebau durch Nord Stream meinte oder die Sicherung eines direkten deutschen Zugriffs auf die riesigen Erdgasvorräte der Oblast Tjumen, auf den schon manche seiner Aktivitäten als Ministerpräsident Niedersachsens gerichtet waren.

Vagheiten und eine Unbekannte

Wie geht es weiter mit dem deutschen Zugriff auf das russische Gas? Vieles bleibt vage. Klar ist nur, daß ein immer stärkerer Zugriff Berlin und der deutschen Industrie durchaus gelegen käme. Deshalb ist Wintershall zusätzlich zu seinen Förderaktivitäten in Urengoi und in Juschno Russkoje sowie zur Arbeit an Nord Stream voriges Jahr bei South Stream eingestiegen.

Außerdem hat der ehemalige Erste Bürgermeister Hamburgs, Henning Voscherau (SPD), ein Bruder des langjährigen, von 1996 bis 2008 tätigen, Vorstandsmitglieds des Wintershall-Mutterkonzerns BASF, Eggert Voscherau, bei dem Joint Venture den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden übernommen.

South Stream soll Erdgas aus Südrußland und dem Kaspischen Becken nach Europa transportieren; die Röhre konkurriert damit gegen die Nabucco-Pipeline, die geplant wurde, um Rußland zu umgehen, aber wohl allenfalls deutlich abgespeckt realisiert werden kann. Moskau würde die Pipelinepläne gerne noch weiter vorantreiben. Zuletzt war immer wieder von einem dritten oder gar vierten Strang für Nord Stream die Rede, was aber viele in Berlin für derzeit nicht realisierbar halten: Der Schiefergas-Boom und die steigende Verfügbarkeit von Flüssiggas lassen den Bau weiterer Röhren als schlicht zu teuer erscheinen, so daß der prinzipiell erwünschte stärkere Zugriff auf sibirisches Gas nicht profitabel finanziert werden kann. Immerhin hat E.on Ruhrgas seine Importverträge mit Gasprom im Jahr 2006 um 30 Jahre verlängert, obwohl mit dem Bau von Nord Stream ohnehin eine dauerhafte Lieferbeziehung etabliert worden ist, da man Pipelines ja schlecht verlegen kann.

Die wohl größte Unbekannte im Kampf um den Zugriff auf das russische Gas ist allerdings die Volksrepublik China. Das liegt nicht nur daran, daß das Land weiterhin boomt und sein Bedarf an Energierohstoffen entsprechend wächst. Auch Rußland hat ein Interesse daran, seine Lieferungen nach China erheblich auszuweiten, um seine Exporterlöse zu steigern und seinen deutschen Hauptabnehmern nicht allzu großen Einfluß einzuräumen. Die Pläne für den Bau von Pipelines aus Sibirien in Richtung Osten gewinnen daher an Bedeutung. Insbesondere rücken die Erdgaslagerstätten Ostsibiriens in den Blick. Ende 2008 hatte Gasprom-Chef Miller den Deutschen noch eine bevorzugte Rolle bei deren Erschließung in Aussicht gestellt: »Gasprom und BASF könnten beim Aufbau eines einheitlichen Produktions-, Transport- und Verarbeitungssystems für Erdgas in Ostsibirien und im russischen Fernost zusammenarbeiten«, ließ er sich in der deutschen Wirtschaftspresse zitieren. Geschehen ist seither jedoch so gut wie nichts. Statt dessen meldeten Agenturen im September, die Verhandlungen zwischen Moskau und Beijing über russische Erdgaslieferungen an China machten erkennbar rasche Fortschritte. In der Tat: Selbst Pipelines aus der westsibirischen Oblast Tjumen in die Volksrepublik China sind inzwischen im Gespräch. »Europa« müsse am Ball bleiben, um »nicht im Wettlauf um Energie das Rennen zu verlieren«, ließ sich im Frühjahr der Vorstandsvorsitzende von Wintershall zitieren. Er hat recht: Gewonnen hat Deutschland den Kampf um das russische Erdgas noch lange nicht.

Jörg Kronauer ist Sozialwissenschaftler, freier Journalist und Redakteur bei german-foreign-policy.com. Am 14. September schrieb er an dieser Stelle über die »deutsche Rohstoffstrategie« der Regierung Merkel.

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