Bejubelter Misserfolg  

Bundesbildungsministerium lobt »Deutschlandstipendium«. Nicht mal ein Prozent der Studierenden profitiert von diesem »Public-Private-Partnership«  

Claudia Wrobel 

In: junge Welt online vom 11.03.2016 

 

 Was nicht passt, wird passend gemacht. Nach dem Motto verbreitete das Bundesministerium für Bildung und Forschung am Mittwoch Jubelmeldungen über das sogenannte Deutschlandstipendium. Für das Ressort ist es bereits ein Erfolg und ein Beleg für »soziale Ausgewogenheit«, dass sich bei den Geförderten überwiegend die sozialen Merkmale der gesamten Studierendenschaft finden. So beträgt der Anteil der Nichtakademikerkinder unter den Deutschlandstipendiaten genau wie bei allen Studierenden 50 Prozent. Dass die Hürden für junge Menschen aus ärmeren Haushalten, ein Studium überhaupt aufzunehmen, hierzulande groß sind, blendet Ressortchefin Johanna Wanka (CDU) bei der Bewertung aus. Auch die Anzahl der Geförderten, 22.500 Studierende im Jahr 2014, wird in einem Bericht, den das Bundeskabinett beschlossen hat, besonders hervorgehoben. Dabei entspricht diese nicht einmal einem Prozent aller Menschen, die in der BRD studieren. Den eigenen Ansprüchen eine »neue Stipendienkultur in Deutschland« anzustoßen oder Menschen gezielt zu unterstützen, die besondere »biographische Hürden« überwunden haben, wird das Programm damit nicht gerecht.  

  Das Deutschlandstipendium gibt es seit fünf Jahren. Es handelt sich um ein Public-Private-Partnership-Projekt, also eine Zusammenarbeit privater und öffentlicher Geldgeber. Hochschulen sprechen Firmen, Stiftungen, Privatpersonen oder andere potentielle Unterstützer an. Aus Mitteln, die diese bereitstellen, wird die eine Hälfte der Förderung in Höhe von insgesamt 300 Euro pro Monat getragen. Die anderen 150 Euro pro Stipendium trägt der Bund. Die Auswahl der Stipendiaten liegt bei der Hochschule. Die privaten Geldgeber können bestimmen in welchem Studiengang oder welcher Fachrichtung »ihr« Stipendium vergeben wird. Wenn die Hochschule es zulässt, dürfen sie sogar am Auswahlverfahren teilnehmen. Außerdem stimmt es nicht, dass die Hälfte der Mittel aus privater Hand kommt: Die privaten Geldgeber können sie steuerlich geltend machen. So wird deutlich mehr als die Hälfte der Kosten vom Steuerzahler getragen.  

  Studierende, die unterstützt werden, erhalten die 300 Euro pro Monat über mindestens zwei Semester. Anders als bei den Begabtenförderungswerken, bei denen ein Stipendium bis zum Abschluss läuft, wenn das Vorankommen im Studienverlauf nachgewiesen wird, bietet das Deutschlandstipendium also keine Planungssicherheit. Eine Hilfestellung über Seminare oder ähnliches, ist ebenfalls nicht vorgesehen. Allerdings bleibt es dem privaten Gönner vorbehalten, diese nach Wunsch anzubieten.  

  Der Einfluss der nichtstaatlichen Geldgeber ist relativ groß. Trotzdem hält sich das Interesse in Grenzen: Ursprünglich waren im Bundeshaushalt 2015 bis zu 47 Millionen Euro für das Projekt vorgesehen. Aufgrund fehlender privater Unterstützer wurden davon nur 31 Millionen abgerufen. 

Trotzdem ein großer Posten, während gleichzeitig die Bafög-Leistungen, die wirklich eine Breiten- statt einer Elitenförderung gewährleisten sollen, deutlich unter dem sowieso schon niedrigen Existenzminimum liegen. 

Erst im Herbst dieses Jahres soll das Bafög um sieben Prozent angehoben werden. Und nicht mal alle Mittel, die für das Deutschlandstipendium ausgegeben werden, kommen auch bei Studierenden an: 2014 lag der sogenannte Durchführungsaufwand bei elf Prozent, 2011 ging sogar ein knappes Drittel der Mittel in Organisation, Marketing und ähnliches.  

  So ist CDU-Ministerin Wanka mit ihrem Lob für das Deutschlandstipendium ziemlich allein. Obwohl sie behauptet, es ermögliche »Bildungschancen für junge Talente unabhängig von der sozialen Herkunft«, fällt das Urteil der anderen Parteien vernichtend aus. Für Nicole Gohlke, hochschulpolitische Sprecherin der Linksfraktion, ist es »Irrsinn«: »Anstatt weitere Gelder dafür zu verschwenden, sollte das Bafög endlich bedarfsgerecht erhöht werden. Wenn die Bundesregierung das Engagement von privaten Förderern in der Bildungsfinanzierung erhöhen möchte, sollte sie den Spitzensteuersatz erhöhen und große Vermögen besteuern.« Auch Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion, beschreibt die Jubelmeldungen des Bildungsministeriums als »bizarr«: »Das Deutschlandstipendium hat extrem wenige Empfänger, bringt keine soziale Öffnung der Hochschulen, ist sehr teuer und ineffizient. Die Vergabe bleibt intransparent und willkürlich.« Und sogar die SPD, Koalitionspartner von CDU/CSU im Bund, hat nur Kritik für das Projekt übrig. Swen Schulz von der Bundestagsfraktion schlug vor, das Geld besser in die digitale Ausstattung der Hochschulen zu stecken.  

 

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Zahl der Studierenden ohne Abitur auf Rekordniveau 

50.000 Menschen ohne klassisches Hochschulreifezeugnis an der Uni eingeschrieben / Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften am beliebtesten 

 

Studieren ohne Abi? Die Nachfrage für solche Angebote steigt kontinuierlich, meldet das Centrum für Hochschulentwicklung. Waren es 1997 nur 8500, stieg die Zahl der Studierenden ohne Abitur 2014 auf fast 50.000. 

Berlin/Gütersloh. Rund 2,7 Millionen Menschen studieren in Deutschland - davon 50.000 ohne Abitur. Diese »Schallmauer« wurde nach aktuellen Berechnungen im vorigen Jahr durchbrochen, nachdem sich die Zahl der Studierenden ohne allgemeine Hochschul- oder Fachhochschulreife zwischen 2010 und 2014 schon auf 49.800 verdoppelt hatte. Wie das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) am Dienstag weiter mitteilte, steigt die Nachfrage nach einem Studium ohne Abi kontinuierlich - angefangen bei nur rund 8500 Studierenden 1997. 

In: Neues Deutschland online vom 08.03.2016 

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Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/1004406.zahl-der-studierenden-ohne-abitur-auf-rekordniveau.html 

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Wir fordern 60 Euro pro Unterrichtseinheit 

Deutschlehrer wehren sich gegen prekäre Arbeits- und Lernbedingungen in IntegrationskursenEtwa 150 Deutschlehrer haben am Mittwoch vor dem Bundesinnenministerium gegen prekäre Arbeits- und Lernbedingungen in Integrationskursen demonstriert. Mit Birgit Hauber, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, sprach für »nd« Elsa Koester. 

Sie haben am Mittwoch vor dem Innenministerium gegen die Arbeitsbedingungen für Deutschlehrer in Integrationskursen protestiert. Wie sieht die Situation in Berlin aus? 

In der Hauptstadt - wie überall in Deutschland - ist der Großteil der Dozenten für Deutsch als Fremdsprache bei freien Bildungsträgern unter Honorarvertrag. Sie sind Freiberufler mit allen prekären Arbeitsbedingungen, die dazu gehören.  

In: Neues Deutschland online vom 10.03.2016 

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Quelle: http://www.neues-deutschland.de/artikel/1004628.wir-fordern-euro-pro-unterrichtseinheit.html 

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Gleiches Geld  

Gutachten: Schlechtere Einstufung von Grundschullehrkräften ist »mittelbare Diskriminierung« von Frauen. GEW fordert gerechte Entlohnung  

Claudia Wrobel 

In: junge Welt online vom 08.03.2016 

 

Eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts soll in Deutschland unter anderem durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ausgeschlossen sein. 

Dass dem nicht immer so ist, ist eine Binsenweisheit. Das zeigt zum Beispiel die Entlohnung von Grundschullehrkräften, die zu 87,36 Prozent weiblich sind. Sie werden der Besoldungsgruppe A12 zugeordnet, für die im allgemeinen ein Bachelorabschluss ausreichend ist. Voraussetzung für das Lehramt an Grundschulen sind jedoch Master beziehungsweise Staatsexamen und Referendariat. Bei allen anderen Lehrkräften stimmen besoldungsrechtliche Zuordnung zu A13 und Zugangsvoraussetzungen überein. Die Differenz zwischen beiden Gruppen beträgt je nach Bundesland mehrere hundert Euro pro Monat. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert deshalb erneut gleiche Bezahlung für gleichwertige Arbeit. 

»Kleine Kinder kleines Geld, große Kinder großes Geld: Nach diesem ungeschriebenen Gesetz werden Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland bezahlt. Mit dieser Diskriminierung, die insbesondere Frauen trifft, muss endlich Schluss gemacht werden«, sagte GEW-Vorsitzende Marlis Tepe mit Blick auf den Internationalen Frauentag. Bereits in der vergangenen Woche legte die Gewerkschaft ein Gutachten vor, in dem die Juristinnen Eva Kocher, Stefanie Porsche und Johanna Wenckebach darlegten, dass durch die Besoldungspraxis eine »mittelbare Geschlechterdiskriminierung« vorliegt. 

So seien die Besoldungsvorschriften zwar geschlechtsneutral formuliert, wirkten sich aber überwiegend für ein Geschlecht nachteilig aus. 

Zum einen ziehen sie eine Pilotstudie aus dem Jahr 2008 heran, die nachweist, dass zwischen den Tätigkeiten von Grundschul- und Gymnasiallehrkräften keine nennenswerten Unterschiede bei den intellektuellen Anforderungen bestehen. Die physischen Anforderungen und psychosozialen Belastungen sind an Grundschulen sogar höher, was mit erschwerter Interaktion und der Konfrontation mit Problemen von Kindern und ihren Familien erklärt wird. 

Auch die Wertung der überwiegend pädagogischen Arbeit als geringwertig verglichen mit den fachlichen Erfordernissen an weiterführenden Schulen hält einer Überprüfung durch die Autorinnen nicht stand. Im Gegenteil: Für sie reproduziert diese Herangehensweise das Geschlechterstereotyp, wonach Wissenschaft rational und männlich, Pädagogik hingegen emotional und weiblich sei. 

Für die GEW ist klar, dass Grundschullehrerinnen und -lehrer damit Anspruch auf die gleiche Bezahlung wie ihre Kollegen haben. »Es wird Zeit, dass wir im 21. Jahrhundert ankommen und diesen traditionellen Frauenberuf endlich aufwerten«, unterstrich Tepe. 

 

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